Ein Dichter, Landwüst und die Literatur

Morgen wird der Schriftsteller Volker Braun 80 Jahre alt. Er hat nicht nur seine Wurzeln im Vogtland, sondern die Region auch in den Mittelpunkt zahlreicher seiner Texte gestellt.

Erlbach/Landwüst.

Volker Braun, der 1939 in Dresden geboren wurde, hatte seine Vorfahren im Vogtland und er bekennt sich zu seiner Herkunft von vogtländischen Bauern, denen er inzwischen literarische Denkmale setzte. Das sagt der im vogtländischen Bergen lebende Literaturprofessor Rüdiger Bernhardt, der Volker Braun von vielen Begegnungen her kennt. "Ein Gedicht wurde dafür berühmt: Vom Wirtsberg bei Landwüst sah er den ,vollen Winkel der Zukunft: gefüllt schon/ Ein Streif.' Der Vers stammt aus dem berühmten Gedicht ,Landwüst' von 1974, das nach dem Dorf im Vogtland benannt wurde, aber für den Dichter zu einem Zentrum der Welt geriet". Veröffentlicht wurde das Landwüst-Gedicht 1974 im Band "Gegen die symmetrische Welt". Der Blick vom Wirtsberg verband sich mit der Erinnerung an seiner "Vorvoreltern" Dorf, "aufgebrannt der Welt ein Fleck/Zum Leben", verknüpft mit Erinnerung an seine vogtländischen Vorfahren und deren Leiden und Kämpfen zur Zeit des Bauernkrieges.

Die Wurzeln von Volker Braun liegen auch in Erlbach. Das Erbbuch des Amtes Voigtsberg sowie das sogenannte Türkensteuerregister aus dem Jahre 1542 nennen einen "Jacoff Braun", der einen halben Hof in Erlbach besaß. "Die Braun waren meist strebsame, findige Leute. Wir begegnen ihnen in der Orts- geschichte als Lehrer, Schneider, Rittergutspächter, Müller und Getreidehändler. In der Dorfgemeinschaft machten sie sich als Richter, Gerichtsschöffen oder Gemeindevertreter nützlich. Robert Braun erwarb sich während seiner 30-jährigen Tätigkeit als Gemeindevorstand große Verdienste", weiß der Erlbacher Ortschronist Helmuth Eßbach.


Die reich dokumentierte Familiengeschichte regte Volker Braun bei einem Besuches 2003 in Erlbach an, einige Begebenheiten literarisch zu bearbeiten, darunter den Brandprozess um die Hinrichtung des Fronhäuslers Christian Friedrich Sporn. Die Vollstreckung des Todesurteils am 25. Februar 1823 in Erlbach soll die letzte Enthauptung im Königreich Sachsen mit dem Schwert gewesen sein. Eberhard Schleinitz hatte über das Geschehen das Szenarium für ein Theaterstück geschrieben. Enrico Weller studierte es 2003 mit Schülern der Klassen 9 und 10 des Gymnasiums Markneukirchen ein, es wurde mehrfach im Erlbacher Alten Schloss aufführt.

"Ich kann mich nicht heraushalten, und ich kann die Hand nicht ins Feuer legen für meine Vorfahren, ins Feuer, das gelegt wurde und Johann Friedrich Braun, der Müller aus Erlbach, hat 34 Wochen in Ketten im Gericht gesessen", so beginnt Braun die literarische Aufarbeitung seines Aktenstudiums zum Brandprozess.

Die daraus entstandene Novelle "Der berüchtigte Christian Sporn" erschien in der Insel-Bücherei als Nummer 1259. Braun hatte sie im September 2004 bei einer Lesung im Riedelhof vorgestellt. Der MDR produzierte aus der Novelle 2005 ein Hörspiel, das am 15. November 2005 erstmals gesendet wurde. Sprecher waren dabei unter anderen so prominente Schauspieler wie Rolf Hoppe, Peter Sodann und Uwe Steimle.

Einer, der Volker Braun seit vielen Jahren kennt, ist der im vogtländischen Bergen lebende Literaturprofessor Rüdiger Bernhardt. Seit nunmehr sechzig Jahren, so sagt dieser, empfehle Braun sich und seinen Lesern Denkübungen: "Springen müsst ihr, mit Witz, die Dialektik am Hals." (Nr. 30 der Berliner Epigramme)

Der schöne Vers klingt bedrohlich. Verse wie dieser, so Bernhardt, finden sich laufend in dem alle Gattungen umfassenden Werk eines Poeten, der 1967 in einem Gedicht Bleibendes sagte "Nichts bleibt". Ein denkender Dichterphilosoph ist er geworden. "Immer mischte sich seine Dichtung ein und ließ sich ihre utopischen Entwürfe durch nichts und niemanden zerstören. "Auch nicht durch die Wende, die so viele Hoffnungen und so viele Enttäuschungen brachte", sagt Bernhardt. Volker Braun verdichtete die Wende in einem Gedicht "Das Eigentum", das zu einem der bekanntesten poetischen Texte nach 1989 wurde.

Unter den Veränderungen der Wende war der Verlust der Vollbeschäftigung, an deren Stelle für viele die "Maßnahmen" traten, am bittersten. Die betroffenen Menschen wurden regelrecht entwurzelt: sozial, mental und territorial. Das soziale Ethos der Arbeit ging schnell verloren. Es wurde nach 1989 ein zentrales Thema von Volker Braun.

2011 las der Autor im Bürgersaal in Falkenstein, ein besonderes Ereignis in einer an literarischen Ereignissen nicht verwöhnten Stadt. Bernhardt: "Aber das Vogtland lag Braun ja immer am Herzen". Er las aus seiner Erzählung "Die hellen Haufen". Den Stoff nahm Braun aus einer anderen Gegend mit Bergleuten: Das Kalibergwerk in Bischofferode bestimmte 1992 die Schlagzeilen; es sollte geschlossen werden und einige Kumpel traten in den Hungerstreik. Zu einem Aufstand kam es nicht. Einen solchen aber beschreibt Braun in dem fiktiven Bitterode, das mühelos auf Bischofferode verweist. Der Pfarrer Schurlamm, unschwer als Friedrich Schorlemmer zu erkennen, findet die Anerkennung des Autors, weil er "kein Mann des späten Muts wie diese 89er" gewesen sei; widersprochen wird ihm, weil er - wie Luther gegen die Bauern - gegen die "räuberischen und mörderischen Rotten" der Arbeiter gewesen sei.

Der Stoff, so Bernhardt, ist andererseits eine Variante des Themas, mit dem sich der Schriftsteller seit 1989 unentwegt beschäftigt, von der Erzählung "Die vier Werkzeugmacher" bis zum Roman "Machwerk". Es ist das Thema der Notwendigkeit der Arbeit für das Menschsein mit dem Umkehrschluss, dass Arbeits- losigkeit entmenschliche.

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