Jugendliche wollen zurück in reale Welt

Einrichtungen für junge Menschen setzen in der Region auf Online-Angebote. Noch lieber hätten diese es aber "altmodisch".

Reichenbach.

Jugendlichen wird oft nachgesagt, dass sie lieber in der virtuellen als in der realen Welt leben. Doch das stimmt offenbar gar nicht. Viele wünschen sich derzeit nichts sehnlicher, als ganz real ihre Freunde wieder zu treffen. Diese Beobachtung macht Anne Beyer, Sozialarbeiterin an der Weinholdschule und Mitarbeiterin im Verein für offene Jugendarbeit in Reichenbach. Sie und das Team des Vereins, der mehrere Einrichtungen betreibt, darunter das Jugendzentrum JAM an der Dammsteinstraße, lassen sich jeden Tag etwas Neues einfallen, um Abwechslung in das Leben der jungen Leute zu bringen.

"Zuletzt haben wir ein Video hochgeladen, das zeigt, wie man Haare flechten kann", berichtet die junge Frau. "Auch Koch- und Backvideos sind entstanden, die wir zu Hause in der eigenen Küche gedreht haben, und ein im Jugendclub gedrehtes Video über einen 3-D-Drucker." Abrufbar sind die Filme über den Youtube-Kanal des Jugendzentrums. Überhaupt läuft die gesamte Kommunikation wegen der Kontaktsperre online. "Auch für uns war das eine Umstellung. Wir mussten uns zuerst orientieren, auf welchen Kanälen die Jugendlichen unterwegs sind und uns dann informieren, wie sie funktionieren", berichtet Beyer. Durch die Kontaktsperre hat die mediale Welt für junge Menschen auf der einen Seite einen noch höheren Stellenwert bekommen: "Die Jugendlichen sind gefühlt 24 Stunden sieben Tage die Woche online, weil das derzeit die einzige Möglichkeit ist, untereinander Kontakt zu halten", berichtet Anne Beyer. Andererseits wachse das Bedürfnis, die Freude wieder treffen zu können. "Viele wünschen sich inzwischen, dass die Schulen wieder öffnen. Den Teenagern fällt zu Hause die Decke auf den Kopf. Für manche ist es auch eine Herausforderung, sich komplett selbst organisieren zu müssen und den Tag zu strukturieren", so die Sozialarbeiterin. Auch Eltern stehen vor ungewohnten Herausforderungen, indem sie ein Auge darauf haben müssen, dass die Kinder die von den Schulen online gestellten Aufgaben abarbeiten.

Um in dieser Situation die Familien unterstützen zu können, hat der Verein für offene Jugendarbeit wochentags von 10 bis 16 Uhr zwei Telefone geschaltet: das Mut-mach-Telefon für die junge Generation und ein Elterntelefon. "Die jungen Leute können das Telefon nutzen, wenn sie Sorgen oder Kummer haben oder einfach, wenn sie mit jemandem reden möchten", erklärt Anne Beyer.

Für die vier Sozialarbeiter, die sonst an den Schulen in Reichenbach und Neumark tätig sind, hat sich der Berufsalltag komplett geändert. "In den Schulen organisieren wir Projekte, kümmern uns zum Beispiel darum, dass die neuen Fünftklässler schnell Kontakt zu den anderen Schülern finden oder wir beschäftigen uns mit Themen wie Cybermobbing und Sicherheit im Netz", erklärt Beyer ihre übliche Arbeit. "Jetzt schreiben, chatten und telefonieren wir sehr viel. Auch die Arbeitszeit zieht sich viel weiter auseinander, weil wir uns, so gut es geht, nach den Bedürfnissen der jungen Leute richten wollen."


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