Bilanz: Zahl der Verfahren wegen Sexualstraftaten fast verdoppelt

32-mal wurde am Amtsgericht Auerbach 2020 deshalb verhandelt. Ein Jahr zuvor waren es 19 Fälle. Mit die meisten Verfahren fallen im Betreuungsrecht an. Die Pandemie hat den Richtern die Arbeit dabei nicht erleichtert.

Auerbach.

Der Anstieg ist deutlich: Wurden im vorletzten Jahr 19 Verfahren wegen Sexualstraftaten am Amtsgericht Auerbach durchgeführt, waren es 2020 "mindestens 32". Die vollständige Jahresstatistik liege noch nicht vor, sagt Inge Bahlmann. Die Zahl dieser Verfahren im vergangenen Jahr lasse jedoch keine Schlüsse auf eine tatsächliche Häufung von Sexualstraftaten in einer gewissen Zeitspanne zu, so die Amtsgerichtsdirektorin weiter. Denn die Zeiträume, in denen die Taten begangen wurden, seien aus dieser Statistik nicht ersichtlich. Bahlmann sieht eine gestiegene Sensibilisierung in der Gesellschaft für diese Art von Straftaten. Die Schwelle, ab der beispielsweise ein Übergriff als solcher wahrgenommen werde, sei gesunken, stellt die 56-Jährige, die seit 1992 Richterin und als Gerichtsdirektorin in Auerbach seit 2005 tätig ist, fest. Umgekehrt hätten die Fallzahlen im Zusammenhang mit Kinderpornografie tatsächlich leicht zugenommen, was laut Bahlmann den digitalen Möglichkeiten geschuldet ist.

Neun Richter, elf Rechtspfleger, 27 Mitarbeiter in mehreren Geschäftsstellen, drei Wachtmeister und fünf Gerichtsvollzieher zählen zum Betrieb des Amtsgerichtes in Auerbach. Allein vier Richter (zwei voll und zwei teilweise) sind mit Betreuungsrecht beschäftigt - dem mit durchschnittlich 2200 gleichzeitig laufenden Verfahren mit am stärksten beanspruchten Bereich.

Diese Zahl sei seit zwei bis drei Jahren konstant, berichtet Inge Bahlmann, im Corona-Jahr 2020 jedoch schwerer zu bewältigen gewesen. Betreuungsrecht greife dann, wenn jemand bestimmte Bereiche seines Lebens nicht mehr selbst regeln könne, fährt die Gerichtschefin fort. Behörden und Ärzte seien dabei eingebunden und für die abschließende Entscheidung durch einen Richter eine persönliche Anhörung zwingend. Dieser Part habe sich unter Pandemiebedingungen zunächst schwierig gestaltet. "Inzwischen sind wir mit allem ausgerüstet, was für den Gesundheitsschutz notwendig ist, sind für Anhörungen aber ergänzend auf die Schutzausrüstung in den Einrichtungen angewiesen", sagt Inge Bahlmann.

Auch bei den Verfahren zum Familienrecht hat sich nach Auskunft der Gerichtsdirektorin die Pandemie direkt bemerkbar gemacht. So verzeichnete die Familienrichterin mehrere Verfahren, in denen es ums Umgangsrecht für Kinder unter Coronabedingungen ging oder coronabedingte Kurzarbeit zu Anpassungen beim Unterhalt führte.

Insgesamt wurden 2020 am Amtsgericht in Auerbach gut 600 dem Familienrecht zuzuordnende Verfahren geführt - ein Anstieg gegenüber 2019, in dem in dieser Kategorie 580 Verfahren registriert wurden. Mit 38 und 35 Prozent machen 2020 Scheidungen und Sorgerechtsstreitigkeiten den größten Teil aus. Aber auch Unterhalt, Gewaltschutz, Heimunterbringung und Umgangsregelungen sind zu verhandeln gewesen.

Vom Familienrecht spannt Inge Bahlmann den Bogen zum Strafrecht und kündigt an, dass bei Verfahren, in denen es um sexualisierte Gewalt gegen Kinder geht, ab 2021 höhere Strafmaße gelten. So werden Taten in dem Bereich juristisch künftig nicht mehr als Vergehen, sondern als Verbrechen gewertet und mit mindestens einem Jahr bestraft.

Das Strafrecht insgesamt betrachtet, arbeitete das Amtsgericht 2020 knapp 500 Verfahren im Erwachsenenstrafrecht und 205 Verfahren im Jugendstrafrecht ab. Hinzu kamen 250 Ordnungswidrigkeitsverfahren. Zum Vergleich: 2019 waren es 458 im Erwachsenenstrafrecht, 261 im Jugendstrafrecht und 290 Ordnungswidrigkeitsverfahren. Etwa 550 Zivilverfahren, rund 2000 Nachlasssachen und gut 7000 Grundbuchsachen runden das 2020er-Geschäft am Amtsgericht ab.

Inge Bahlmann konstatiert: "Es zeigt sich, dass auch und insbesondere in Krisenzeiten eine funktionierende und unabhängige Justiz unabdingbar ist." Auch wenn einzelne Bürger im Moment vom Gegenteil überzeugt seien, ergänzt die Auerbacher Gerichtsdirektorin.

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