Erdbebenforscher bereiten Bohrungen vor

Großer Lauschangriff: Forscher sammeln neue Daten über Schwarmbeben im Vogtland. Warum Tests vor bösen Überraschungen schützen sollen.

Bad Brambach/Hartessenreuth.

Die Vorbereitungen für Bohrungen bis in 400 Meter Tiefe auf deutscher und tschechischer Seite laufen. Wissenschaftler wollen Erkenntnisse zu Magmenbewegungen im Untergrund und durch sie verursachte Schwarmbeben um das Epizentrum nahe Neukirchen/Novy Kostel sammeln. Die Beben strahlen bis ins südliche Vogtland aus und sind regelmäßig von Einwohnern spürbar.

Vier Standorte sind abgesteckt. Für das Projekt stehen 1 Million US-Dollar zur Verfügung. Eine Bohrung soll bei Rohrbach, einem Ortsteil von Bad Brambach, in die Tiefe stoßen. Wann es dort losgehen kann, ist noch unklar. "Es sind viele behördliche Abstimmungen nötig", sagt Horst Kämpf vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) Potsdam, welches das Projekt leitet. Es geht nicht nur um die Mineralquellen, auch die Schutzgebiete für die Heilquellen sind heilig.

Derweil forscht das Team etwa 20 Kilometer weiter südlich, in Hartessenreuth/Hartoušov. Nächstes Jahr soll dort gebohrt werden. Nach 30 und 108 Metern diesmal bis in 300 Meter Tiefe. Auf den ersten Blick erscheint die Wiese mit zwei Holzhütten unscheinbar. Doch genau an der Stelle entsteht ein Tiefenobservatorium. In den Bohrlöchern versenken Wissenschaftler Seismometer, die automatisiert Daten liefern - ohne Störgeräusche von der Oberfläche. Das Ziel: Die Magmen- und Bebentätigkeit besser zu verstehen. Auch die Bohrkerne liefern Wissen - über die Vergangenheit der Region. "Es sind noch viele Fragen zu den Schwarmbeben im Vogtland und deren Entstehung offen", sagt Kämpf. "Man kann sich Erdbeben wie Krebs vorstellen. Es gibt viele Arten und kein Fall ist mit einem anderen direkt vergleichbar."

Der Geochemiker ist bis Dienstag im Gelände, misst dort mit einer Studentin aus Göttingen die Mengen aufsteigender Gase. Zusätzlich zeichnen Seismometer der Uni Leipzig den Weg des Blubberns aus der Tiefe nach. In der Umgebung gibt es ganze Felder, die von Mofetten übersät sind. Mofetten, das sind Stellen, an denen der Gasaustritt an der Oberfläche sichtbar wird. In den mit Wasser gefüllten Mulden brodelt es, Schlamm schmatzt. Vereinzelt verenden sogar größere Wildtiere wie Rehe beim Versuch, aus den Wasserlöchern zu trinken. Sie ersticken. Kohlenstoffdioxid, aber auch Helium und andere Edelgase liefern den Experten Anhaltspunkte über magmatische Aktivitäten im Untergrund. "Eine unserer Thesen ist, dass im Süden des Gebiets keine Erd- beben wie weiter nördlich entstehen, da hier die Gase entweichen können", sagt Kämpf. "Damit stehen wir aber erst am Anfang".

Im Oktober soll eine Drohne zusätzlich Bilder aus der Luft liefern. Denn die Gase verändern die Vegetation, Gras stirbt ab. "Wir wollen mit unseren Untersuchungen böse Überraschungen ausschließen", sagt Kämpf. Überraschungen, wie es sie 1958 bei Bohrungen nahe Franzensbad auf der Suche nach Braunkohle gab. Dem damaligen Bohrteam flog nicht nur das Gestänge um die Ohren, es sprudelte ihm auch eine meterhohe Wasserfontäne entgegen - Quellen im Kurort Franzensbad versiegten. Aus der Nummer habe man viel gelernt, sagt Kämpf. Das Wasser im Untergrund ergibt in Kombination mit den aufsteigenden Gasen eine explosive Mischung. Die Untersuchungsergebnisse sind deshalb entscheidend, bevor das Profiteam für Kontinentalbohrungen anrückt.

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