Bergen erhält Denkmal für zwei namenlose Tote

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Eine Stele wird am Samstag im Ortskern von Bergen eingeweiht. Sie erinnert an zwei Menschen, die hier kurz vor Kriegsende 1945 ermordet wurden. Sie waren Häftlinge eines Todesmarsches. Warum die Weihefeier auch ein Abschied sein wird.

Bergen.

Die Erinnerung hat es Christoph Stölzel angetan - so sehr, dass er nun einen übermannsgroßen Gedenkstein finanziert. Schon, als der jetzige Eichigter Bürgermeister vor vielen Jahren seine Schnüffelnase als Journalist einsetzte, grub er so manches aus: Sachzeugen, die Werdegänge von Menschen und die Geschichten, die sich um alles ranken. Die Erinnerung ist für den 68-jährigen Süßebacher kein Lippengemurmel für Feiertage, sondern er verbindet sie mit einem Bekenntnis. Den 17. April hatte er dabei schon seit Jahren im Blick. An diesem Tag vor 76 Jahren, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, starben im Eichigter Ortsteil Bergen zwei Menschen, der Überlieferung nach durch die Hand von SS-Leuten. Zwei Menschen, von denen kein Name, keine Nationalität, kein Glaubensbekenntnis, schlicht gar nichts bekannt ist. Zwei Menschen, die als KZ-Häftlinge auf den opferreichen Todesmarsch aus dem thüringischen Außenlager Sonneberg durch das Vogtland getrieben wurden.

Zur Mahnung und Gedenken an zwei Namenlose wird am Samstagmittag ein Gedenkstein aus Theumaer Schiefer in Bergen eingeweiht. Im Ortskern, in Nachbarschaft von Gefallenen-Ehrenmal und historischer Glocke/Glockenstuhl erinnert die im Oelsnitzer Steinmetz-Fachbetrieb Ballmann entstandene Stele an eine der Bluttaten auf dem Weg der Häftlinge Mitte April 1945 durch die Region: Tote in Neundorf, bei Pirk, bei Burkhardtsgrün und Bobenneukirchen - woran das Grab auf dem Kirchhof Bobenneukirchen erinnert -, Tote und ein Denkmal auf dem Wohlbacher Friedhof. Die Stele in Bergen kommt als weiterer wichtiger Mosaikstein hinzu auf einer Route, die selbst für Experten wie die Forscherin Christine Schmidt aus Breitenbrunn im Erzgebirge bisher nicht überall nachvollziehbar ist. Wie die Elendskolonne genau lief, welche, heute vergessenen, damals aber zumindest Einheimischen gut bekannten Wege sie nutzte, ist Stoff für weitere Recherchen, so die Forscherin, die am Wochenende ebenfalls in Bergen erwartet wird.

Christoph Stölzel sieht die Gedenkstele als "ein sehr persönliches Bekenntnis gegen Hass und Hetze, gegen Krieg, Vertreibung, Verfolgung und Vernichtung. Die große Stele ist wie ein mahnender Zeigefinger", erklärt er. Und es ist für das scheidende Gemeindeoberhaupt noch mehr als das. Seine Amtszeit ist nach 14 Jahren auf der Zielgerade, am 9. Mai wird sein Nachfolger gewählt. Als bleibende Erinnerung hat er den Gedenkort für Bergen vorangetrieben und die Stele finanziert. Als Spruch für den Gedenkstein wählte Stölzel Worte aus dem Talmud, einer der bedeutendsten Schriften des Judentums. "Anfangs ist der böse Trieb wie ein Vorübergehender, dann wie ein Gast und zuletzt wie ein Hausherr", heißt es, betreffend das, was Menschen Menschen antun können. Die Stelle aus dem Talmud zitiert Stölzel ganz bewusst wegen der vielen jüdischen Opfer auf den Todesmärschen.

Ein Grab haben die beiden im sogenannten Rittergut wohl infolge eines Streites Ermordeten des 17. April 1945 aus Bergen nach heutiger Kenntnis nie erhalten. Stölzel verweist auf den vor sechs Jahren gestorbenen Bergener Landwirt Friedhold Adler, der nach seinen Worten zeitlebens die Bilder von 1945 nicht vergessen konnte und davon berichtete, wie die Toten auf einen Leiterwagen in Richtung Eichigt gefahren wurden. Dass sie hier auf dem Friedhof oberhalb der Kirche St. Katharina beigesetzt worden sind, bezweifelt Stölzel indes. Vermutlich sind die beiden Leichen vielmehr auf halbem Wege am Beginn des Waldes zwischen Eichigt und Bergen verscharrt worden. Eine spätere Exhumierung der Opfer ist ungeklärt.

Die Gedenkstele an die Nazi-Opfer in Bergen reiht sich ein in mehrere mit Steinen markierte historische Orte im Gemeindegebiet, für die sich Stölzel einsetzte. Dazu gehören die Dreibistumsecke in Untereichigt, aber auch der sagenumwobene Weiße Stein an der Einmündung des Haselweges unweit von Birkigt.

Die Feierstunde zur Einweihung der Gedenkstele im Ortskern von Bergen beginnt am Samstag, 17. April, 11 Uhr und wird musikalisch durch den Bergener Trompeter Walter Becher begleitet. Wer an der Einweihung teilnehmen möchte, wird um das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung und das Einhalten der coronabedingten Abstände gebeten.

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