Früheres Pionierhaus: "Ein Jammertal"

Eigentümer York Dycks und sein Vater Horst Mayer wollten schon längst die sanierte Villa in Oelsnitz allen zeigen. Doch das stadtbildprägende Gebäude an der B 92 ist eine Baustelle geblieben. Das liegt wesentlich an einem seit zwölf Jahren währenden Rechtsstreit.

Oelsnitz.

Baumeister Horst Mayer (78) sitzt in seinem Haus in Oelsnitz und versteht die Welt nicht mehr. Es geht um das ehemalige Pionierhaus, in dem bis 1996 Generationen von Oelsnitzern ein und aus gingen. Wer es heute betritt, kommt auf eine Baustelle. Eine Baustelle, nicht in ein fertig saniertes Baudenkmal, das sich ansehen kann, wer mit der Villa Erinnerungen verbindet. Dabei war alles ganz anders geplant. Als vor fast 15 Jahren die Familie Mayer/ Dycks das Anwesen kaufte, ging es um die Sanierung eines besonderen Gebäudes. "Es ist nicht das Alter, das seinen Wert ausmacht, sondern die handwerkliche Kunst. Das hat mich fasziniert, und das tut es immer noch", sagt Mayer. Er ist als Baumeister ein Mann vom Fach, hat viele Immobilien saniert.

Doch beim Pionierhaus fällt es ihm schwer, aus dem Ist-Zustand des Hauses Motivation zu ziehen. Denn Einbau und Sanierung der Fenster im Pionierhaus beschäftigen seit fast zwölf Jahren die Juristen. Klage und Widerklage, mehrere Verhandlungstermine, Gutachten, Verfügungen: Sechs eng beschriebene Blätter umfasst das von Mayer dokumentierte Gerichtsverfahren. Nun ist für den 1. April 2020 eine erneute Verhandlung und Beweisaufnahme am Landgericht Zwickau angesetzt. Anderen wäre ob des Termins zum Scherzen zu Mute. Horst Mayer ist überhaupt nicht danach. Das Verfahren hat schwer an ihm gezehrt. "Es ist ein Jammertal", sagt er.

Das Pionierhaus, erbaut ursprünglich 1888, ist eng mit der Oelsnitzer Teppichindustrie verbunden. Errichtet für Alfred Müller, zeitweise Teilhaber der Firma Koch & te Kock, entstand das heutige Anwesen ab 1929 neu unter der Ägide von Grace Palfree, der englischen Frau des damaligen Alleinbesitzers der Teppich-Weltfirma, Leonhard Koch. Was der damalige Baumeister leistete, nötigt Mayer Hochachtung ab - und deshalb war der Plan, das auch als Villa Turmfried bekannte Anwesen in den Originalzustand zu versetzen. 2006 erging ein Auftrag zur Fenstersanierung. Was das beauftragte Unternehmen leistete, damit haderte Horst Mayer lange - und kündigte im Juli 2007 dem Auftrag. Dafür macht er "Mängel, Fehlausführungen, keine Bereitschaft, diese zu beseitigen und massive Terminüberschneidungen" geltend. Die geschasste Firma wiederum verklagte den Bauherrn am 25. Januar 2008 auf restlichen Werklohn, der aus ihrer Sicht ausstand. Summe: 42.000 Euro. Horst Mayer widersprach, machte unter Mitwirkung eines öffentlich vereidigten Sachverständigen eine eigene Forderung auf, was das Beheben von Mängeln und Fehlausführungen kosten soll. Im Raum: eine Summe von gut 300.000 Euro. Zur Klärung ordnete das Landgericht ein gerichtliches Gutachten an. Im Ergebnis des gerichtlich bestellten Gutachters aus dem Jahr 2013, gut sechs Jahre nach Klageerhebung, betrug die dokumentierte Schadenssumme vorerst 236.000 Euro. Nach Berücksichtigung von Abweichungen zum Beweisbeschluss und gegenständlichen Ausführungsangeboten erhöhte sich die Schadenssumme auf 320.000 Euro. Drei Jahre später, 2016, erließ das Gericht zur Klärung der Differenzen einen Beweisbeschluss für ein Ergänzungsgutachten. Nach weiteren zwei Jahren, 2018, wurde ein neuer Gutachter beauftragt. Der ursprüngliche Gutachter war zwischenzeitlich verstorben. Das Ergebnis des neuen Gutachters steht noch aus. Abgabefrist war der 15. November 2019. Zugestellt an die Beteiligten des Rechtsstreits ist es noch nicht.

Hier 42.000 Euro - dort 320.000 Euro. Der Unterschied wirft Fragen auf, zumal die ursprüngliche Auftragssumme für die Fenster bei 232.000 Euro lag und ein Teil der Fenster eingebaut wurde. "Ich habe es dreimal rechnen lassen und dreimal beurteilen lassen. Das amtliche Gutachten bestätigt es. Alle Fakten liegen offen. Aber die Summe ist nicht vermittelbar und irritiert die ganze Welt", räumte Mayer ein. Er führt durch das Haus, um das Haus, zeigt, wo aus seiner Sicht überall nochmals jemand ran muss. "Am liebsten würde ich anfangen und es auf eigene Kosten machen", sagt der Baumeister und weiß doch, dass aus Gründen der Beweissicherung bisher kaum etwas gemacht werden konnte. "Wegen fehlender Isolierungen, Wärme- und Schallschutz ist seit mehr als elf Jahren die Substanz des Baudenkmals stark gefährdet. Eine Nutzung ist nur sehr eingeschränkt möglich", betont Mayer. Er hatte damit gerechnet, dass über den Rechtsstreit spätestens 2010 entschieden ist. Nun sind es fast zwölf Jahre. In diesem unfertigen Zustand ist auch ein Verkauf des großen Hauses - 850 Quadratmeter Nutzfläche im Erd- und Obergeschoss, nochmals so viel in Keller und Boden - undenkbar. Eine von York Dycks geplante Akademie mit praxisorientiertem Schulungs- und Trainingszentrum für Agile Zusammenarbeit in den Bereichen IT, Systems Engineering und industrieller Produktentwicklung im Pionierhaus konnte bisher nicht eröffnet werden.

Mit einem Urteil in dem Verfahren ist nach den Worten von Altfrid Luthe, Pressesprecher am Landgericht Zwickau, 2020 zu rechnen. Derzeit sei das Verfahren noch nicht entscheidungsreif, die Beweisaufnahme noch nicht abgeschlossen - und die Akte zum Rechtsstreit beim Gutachter. Die Frage, warum das Verfahren in diesem Fall so lange dauert, könne er nicht beantworten, erklärt Luthe. "Dies würde eine eigene Bewertung des Pressesprechers voraussetzen, die mir nicht zusteht." Im Übrigen wüssten die Parteien im Rechtsstreit die "Gründe für die ungewöhnlich lange Verfahrensdauer". Im Durchschnitt dauerten Verhandlungen in Zivilsachen in erster Instanz am Landgericht Zwickau im Jahr 2018 elf Monate. Das steht in der Justizstatistik des Freistaats. "Allgemein kann gesagt werden, dass in Verfahren, in denen die Erstellung eines Gutachtens erforderlich ist, der Rechtsstreit dadurch um mindestens ein Jahr verlängert wird. In Ausnahmefällen kann dies auch deutlich länger dauern", sagt Luthe.

Horst Mayer will nur eins: Endlich ein Urteil. "Das Geld ist für mich nicht die Hauptsache. Es geht mir auch nicht um Schuldzuweisungen. Es ist eine Entscheidung in der Sache nötig. Hier wird ein Bauwerk durch die Länge des Prozesses vernichtet. Mir geht es darum, aufzurütteln. Damit die Öffentlichkeit das zur Kenntnis nimmt und Ursachen für einen drohenden Untergang des ehemaligen Pionierhauses kennt."

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...