"Leidensdruck ist noch nicht groß genug"

Plauener Professor für Gesundheits- und Sozialmanagement spricht im Interview über "heiße Eisen" der medizinischen Versorgung

Der Plauener Berufsakademie-Chef Lutz Neumann diskutiert als Professor des Studiengangs Gesundheits- und Sozialmanagement mit seinen Studenten auch den neuen Krankenhausplan für Sachsen und die umstrittenen Pläne des Gesundheitsministers. Zu den Auswirkungen auf die Kliniklandschaft im Vogtland befragte ihn Nicole Jähn.

Freie Presse: Herr Neumann, Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will den Personalschlüssel für das Pflegepersonal in Kliniken ab 2019 verschärfen und droht mit Bettenabbau, wo das nicht gelingt. Gleichzeitig formuliert Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) im neuen Krankenhausplan, dass für sie Bettenabbau kein Thema ist. Was heißt das denn jetzt für die Kliniken im Vogtland?

Lutz Neumann: Das ist das übliche Problem zwischen Bund und Ländern. Gesundheitsminister Spahn will durchaus eine Verbesserung der Pflege in den Krankenhäusern erreichen und das ist grundsätzlich erst einmal gutzuheißen. Man muss schon sagen, dass der Zwang zur permanenten Reduzierung sämtlicher Kosten in den vergangenen Jahren in einigen Häusern auch an der Pflege nicht vorbei ging. Das Problem ist aber, dass man nicht nachbessern kann, wenn die nötigen Kräfte dafür überhaupt nicht vorhanden sind.

Was ja gerade im Vogtland ein Problem darstellt.

Ja, nicht nur im Vogtland: Das betrifft den gesamten ländlichen Raum. Schon aktuell sind wir dort ambulant nicht so gut versorgt wie in den Großstädten. Wenn jetzt noch in den Krankenhäusern Kapazitäten durch die höheren Anforderungen wegfallen, würde das wieder zuerst den ländlichen Raum treffen. Das genau will Frau Klepsch vermeiden. Denn das würde hier für längere Wege sorgen und die Situation von Patienten sicher nicht verbessern. Das Problem ist nicht ganz so einfach lösbar, wie Herr Spahn sich das vielleicht wünscht.

Sie werten den neuen Krankenhausplan also als ein gutes Signal aus Dresden für das Vogtland?

Es ist zumindest ein klares Signal, dass nicht weiter abgebaut werden soll. Wie angekündigt, scheint die Regierung umzuschwenken und nicht mehr nur auf die Ballungszentren zu setzen.

Mit der Klinik am Brunnenberg in Bad Elster gibt es aber nur ein Spezialzentrum in unserer Region - die meisten stehen in Leipzig oder anderen Großstädten. Zieht das nicht wieder Geld und Wissen aus der Breite ab?

An solchen Zentren arbeiten hoch spezialisierte und interdisziplinäre Teams zusammen, die können sie gar nicht in die Breite kriegen. Das ist auch nicht das Ziel. Wichtig ist doch, dass Patienten nicht wegen einer Blinddarmentzündung bis nach Leipzig müssen. Ich denke, wir kommen im Vogtland nicht schlecht weg. Wir haben eine gute Krankenhausdichte und gerade Plauen ist auch für die Breitenversorgung gut aufgestellt. Wichtig ist, dass wir die Qualität halten - gerade vor der Problematik der fehlenden Pflegekräfte.

Aber selbst mit Pflegekräften: Wie lange ist der Status quo in Zeiten einer kleiner werdenden Bevölkerung haltbar? Auch für Krankenhausleistungen prognostiziert der Plan bis 2030 einen Rückgang.

Aber nur um drei Prozent und letztlich ist das auch nur eine Schätzung. Es wird keine wesentliche Änderung beim Bedarf an Krankenhausleistungen geben. Die Bevölkerung schrumpft zwar im Vogtland, aber sie wird älter. Das heißt, dass die Behandlungsfrequenz und -dauer der Fälle sich erhöhen. Etwa, weil mehr künstliche Gelenke eingesetzt werden. Die älteren Patienten gleichen das wegfallende Leistungsvolumen durch die schwindende Anzahl der Jüngeren aus.

Steigt in den Kliniken dann nicht die Verlockung, die weniger werdenden Fälle länger zu behalten und mit Eingriffen zu versorgen, die nicht nötig wären?

Die Verweildauer ist eine wirtschaftliche Frage der Kliniken. Seit es die Fallpauschalen gibt und nicht mehr pro Tag abgerechnet wird, ist dieser Anreiz des Bettenfüllens weggefallen. Bei dieser Strategie würden die Krankenhäuser nur draufzahlen. Die Fallpauschalen sind so kalkuliert, dass die Patienten die Verweildauer in der Klinik benötigen, bevor sie ambulant weiterbehandelt werden können. Verkürzen kann man die Dauer kaum, will man sie nicht blutig vom OP-Tisch entlassen. Außerdem werden die Krankenhäuser sehr stark kontrolliert. Der medizinische Dienst prüft jeden vierten bis fünften aller stationären Fälle, ob der Eingriff nötig war und die Abrechnung korrekt ist. Da kommt niemand auf die Idee, mit unnötigen Behandlungen den Aufenthalt der Patienten zu verlängern.

Wie sähe Ihr Ansatz aus, die Versorgung auf dem Land zu verbessern?

Ein guter Ansatz wäre die Aufhebung der strikten Trennung zwischen ambulantem und stationärem Sektor. Gerade im ländlichen Raum, wo man in Teilen die Abdeckung der ambulanten Versorgung schon nicht mehr leisten kann, könnte man damit wirklich etwas erreichen. Aber das ist ein heißes Eisen, an dem sich auch Herr Spahn wahrscheinlich nicht die Finger verbrennen will.

Erzählen Sie mal ...

Wenn man den Kliniken gestatten würde, diese ambulante Lücke zu schließen, schlägt man mehrere Fliegen mit einer Klappe. Zum einen könnten die Kompetenzen der Ärzte in den Kliniken noch besser genutzt werden, die Versorgung würde sich dadurch verbessern lassen und die teure Technik ist auch schon da und muss nicht erst angeschafft werden. Das könnte das System kostengünstiger machen. Der Leidensdruck ist aber wohl noch nicht groß genug. Denn natürlich wäre es eine größere strukturelle Veränderung.

Diskutieren Sie mit Ihren Studenten die neuen Pläne?

Natürlich, der neue Fachkräfteschlüssel kommt und das recht schnell. Aber er wird für manche Häuser Herausforderungen bringen, insbesondere für die Häuser, die bestimmte Leistungen in der Pflege ausgegliedert haben. Die müssten dann wieder zurückgeholt werden.

Das hört sich nach Tricks auf dem Papier an - schon stimmt der Schlüssel wieder. Ist das alles, was wir von der Reform erwarten können?

Man muss ja schon so fair sein und sagen, dass eine Leistung auch genauso gut erbracht werden kann, wenn sie über einen externen Dienstleister erbracht wird - zum Beispiel Patiententransporte. Sie fallen dann nur nicht mehr unter die Pflegeleistung der Klinik.

Glauben Sie, der drohende Pflegenotstand im Vogtland ist zu schultern?

Ob der gesamte Bedarf in der Pflege künftig zu schultern ist, ist ein Blick in die Glaskugel.

Welche Ideen haben Ihre Studenten - Pflegeroboter?

Ich denke schon, dass der Roboter kommt. Aber heute ist die Technik einfach noch nicht auf dem Stand, um daran als flächendeckende Lösung zu denken. Außerdem steht die Frage, inwieweit bei Patienten überhaupt die Akzeptanz da ist, sich von einem Roboter pflegen zu lassen.

Sie starteten jetzt mit zur Fachkräftesuche für die Pflege in Sachsen nach Vietnam und begleiten das Projekt seitens der Berufsakademie. Könnte dieser Ansatz in der Breite zum Tragen kommen oder ist es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Wir müssen auf jeden Fall nach Lösungen suchen, wie wir Fachkräfte ins Vogtland holen können, nicht nur für die Pflege. Da ist eine Partnerschaft mit Vietnam schon eine sinnvolle Variante. Vietnam ist ein sehr junges Land und nicht alle jungen Menschen können dort eine Ausbildung erhalten. Wenn wir das gut vorbereiten und umsetzen können, dann verspreche ich mir schon einen spürbaren Effekt. Auf jeden Fall ist es besser, als nur auf ein Wunder zu hoffen, dass uns junge Leute fürs Vogtland beschert.


Kliniken müssen Mindestbesetzung an Pflegekräften einführen

Eine Pflegepersonaluntergrenze führt das Bundesgesundheitsministerium zum 1. Januar 2019 für die Krankenhausbereiche der Intensivmedizin, der Geriatrie, für Kardiologie und die Unfallchirurgie ein.

Beispiel Intensivstation: In der Tagschicht maximal 2,5 Patienten pro Pflegekraft; in der Nachtschicht 3,5 Patienten pro Pflegekraft. Ab 2021 wird der Pflegeschlüssel weiter verschärft. Dann dürfen tagsüber nicht mehr als zwei Patienten auf eine Pflegekraft kommen, nachts nur drei.

Der Sächsische Krankenhausplan prognostiziert für das Vogtland bis 2030 einen Rückgang der Krankenhausfälle um 2,8 Prozent. "Gerade im ländlichen Raum wird sich aber die Rolle von Krankenhäusern in den kommenden Jahren deutlich verändern", sagte Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU). Deshalb sollen im Moment keine Betten gestrichen werden.

Neu ist das Ausweisen von Spezial-Zentren. Die Brunnenberg-Klinik in Bad Elster hat diesen Status. nij

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