Galgenfrist für Becker-Haus

Binnen zwei Monaten muss ein Interessent für das Gebäude in Adorf gefunden werden. Der müsste richtig viel Geld in die Hand nehmen. Denn das Gutachten zum Haus ist niederschmetternd.

Adorf.

Adorfs großes Sorgenkind erhält eine letzte Galgenfrist: Innerhalb von zwei Monaten muss sich ein neuer Eigentümer finden, sonst wird das denkmalgeschützte Reinhold-Becker-Haus am Markt abgerissen. Das ist der Weg, schwer errungen in Gesprächen zwischen Stadt und Denkmalschützern. Wer das Haus, Heimstatt der bekannten Orgelbauer-Dynastie Trampeli und Geburtsstätte Reinhold Beckers, Komponist und Chorleiter der Dresdner Liedertafel, retten will, braucht ganz viel Geld. 1,25 Millionen Euro veranschlagt Klaus Knüpfer von der Planungsgesellschaft für Bauwesen Knüpfer in Oelsnitz für das Sichern als Rohbau und den Innenausbau.

Adorf hatte Knüpfer im Herbst ins Boot geholt, als der Denkmalschutz den vom Stadtrat beschlossenen Abriss des Kulturdenkmals verweigert hatte. Der Bauzustand des Hauses hatte sich immer weiter verschlechtert, alle Nutzungsideen zerschlugen sich. "Aber wir wollen alle Möglichkeiten nutzen, damit später keiner sagen kann, es ist nicht alles getan worden, um das Haus zu erhalten oder zu nutzen", betont Bürgermeister Rico Schmidt (SPD). Erst vergangene Woche machte sich Sachsens oberster Denkmalschützer, der neue Landeskonservator Alf Furkert, selbst vor Ort ein Bild.

Der Denkmalschutz hat das Gutachtern Knüpfers anerkannt. Es fällt sehr schlecht für das Haus aus, in dem Adorfer Geschichte geschrieben wurde. "Wir haben nix Gutes erwartet. Aber wir sind schon erschrocken", resümierte Knüpfer zur Vorstellung des Gutachtens zur Stadtratssitzung. Das Gutachten ist eine Liste des Schreckens: Eingebrochene Gewölbedecken. Starke Risse im gesamten Haus. Pilzbefall in fast allen Holzdecken. Das Mansarddach komplett vom Hausschwamm zerfressen, Tragfähigkeit null. Große Probleme durch Setzungen im Bauwerk - was entgegen erster Vermutungen nicht am problematischen Baugrund liegt. "Das Fundament ist inhomogen, aus Bruchsteinen, mit schlechtem Gefüge - das zieht sich so über alle Seiten", erklärt Knüpfer. Einzig das Pfettendach im Spitzboden ist ein Hoffnungsschimmer - Zustand in Ordnung, selbst heutige Schneelastvorschriften einhaltend.

Die Leidensgeschichte des Hauses trug Knüpfer aus den Bauakten vor: 1912 ein problematischer Schornsteineinbau, ab 1932 Beschwerden von Bewohnern über das undichte Dach, 1947 Einstufung als einsturzgefährdet infolge Kriegsschäden und drohende Zwangsversteigerung wegen "Untätigkeit des Eigentümers", gefolgt von "hinhaltenden Sanierungen", immer wieder Klagen von Mietern sowie 1972 der Anordnung, das Haus zu sperren. Die restauratorische Untersuchung ergab "nichts Erhaltenswertes", sagt Knüpfer - nicht das Haus selbst, sondern seine Geschichte sei der erhebliche Wert für Adorf.

750.000 Euro würde es kosten, das Haus im aktuellen Zustand auf 20 Jahre zu erhalten. "Das kommt nicht in Frage. Das ist verschwendete Liebesmüh", lehnt Schmidt ab. Knüpfer gab eine andere Anregung: Wenn Geld ausgeben, dann Erhalten des Rohbaus. Ausbau des kaputten Holzes, Arbeiten an Fundament und den Wänden würden 850.000 Euro kosten, ein weiter nötiger Innenausbau 400.000 Euro. Das Landesamt für Denkmalpflege hat für diesen Weg eine sehr hohe Förderung zugesagt, informierte Schmidt. Es nennt aber keinen Fördersatz, was Stadträtin Mariechen Bang (CDU) kritisierte. Kein Geld gibt der Denkmalschutz indes dafür, das jetzige Haus abzutragen und in gleicher Kubatur wieder aufzubauen.

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