Judasohr rückt in den Fokus

Der Pilz des Jahres 2017 ist besser bekannt als ein asiatischer Exportartikel. Auch im Vogtland kommt er vor: in Holunder-Nähe.

Oelsnitz/Klingenthal.

Jedes Jahr benennen Verbände und Organisationen Pflanzen und Tiere des Jahres. Mehr als 30 Wesen stehen so im Mittelpunkt des Interesses. Die Liste reicht vom Wildtier, einem Vogel über Spinnen, Libellen, Moose und Flechten bis zu den Pilzen. Für die Pilze ist die Deutsche Gesellschaft für Mykologie zuständig. Dieses Gremium entschied sich dieses Jahr für das Judasohr.

Das Judasohr ist ein Gewächs, das auch den Beinamen Holunderpilz trägt, womit schon viel über seinen bevorzugten Standort gesagt ist: Das Judasohr wächst oft auf altem Holunderholz. Seinen ungewöhnlichen Namen Judasohr trägt der Pilz, weil sich einer Legende nach Judas Iskariot, der Mann, der Jesus verraten hat, aus Gram an einem Holunderbusch erhängt haben soll. Das Ohr im Namen ist der ungewöhnlichen Form des Pilzes geschuldet, die an eine Ohrmuschel erinnert. Der Pilz darf seinen Namen unbeschadet tragen. Jedoch hat die 2000 Jahre alte Geschichte des Verräters in der deutschen Gesellschaft bis heute so tiefe Spuren hinterlassen, dass der Vorname Judas von den Standesämtern abgelehnt werden darf.

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Das Judasohr ist sogar ein Speisepilz, wenn auch kein bekannter. Die 16 Pilzberater des Vogtlandkreises kennen den Pilz aber ganz sicher und einige andere Pilzsammler wahrscheinlich auch. Pilzberater Wolfgang May aus Reichenbach hat das Judasohr sogar im eignen Garten entdeckt. Kurz vor Weihnachten erzählte er noch: "Erst vorige Woche sind die Pilze bei mir noch gewachsen."

Solange es frostfrei und feucht sei, finde man den Pilz in der Natur. Seine Speisequalitäten schätzen die Pilzkenner aber unterschiedlich ein. May: "Das Judasohr ist gut zum Trocknen geeignet. Eine Pilzpfanne nur aus dieser Art möchte ich aber nicht essen. Da gibt es andere, schmackhaftere Pilze. Aber in ein Pilzmischgericht passt er gut." Im asiatischen Raum dagegen schätzen die Menschen die Qualität des Speisepilzes offenbar ganz anders. Dort findet er sich als Zutat in vielen Gerichten. Die Asiaten bezeichnen den Pilz als Mu-Err, hierzulande heißt er dann auch, abgeleitet von der Herkunft des Kulturpilzes, chinesische Morchel. Unter einer dieser Handelsbezeichnungen liegt er getrocknet in Regalen der Einkaufsmärkte. Die Asiaten bauen den Mu-Err-Pilz als Kulturpilz auf Holzsubstrat an.

Hierzulande stehen Gerichte mit dem Judasohr oft auf der Speisekarte chinesischer Restaurants. Auch Wolfgang May kennt und schätzt solche asiatischen Gerichte. Pilzsammler legen dem Pilzberater allerdings nur selten Judasohren vor, "und wenn, dann höchstens, weil sie wissen wollen, was das für ein eigenartiger Pilz ist und weniger, weil sie hinter dieser Art einen Speisepilz vermuten."

Das Judasohr ist nicht nur von eigenartiger Form, sondern auch von eigenartiger Konsistenz. Der Pilz wirkt gallertartig, durchscheinend. Er kann mehrmals vollkommen austrocknen und bei Regen wieder aufquellen. Er wächst nicht nur an Holunderbüschen. Der als Parasit lebende Pilz kann sich auch auf anderen Holzarten wie Birken oder Robinien ansiedeln.

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