Ein Fleischer, die Flüchtlinge und der Frieden

Fleischermeister Stephan Roßner kann nicht nur an Wurst denken, wenn er in der Stadt-Galerie hinter seinem Tresen steht. Die Stimmung in der Stadt gefällt ihm nicht. Das sind seine Gedanken.

Plauen.

Stephan Roßner hörte laute Musik und Geschrei. Das war vor der Stadt-Galerie, in der seine Familie ein Geschäft hat. Oft steht Roßner, der Fleischermeister ist, dort selbst hinter seiner Theke und verkauft.

Es war laut, er ging raus und sah ausländische Jungs, die das Radio aufgedreht hatten. Roßner hat ihnen gesagt, dass die laute Musik viele störe. Er hat gesagt, dass sie dorthin gehen und Musik aufdrehen könnten, wo das niemanden aufregt. Jugendclub, Waldrand, das fiel ihm ein in diesem Augenblick. "Da haben die sofort leise gedreht", sagt Stephan Roßner. Er hätte auch gleich über die Musik brüllen können, sie sollen ihr verdammtes Radio abschalten. Das ist aber nicht seine Art, sagt er. Es ist der Ton, der die Musik macht.

Stephan Roßner macht sich Sorgen. Die Dinge, die im Stadtzentrum passieren, seien abschreckend für seine Kunden. Mit "Dingen" meint er Schlägereien und Streitereien, Drogengeschäfte, auch den Übergriff auf Polizisten Mitte August.

Oft sind Ausländer beteiligt. Abends kämen weniger Menschen zum Einkaufen in die Stadt-Galerie als früher, das merke man, sagt Roßner. Die Stimmung gefällt ihm nicht. Er höre von Frauen, dass sie sich lieber in Gruppen verabreden, um abends in die Stadt zu gehen. Manche gehen nicht mehr allein, erzähle man sich. Und dann sehe er, wie rechtsextreme Gruppen diese Stimmung für sich benutzen. Am Samstag zum Beispiel, wenn die rechte Splitterpartei "Der dritte Weg" in Plauen demonstrieren will.

"Das macht mir Angst", sagt Stephan Roßner. Er sagt, dass er ein Anliegen hat. Dass es wieder mehr harmoniert draußen, das ist sein Anliegen. Er sucht nach den Worten für das, was er sagen will. Eigentlich sei es besser, den Mund zu halten, gerade als Geschäftsmann. Alles werde so leicht missgedeutet, und am Ende lande man in einer der beiden Ecken. Gutmensch oder Nazi. Rechter oder Linker.

Dann will er es doch probieren, das Reden mit der Presse über dieses heikle Thema. Er ist vieles. Geschäftsmann, Arbeitgeber, Handwerker, Sportler, Vater. In jeder dieser Rollen gibt es andere, die sich auf ihn verlassen, die auf ihn zählen, für die er sich verantwortlich fühlt.

Es hätten Veränderungen statt- gefunden, mit denen viele nicht klar kämen. "Egal, welche Meinung man hat. Ob man das gut findet oder nicht: Fakt ist, es leben Leute aus verschiedenen Nationen und unterschiedlichen Kulturen bei uns", sagt er. Statt zu meckern, müsse man Lösungen finden, damit es harmonischer läuft. Der Fleischermeister will der Bundesregierung keine Ratschläge geben, was sie tun und was sie lassen soll. Er benutzt Worte wie Eigenverantwortung und Courage. Die erhöhte Polizeipräsenz sei wichtig, aber es gebe eben noch andere Ansätze. Auch die Stadtverwaltung hat ihren Streifendienst vor einem Jahr mit Schlagstöcken und Reizgas ausgerüstet und über den Postplatz ein Alkoholverbot verhängt.

Stephan Roßner wünscht sich mehr Streetwork. Von ausgebildeten Sozialarbeitern, und irgendwie auch von seinen Mitmenschen: "Viele Ausländer wissen nicht, wie der Deutsche funktioniert. Sie kennen unsere Gepflogenheiten nicht." Wenn jemand von anderer Herkunft Müll fallen lässt, hat er es sich angewöhnt, hinzugehen und ihn anzusprechen. Auch bei lauter Stimmung mische er sich ein und versuche rüberzubringen, dass das nicht gut ankomme. Eine Art, mit der er gute Erfahrungen mache.

Roßner ist größer und stärker als die meisten. 1,92 Meter groß und Bundesliga-Wasserballer. Er ist es gewohnt, in die Offensive zu gehen. Trotzdem findet er, dass auch andere Leute etwas machen können, damit es besser harmoniert. Ohne diese Anti-Stimmung rüberzubringen. Einfach mal lächeln, warum nicht? "Mir hat ein Ausländer einen Zettel hinterhergetragen, der aus meiner Tasche gerutscht war."

Professionelle Sozialarbeiter könnten auf beide Seiten zugehen. Vielleicht könnte man Sozialarbeiter einsetzen, die selbst Migrationshintergrund haben. Er nennt als Beispiel die Freibäder, in denen es einen libanesischen Rettungsschwimmer gibt und Baderegeln auf Arabisch stehen: "Das läuft doch."

Ist das jetzt naiv? "Ich bin nicht naiv", sagt er. Jemand habe ihm erzählt, dass viele junge Männer, die ihre Tage im Stadtzentrum verbringen, auf Abschiebung warten und abgeschlossen haben mit Deutschland. "Wir sollten versuchen, einen guten Weg zu finden."

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