Flüchtlingskind von einst schwelgt in Erinnerungen

Christa Woide kam vor 75 Jahren als Aussiedlerin aus Schlesien nach Marieney. Jetzt besuchte sie den vogtländischen Ort, der ihr Leben prägte.

Marieney.

Christa Woide war 14 Jahre alt und hieß noch Hilzenbecher, als sie mit der Mutter und ihrer Tante 1944 durch die Kriegswirren aus Liegnitz/Legnica in Niederschlesien vertrieben wurde. "Ich werde nie vergessen, dass wir mitten in der Nacht alles stehen und liegen gelassen haben und nur mit ein paar Sachen wegfahren mussten", erinnert sich die 89-jährige Frau. Sie streicht sich durch die grauen, dünn gewordenen Haare und schaut in ein Nichts, als könne sie damit die Vergangenheit zurückholen.

"Wir sind zuerst in Plauen gewesen, kamen dann nach einem Fliegerangriff über Oelsnitz nach Hundsgrün und sollten schließlich weiter nach Marieney.

Dort sind wir dann geblieben." Obgleich das eine erzwungene Entscheidung war, sagt Christa Woide noch heute "mein Marieney". Sie spricht von den dem kleinen vogtländischen Dorf mit viel Liebe und auch Tränen in den Augen, denn er hat ihr Leben geprägt. Sie hat es nie vergessen, auch wenn sie nach der Heirat mit ihrem Mann Heliodor 1958 Marieney verließ und seitdem in Flößberg bei Borna lebt.

Als sich Christa Woide jüngst mit ihrer Tochter Annemarie und Enkelin Stefanie aufmachte, um Marieney zu besuchen, kamen ihr viele Erinnerungen. So an die täglichen Fußmärsche bei Wind und Wetter nach Oelsnitz in eine Stepperei, an das Warten auf das Milchauto oder an die giftige Bemerkungen von einigen Einheimischen: "Warum seid ihr nicht dort geblieben, wo ihr hergekommen seid?" Das ging ihr ans Herz: "Na klar, wären wir lieber in unserer Heimat geblieben!"

Ins Gedächtnis eingegraben hat sich ihr auch, wie ein Junge von einem US-amerikanischen Panzer an der Wand des Gasthaus Hinkeldey zerquetscht wurde, oder dass sie mit ihre Mutter im Sommer Pilze und Beeren, im Winter dann Holz sammelten, um sich irgendwie über Wasser zu halten.

Aber nicht nur deswegen spricht Christa Woide von "mein Marieney". Sie nennt das Dorf so wegen der Sonne, die ihr hier schien, wegen der menschlichen Wärme, die sie erlebte: "Als wir ankamen, konnte ich hier Weben lernen, in einem Betrieb arbeiten. Später dann war ich Kindergärtnerin. Das war immer mein Wunsch, weil ich Kinder so sehr liebe. Bis heute".

Nie hat Christa Woide vergessen, dass sie und ihre Familie von den meisten Einheimischen in Marieney mit viele Herz aufgenommen wurden, und von Menschen wie Therese Kürschner, Elfriede Rahm oder Anna Büttner eine Unterkunft gewährt bekamen.

"Die Jahre in Marieney haben mich für das ganze Leben geprägt. Mit unserem Chor in Flößberg haben wir auch Lieder vom Vogtlanddichter Julius Mosen gesungen", erzählt Christa Woide, und ihre Augen bekommen Glanz bei diesen Worten. Lächeln muss sie, wenn sie daran denkt, dass sie hier sogar eine Fremdsprache verstehen lernte - Vogtländisch.

Was die heute 89-Jährige während der Jahre in Marieney erlebte und auch danach, das hat sie in einem Tagebuch festgehalten. Dieses Dokument möchte die der Gemeinde Mühlental übergeben, zu der Marieney jetzt gehört. Das versprach sie Bürgermeister Heiko Spranger (Freie Wähler Marieney-Saalig) und Arnold Gläsel, die beim Wiedersehen im Bürgerhaus Marieney mit am Tisch saßen.

Darüber freuen würde sich auch Frieder Spitzner, der Vorsitzende der in Marieney ansässigen Vogtländischen Literaturgesellschaft "Julius Mosen". "Das wäre wunderbar. Es ist wichtiger Beitrag einer Zeitzeugin für die Chronik der Ortsgeschichte", machte er deutlich.

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