Landwirtin kämpft an vielen Fronten

Die wichtigste Straße im Vogtland wird 80. Viele leben von und mit der A 72. "Freie Presse" stellt sie vor. Heute: eine Bäuerin zwischen Müllstandort und Autobahn.

Schneidenbach.

Manja Tröger sitzt in ihrer Küche im elterlichen Vierseithof in Schneidenbach. Auf dem Tisch stapeln sich Unterlagen. Zielsicher zieht die Land- und Pferdewirtin einen Ordner hervor, der die Milchleistungen ihrer Kühe dokumentiert, als das Telefon klingelt und der Praktikant eine Frage stellt. "Jammere net herum, kämpfe", antwortet sie etwas schroff und erklärt dann, deutlich sanfter, was der Praktikant erledigen soll. Die 44-Jährige managt auf ihre hemdsärmelige Art zwei an der Autobahn 72 liegende Landwirtschaftsbetriebe in Schneidenbach und Hartmannsgrün - und sie weiß, wovon sie spricht. Seit elfeinhalb Jahren wähnt sie sich in einem Kampf als vogtländischer David gegen einen schier übermächtigen Goliath. Und dabei hat sie einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt.

Auslöser war der Großbrand bei der benachbarten Firma Glitzner Entsorgung GmbH am 16. Januar 2007. Jenes Ereignis änderte für die Landwirtin alles. Berge von Recyclingmaterial standen in Flammen, Schneidenbach und das Umland waren in dicken Rauch gehüllt. Von der A 72 aus bot sich ein Tribünenblick auf das brennende Areal. Bis Zwickau - Luftlinie gut 16 Kilometer entfernt - beklagten sich Menschen über beißenden Kunststoffgeruch.

Manja Tröger prozessiert bis heute gegen die kreiseigene Müllfirma, bei der es seither mehrere kleinere und 2012 einen weiteren Großbrand gab. Es geht um erhebliche Schadenersatzforderungen. Teile des Bestandes ihrer Appaloosa-Westernpferde, mit denen sie internationale Wettbewerbe gewann, und auch Teile des Milchviehbestandes sind nach dem Brand eingegangen. Das sei direkte Folge das Brandes und freigesetzter Umweltgifte, behauptet Manja Tröger, während die Firma Glitzner den Zusammenhang bestreitet und die Haftung ablehnt. Dabei schwingt der Vorwurf mit, sie selbst habe Fehler bei der Tierhaltung begangen.

Der Kampf zwischen beiden Seiten wurde mit Haken und Ösen geführt. Auf der einen Seite Landwirtin Manja Tröger, auf der anderen Uwe Schink, Geschäftsführer der kreiseigenen Müllfirmen KEV, DSG und Glitzner. Schink wurde inzwischen von den Aufsichtsgremien entlassen, sein Nachfolger ist Jörg Blei, seit vielen Jahren Glitzner-Betriebsleiter in Schneidenbach. Die Anwälte des kreiseigenen Unternehmens wollten Tröger mit der Androhung von 250.000 Euro Ordnungsgeld oder sechsmonatiger Haft zum Schweigen bringen, doch sie scheiterten. Dann punktete Glitzner am Landgericht Zwickau. Das wies per Urteil vom 21. April 2015 die Schadenersatzklage ab. Doch die Vogtländerin ging in Berufung. Das Oberlandesgericht Dresden hielt dem Landgericht Zwickau einen "Verstoß gegen rechtliches Gehör" vor. Wesentliche Aspekte seien ausgeblendet worden. Das Zwickauer Urteil wurde kassiert, das Landgericht muss erneut verhandeln. Den Streitwert legte das OLG Dresden auf nunmehr 702.000 Euro fest. Seither sind mehr als zweieinhalb Jahre ins Land gegangen. Der Ausgang bleibt ungewiss.

Doch wie kann man angesichts solcher Konflikte ruhig schlafen? Wie funktioniert Landwirtschaft in Schneidenbach, dem hübschen Ort am Rande des Göltzschtals, der jedoch vom Müll-Standort dominiert wird? Wenn Felder von der Müll-Drehscheibe des Vogtlandes im Osten, vom weiter wachsenden Industrie- und Gewerbegebiet Reichenbach im Norden und von immer mehr Verkehr auf der A 72 im Süden und Westen eingeschlossen sind?

"Ich bin ruhiger und entspannter geworden", sagt Manja Tröger. Sie werde sich nicht verdrängen lassen. Vor zehn Jahren hätte eine Einigung weniger gekostet, meint sie. Mit Behörden habe sie so allerlei Kämpfe auszutragen, manches empfinde sie als "Schikane". Sie hält es für merkwürdig, dass der Vogtlandkreis Eigentümer des Müllfirmengeflechtes ist und als Kreisbehörde zugleich sachgerecht entscheiden wolle, wenn es um diese Firmen geht.

Die Kreisbehörde sagt auf Anfrage zum Vorwurf der Schikane nichts und verweist knapp darauf, dass Gerichte entscheiden. Wörtlich heißt es aus der Pressestelle: "Näheres zum Sachverhalt sollte über den Geschäftsführer der DSG erfragt werden." Geschäftsführer Jörg Blei spielt den Ball zurück: "Anfragen, die Beteiligungen des Vogtlandkreises betreffen, werden durch die Pressestelle des Landratsamtes bearbeitet."

Die A 72, meint Manja Tröger, sei für die Landwirtschaft das kleinste Problem. Es gibt Durchlässe für die Fahrzeuge ihres kleinen Betriebes, der Vogtlandfarm Manja Tröger. Im Nu gelangt die Landwirtin auch nach Hartmannsgrün. Dort ist sie Gesellschafter der Agrarland GbR, die mit 350 Milchkühen, diversen landwirtschaftlichen Flächen und 15 Mitarbeitern schon zwei Nummern größer ist. Die Schneidenbacherin hält den Laden zusammen und lobt die Mannschaft. "Es ist schwere Arbeit", daran ändert auch Technik-Einsatz nur wenig. "Unsere Leute sind fleißig, durch die Bank."

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