Berufe in der Musikbranche locken vor allem junge Frauen

175 Jahre besteht die Berufs- und Berufsfachschule für Musikinstrumentenbau Klingenthal. Im neuen Ausbildungsjahrgang dominiert die Weiblichkeit. Das Rollenbild in der Branche hat sich gewandelt.

Klingenthal.

Aus ganz Deutschland und Südkorea kommen die Schüler des neuen Ausbildungsjahrgangs an der Berufs- und Berufsfachschule Klingenthal. Klingenthals Bürgermeister Thomas Hennig (CDU) und Schulleiter Karsten Meinel begrüßten sie im Ratssaal des Klingenthaler Rathauses, da in der Schule noch Bauarbeiten stattfanden. "Das könnten wir eigentlich zu einer Tradition werden lassen - und damit zeigen, dass die Ausbildungsstätte zu unserer Stadt gehört", überlegte Bürgermeister Hennig. Die erste Exkursion führte in dieser Woche zum Stimmplattenhersteller Harmonikas in Laun/Louny.

Die Klingenthaler Berufs- und Berufsfachschule ist neben Mittenwald (Bayern) und Ludwigsburg (Baden-Württemberg) eine der drei deutschen Einrichtungen für die Ausbildung von Musikinstrumentenbauern. Als vor nunmehr 25 Jahren das sächsische Kultusministerium die Idee verfolgte, die Facharbeiterausbildung vom zweiten Lehrjahr ab von Klingenthal nach Ludwigsburg zu verlagern, gab es geharnischte Proteste aus Klingenthal und Markneukirchen. Als Notfallplan wurde damals in Klingenthal sogar ein Projekt diskutiert, die Ausbildung im Bereich Akkordeonbau in die damalige Beschäftigungs- gesellschaft zu übernehmen. Auch das ist eine Episode auf der inzwischen 175-jährigen Geschichte der Einrichtung.

Bei den angehenden Musikinstrumentenbauern dominieren auch in diesem Jahrgang die jungen Frauen. Die Branche hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr stark verändert, wie ein Blick auf die Schülerzahlen belegt. In der Chronik der Einrichtung sind die Zahlen für die Jahre zwischen 1949 und 1970 bis ins Detail aufgeschlüsselt. So waren 1949 von 49 Berufsschülern 10 weiblich, 1953 waren es 37 von 78, vor einem halben Jahrhundert dann 21 von 70.

Ein Blick auf in Klingenthal damals ausgebildeten Berufe zeigt, wie schnell teilweise auf Veränderungen in der Wirtschaft reagiert wurde. So fällt beispielsweise auf, dass 1964 die Ausbildung von Akkordeonbauern unterbrochen war, nach dem es im Jahr zuvor noch 21 Stellen gab. Hintergrund war, dass die UdSSR als wichtigster Handelspartner in der Akkordeonbranche für 1964 keine Verträge unterzeichnete. Daraufhin musste die Produktion um mehr als die Hälfte gekürzt werden. Betroffen waren rund 900 Beschäftigte, davon rund 650 in Klingenthal. Kurt Kauert hat dies in seinem 2000 erschienen Buch "Der Musikwinkel und die Harmonika" detailliert beschrieben.

Betroffen von der notwendigen Umstrukturierung der Branche waren 26 Betriebe mit über 1800 Beschäftigten. Damals gaben die Klingenthaler Harmonikawerke ihre Zweigbetriebe in Gera und Carlsfeld auf. Ein Teil der anderen Betriebe gab die Akkordeonherstellung auf, die Produktion wurde auf Erzeugnisse der Elektrotechnik, des Fahrzeugbaus und verschiedener Branchen der Leichtindustrie umgestellt.

Die Zahl der Ausbildungsplätze für Akkordeonbauer blieb in den Jahren nach der sogenannten "Balgenkrise" begrenzt: 1966: 0, 1967: 8, 1968: 5, 1969:2. Intensiviert wurde in Klingenthal im Gegenzug die Ausbildung von Werkzeugmachern - gab es 1963 bereits 28 Ausbildungsplätze, so waren es 1965 bereits 33. Zwischen zwischen 1963 und 1970 nahmen insgesamt 176 angehende Werkzeugmacher ihre Ausbildung auf.

1970 tauchte ein neuer Beruf in der Musikbranche auf: Facharbeiter für Elektronik. Von 103 Ausbildungsplätzen im Schuljahr 1970/71 entfielen allein 28 auf diesen Bereich. Hintergrund war, dass in Schöneck nach der Einstellung der Zigarrenherstellung ab 1968 die Fertigung elektronischer Tasteninstrumente aufgebaut wurde, die bis 1991 bestand. Die einzige umfassende Ausstellung zeigte seit 2008 das Harmonikamuseum Zwota.

Das 175-jährige Jubiläum der Musik- und Berufsschule Klingenthal wird am 1. September mit einem Folk's Fest am Musikpavillon gefeiert - mit viel Musik und einem musikalischen Flohmarkt. Beginn ist 15 Uhr.

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