Glücksmomente nach Mauerfall

Der "Lichtergruß nach Posseck" am 10. Dezember 1989 am damaligen Grenzzaun zwischen Nentschau und Posseck läutete die Grenzöffnung in diesem Gebiet ein. Akteure von einst erinnern sich.

Posseck.

Mit dem "Lichtergruß nach Posseck" kam es am heutigen Dienstag vor 30 Jahren am damaligen Grenzzaun zwischen Nentschau und Posseck zu einer der außergewöhnlichsten Aktionen in den Tagen nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989. Längst überquerte man in Berlin und anderswo in Deutschland die Grenze. Zwischen Nentschau und Posseck allerdings war sie nach wie vor dicht.

"Das war eine ganz blöde Situation", erinnert sich Ilona Groß, die ehemalige Bürgermeisterin von Posseck. Auch dem damaligen SPD-Ortsvorsitzenden aus Regnitzlosau Theodor Beckstein, der zu der Zeit bei der Bayerischen Grenzpolizei angestellt war, sind die Ereignisse noch unvergessen im Gedächtnis haften geblieben. Vor wenigen Tagen trafen sich fast alle Initiatoren des Lichtergrußes noch einmal, um an das Ereignis zu erinnern.

"Es lag viel Schnee und es war bitterkalt", erinnert sich Gerda Rödel. Ihr Mann Günter war damals über die B 173 zu seiner Verwandtschaft nach Posseck gefahren. Im Gepäck hatte er "Flugblätter" mit der Information, dass am 2. Advent ein Lichtergruß stattfinden soll. "Das verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den Orten. Ich erinnere mich noch genau, dass wir am Samstag Weihnachtsfeier im Schloss hatten, als man mich fragte, ob ich davon Kenntnis habe, dass am kommenden Tag eine Demo stattfindet", erzählt Groß. Ungeachtet dessen, dass die Grenze vielerorts bereits durchlässig war, überlegten am Sonntagvormittag der Kompaniechef sowie der zuständige Bataillonskommandeur der Grenztruppen der DDR in Anwesenheit von Bürgermeisterin und Räten wie die Grenze angesichts dieses Vorhabens gesichert werden kann. Wichtig war den Herren vor allem, dass die Menschen auf der anderen Seite der Grenze diese nicht übertreten. Die Bürgermeisterin dagegen hoffte, dass alles friedlich bleibt. "Das ehemalige Grenzgebiet, den 500 Meter Sperrstreifen, gab es ja bereits seit dem 9. November 1989 nicht mehr. Aber die Zäune standen noch. Überall um uns herum waren die Grenzen schon offen. Wir konnten und wollten die Leute doch nicht zurückhalten", erläutert Groß. Bei den DDR-Grenztruppen war das allerdings so damals noch nicht durchgängig im Bewusstsein.

"Bataillonskommandeur Pöllmann sprach mir gegenüber am 10. Dezember in Ullitz sogar von möglicher Grenzverletzung", erinnert sich Beckstein. Er telefonierte daraufhin sofort mit seinem Chef Karlheinz Wendler, der den Regnitzlosauer kurzerhand von seinem Dienst an der Ullitz an den Schlagbaum nach Nentschau beorderte. "Es muss wohl so 15 Uhr gewesen sein. Ich hatte Weihnachtslieder auf Kassette dabei, die ich abspielte und dann warteten wir, was passiert." In der aufkommenden Dämmerung habe man schließlich die ersten Lichter gesehen, die sich von Tiefenbrunn und Haselrain Richtung Posseck bewegten. Vom Schlosspark aus ging es dann gemeinsam Richtung Grenze. Rufe wie: "Macht das Tor auf!" stießen zunächst auf taube Ohren bei den DDR-Grenzern.

Die etwa 200 Bürger von Regnitzlosau und Nentschau standen auf bayerischem Boden, die über 300 Possecker, Tiefenbrunner, Haselrainer, Eichigter und DDR-Bürger aus weiteren Orten auf ostdeutschem Boden. "Wenn wir zu nah an den Grenzzaun kamen, wurden wir wieder zurück geschickt", erinnert sich Sigmund Puchta. Fackeln, Kerzen, Taschenlampen - dieser 10. Dezember 1989 an der Grenze Nentschau/Posseck machte es einmal mehr deutlich: Die Menschen in beiden Teilen Deutschlands wollten damals vor allem eines: friedlich zusammenleben. "Wir wollen mit dem Lichtergruß unsere Verbundenheit gegenüber unseren Brüdern und Schwestern im anderen Teil Deutschlands kund tun", heißt es in der Einladung des 1. Vorstandes des SPD-Ortsvereins Regnitzlosau Theodor Beckstein zum Freundschaftstreffen am Schlagbaum Nentschau/Posseck. Einen Glücksmoment gab es am Ende der Aktion, als es gelang, dass das Tor im ersten Grenzzaun kurze Zeit geöffnet wurde und die DDR-Bürger über das Gebiet des Todesstreifens an den zweiten Grenzzaun konnten. Der zweite Zaun allerdings hatte kein Tor mehr. Und so gingen an diesem Abend alle wieder zurück in ihre Dörfer. Das Tagesziel war erreicht.

Zu einem zweiten Treffen, das am 16. Dezember geplant war, kam es dann allerdings nicht mehr, weil zwischenzeitlich der Befehl erlassen wurde, dass der Grenzübergang Posseck/Nentschau geöffnet wird. Dies passierte am 21. Dezember 1989. "Am 21. Dezember haben wir im Possecker Schloss dann so richtig gefeiert", sagt Udo Benker-Wienands. Die Regnitzlosauer und Triebeler Schüler boten ein Kulturprogramm. Es gab Kakao und Plätzchen.

In diesem Jahr möchte man sich am Vorabend des 21. Dezember, am 20. Dezember 2019, 18 Uhr, am Gedenkstein an der Landesgrenze treffen und mit Fackeln nach Posseck ziehen. "In der Hagerscheune soll der Abend bei Gesprächen und Erinnerungen ausklingen", erklärt Ilona Groß.

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