Im Schatten des Pirker Riesen: Eine Portion Brückenpfeiler, bitte!

Die wichtigste Straße des Vogtlands feiert Jubiläum. Viele Menschen leben von und mit ihr. "Freie Presse" stellt sie vor. Heute: Judith Hertwig betreibt seit knapp zwölf Jahren das Brückenstüb'l unter der großen Brücke bei Pirk.

Pirk.

Eine Autobahn verbindet, und kommt sie dann noch mit einer großen Brücke daher, gibt es schnell einen Gesprächsfaden zwischen Menschen, die sich Minuten vorher noch wildfremd waren: So hat es Gastwirtin Judith Hertwig aus Pirk immer wieder erlebt in fast zwölf Jahren, in denen sie unter der Autobahnbrücke "Judith's Brückenstüb'l" betreibt. Es ist auch nicht schwer: Den Gastraum zieren Fotos aus ganz verschiedenen Brücken- und Autobahnzeiten. Allein die Geschichte, wie Europas größte Quaderstein- Gewölbebogenbrücke mehr als ein halbes Jahrhundert Zwangs-Dämmerschlaf im Elstertal hielt, bis der Torso, für manche einem Wunder gleichkommend, vollendet wurde, ist Stoff für viel Plauderei. Bevor Brückenfrühstück, Brückenteller oder Brückenpfeiler aufgetafelt werden.

Das erste Gericht ist ein herzhafter Tagesstart, das zweite ein Hauptgericht um ein ordentliches Schnitzel, das dritte eine Portion Pommes für den kleinen Hunger. Alles Teil eines Traums, den sich Judith Hertwig 2006 mit ihrem Lokal im Brückenschatten verwirklichen konnte. "Ohne die Autobahn, ohne die Brücke wäre ich wahrscheinlich nicht da", sagt die 47-Jährige. Doch ihre Geschichte mit und um die A 72 beginnt nicht erst mit dem Brückenstüb'l, sondern schon in der Zeit, als die Autobahn hinter der Anschlussstelle Pirk eine Sackgasse war. Eine Sackgasse, weil die Brücke so da stand, wie 1940 verlassen, nur durch angeflogene Bäume bevölkert.

Die Blechschlange quälte sich auf der B 173 durch Türbel und Pirk - mittendrin, am damaligen Imbiss auf der Türbler Brückenseite: Judith Hertwig. Hier war die gelernte Schneiderin angestellt, eine Perspektive, nachdem sie in der Dako in Plauen keine mehr hatte. Drei Monate, nachdem der Verkehr ab dem 2. Oktober 1992 zunächst einspurig über die Brücke rollte, schloss ihr Chef den Imbiss. Bis das Brückenstüb'l am 3. Oktober 2006 eröffnete, vergingen fast 14 Jahre. "Das haben viele heute vergessen", sagt Judith Hertwig. Sie hat es nicht vergessen - vor allem nicht die drei Jahre, in denen sie um die Baugenehmigung kämpfte. Am Ende mit Erfolg - und die Hertwigs wohnen nun sogar unter der Autobahn. Ein Rauschen, mehr nicht, ist von der A 72 gut 50 Meter höher zu vernehmen. "Selbst das hören wir nicht mehr", sagt die Wirtin, die Gästen immer wieder versichern muss, dass es hier alles andere als laut ist. Nicht laut, aber gern lebhaft geht es drinnen und draußen vorm Stüb'l zu. Es kommen Gäste, die in Höhe Globus von der Autobahn einen Abstecher wagen, sagt Judith Hertwig - aber nicht nur: Viele Wanderer, Biker, Ausflügler sind Stammgäste.

Gefragt bleibt die Brücke nach wie vor, Broschüren und Faltblätter finden im Lokal guten Umsatz. Erst recht nach einem Film des MDR 2015 über den Koloss. "Da kommen heute noch Leute, die sagen: Das haben wir gesehen, da müssen wir unbedingt mal hin", erzählt die Wirtin. Den Sahneblick auf die Brücke zu erhaschen, ist nicht einfach: Wucherndes Grün von allen Seiten macht es nicht leicht. "Als ich eröffnet habe, waren die Bäume halb so groß", so Judith Hertwig. Als sie eröffnete, hieß die Gaststätte auch noch Imbiss. Wegen der offenen Küche hat die ausgebildete Hotelfachfrau erstmal tief gestapelt - aber bemerkt, dass Autos mit auswärtigen Kennzeichen am Schild Imbiss eher weiterfuhren, weil sie wohl Roster im Brötchen oder Fritten im Fett des ganzen Tages erwarteten. Seit 2010 heißt das Lokal Brückenstüb'l. Die offene Küche, einst als Handicap vermutet, ist ein Plus: Wo man sieht, dass alles frisch zubereitet wird, bleibt es nicht bei einem Besuch.

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