Der Geradlinige

Fällt jetzt der Druck ab? Seit heute ist Helmut Wolfram als Bürgermeister außer Dienst. 28 Jahre lang hat er sein Bad Brambach geprägt.

Bad Brambach.

Ach Helmut. Lass doch mal locker. Spring über deinen Schatten. Das muss dich jetzt nicht kümmern. Solche Worte hat Helmut Wolfram in den 28 Jahren als Bad Brambacher Bürgermeister oft gehört. Ihnen gefolgt ist er nie. Nun, da er das "außer Dienst" seit gestern schwarz auf weiß hat, da könnte er ihnen ja nachgeben, oder? Die Antwort ist eine typische Wolfram-Geste: Den Kopf ohne Anflug eines Lächelns leicht zur Seite, die Schulter leicht hochgezogen. Soll wohl heißen: Das ist halt so. Kann man nix machen. Alles nicht so einfach.

Wenn von Leuten vom alten Schlag die Rede ist, kommt leicht solch ein Bild vor Augen: ein Würdenträger, in Ehren ergraut, der über den Dingen schwebt, weil er viel schon gesehen, alles erlebt und unzählige Kämpfe ausgefochten hat. Im Grunde beschreibt das nichts anderes als einen Zyniker der Macht. Ein solcher ist Helmut Wolfram, der Quereinsteiger zunächst ohne das "richtige" Parteibuch, nie gewesen und nicht geworden. Sein Weg war gerade. Kein Schlängelkurs, der sich mal schnell an "die da oben" anbiedert, weil es vielleicht eine Tür öffnet. Kein Taktierer, der "den Leuten" nach dem Maul redet, weil sie ihre Meinung gern aus anderem Mund hören wollen. "Ein Stück Beratungsresistenz", das ihm der Freund Erhard Adler zuletzt attestierte, hatte er ohne Frage, aber dafür zugleich ganz viel fast schon preußisches Pflichtbewusstsein. Längst Legion ist die Zahl der Überstunden und hergeschenkten Urlaubstage.

Helmut, mach doch noch zwei Jahre. Oder wenigstens eins noch. Solche Reden gab es zuletzt. Ja, die 30 Amtsjahre hätte er schon gern noch vollgemacht, meinte der 65-Jährige gestern zum Abschied. Doch leichter ist es nicht geworden in den letzten Jahren in Bad Brambach. Nach einem Vierteljahrhundert verlor der Kurort wegen Einwohnerschwund seinen hauptamtlichen Bürgermeister. Dazu die Bürokratie, die trotz gegenteiliger Schwüre des Landes zunehmend als Selbstzweck wucherte. Wolfram ist in Rufweite des Rathauses daheim. Er versuchte, seine Arbeit, die immer Verwaltungsaufgaben einschloss, in einer Stundenzahl zu erledigen, die nicht dem lange zur Selbstverständlichkeit gewordenen Vollpensum entsprach. Manchem war das zu wenig Dynamik. Die Reden vom Aufbruch, den Bad Brambach nötig habe, nahmen zu. Helmut Wolfram ist nicht taub. Er hat sie gehört. Sein 65. Geburtstag vorigen Freitag, ein guter Termin zu sagen: Nun ist gut. So hat er es für sich entschieden. Das eine Auge lacht, das andere weint. "Irgendwann ist man ein klein bissel müde. Man muss nicht unbedingt mit 70 rausgetragen werden müssen", meinte er gestern. Dann gehen, wenn es noch heißt: Schade. Nicht: Gott sei dank. Die Kurve hat Helmut Wolfram gekriegt. Er und seine Bad Brambacher wissen im Grunde nur zu gut, was sie aneinander haben. "Auch wenn es zuletzt etwas geknirscht hat, sollte man das nicht überbewerten", findet Vizebürgermeister Otto Fischer.

Mit Wolfram geht eines der letzten Schwergewichte in der Kommunalpolitik, die die Aufbruchzeit nach 1990 mitgestaltet haben. Eine Zeit der Möglichkeiten, in der Wolfram nie seinen Kompass verlor: Suchet der Gemeinde Bestes, um eine Predigt über Jeremia abzuwandeln. An sich dachte er dabei oft zuletzt. Zu glänzen, war ihm unwichtig. Im zähen Kampf mit den Bad Brambach oft hemmenden, von Wolfram gern angeführten "Randbedingungen" etwas zu schnitzen, war sein Maßstab. Ach Helmut: Oft hat er gehört, er sehe alles ja viel, viel zu schwarz. Kann sein, knurrt Wolfram. Aber: "Das sind Erfahrungswerte. Die Realität beweist es", lehnt er es bis zuletzt ab, den Menschen etwas vorzumachen.


Warme Worte zum Abschied

Josef Jobst, Musiker und Ehrenbürger von Bad Brambach: "Du hast für uns so viel getan, wir wünschen dir einen recht langen, gesunden Lebensabend. Du hast dich sicher in 28 Jahren ein paar Mal ärgern müssen. Wir haben einen sehr guten Bürgermeister gehabt, das ist wirklich wahr. Wir hoffen, es geht so weiter."

Otto Fischer, Vizebürgermeister und CDU-Gemeinderat: "Es ist viel erreicht worden unter Helmuts Führung. Er ist irgendwann ins kalte Wasser geworfen worden. Wir hatten die Wahl gewonnen und keinen Bürgermeister - aber halt, da ist noch einer. Wir sind nicht schlecht gefahren mit ihm."

Erhard Adler, Ortschronist, hielt zur Gemeinderatssitzung eine Laudatio auf Wolfram, die so begann: "Ich wollte schon immer mal sagen: Sehr geehrter Herr Bürgermeister! Sonst immer: Lieber Helmut... Die Prädikate für den Kurort sind vor allem dein Verdienst und auch, dass wir nie in finanzielle Schieflage geraten sind."

Uwe Drechsel, Vizelandrat: "Bad Brambach war sicher keine einfache Gemeinde im Vogtlandkreis. Sie ist

eine blühende geworden unter ihrer Führung. Es braucht einen Steuermann, der das Schiff Bad Brambach in die richtige Richtung lenkt. Das ist mit Bravour gelungen. Der Nachfolger tritt in große Fußstapfen."

Zu den Gratulanten beim Abschied gestern Vormittag gehörten Vertreter von Gemeinderat, Musikschule, Sächsischen Staatsbädern, Brambacher Carnevalsvolk, Freiwilliger Feuerwehr und Firmen, Freunde und Bekannte sowie die Amtskollegen Petr Schaller (Fleißen/Plesná), Olaf Schlott (Bad Elster), Andreas Rubner (Markneukirchen) und Rico Schmidt (Adorf).

Der Nachfolger Helmut Wolframs wird im September gewählt. Am Sonntag, 9. September, stehen als Bewerber Jürgen Lenk von der CDU sowie die Einzelkandidaten Maik Schüller und Torsten Schnurre auf dem Stimmzettel. Erhält im ersten Wahlgang kein Kandidat die absolute Mehrheit, gibt es am 30. September einen zweiten Wahlgang, bei dem die einfache Mehrheit der Stimmen genügt. Die drei Bewerber stehen in einem Bürgerforum Rede und Antwort, welches die "Freie Presse" am 30. August, 18.30 Uhr, in der Festhalle Bad Brambach veranstaltet.

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