"Man muss aufpassen, dass man kein Familienmitglied wird"

Awo betreut seit 25 Jahren Familien im oberen Vogtland - Mitarbeiter Holger Uebel und Linda Rahm im Interview

Seit 25 Jahren wird Familien im oberen Vogtland in Problemsituationen geholfen. Wie die Arbeit im Alltag aussieht, welche besonders schweren Fälle in Erinnerung geblieben sind und über Zukünftiges, darüber hat Christian Schubert mit dem Sozialpädagogen Holger Uebel (53) und der neuen Mitarbeitern Linda Rahm (22) aus Markneukirchen gesprochen. Sie sind Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt (Awo).

Freie Presse: Herr Uebel, Sie sind seit 25 Jahren ein fester Bestandteil der sozialpädagogischen Familienarbeit in Adorf. Wie sieht Ihr persönliches Fazit aus?

Holger Uebel: Im Grunde bin ich glücklich darüber, dass ich den Menschen und den Familien ein Stück weit in ihrem Leben helfen konnte. Auch wenn man das eine oder andere Mal mit wirklich schweren Fällen konfrontiert wird, bin ich froh darüber, den Schritt ins Sozialwesen gemacht zu haben. Von Haus aus bin ich eigentlich gelernter Instandhaltungsmechaniker.

Wie kam es zu dem Entschluss, das Berufsfeld zu wechseln?

Nach meiner Ausbildung bei der Firma Halbmond in Oelsnitz bin ich an die Offiziershochschule Plauen gegangen. Denn ich wollte als Offizier zu DDR-Zeiten den Sozialismus und den Frieden schützen. Ich habe schnell gemerkt, dass das der falsche Weg war. Ich wollte nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen. Dann kam die Wende und ich hatte die Möglichkeit, ein Praktikum beim Marienstift Oelsnitz zu machen. Von da an wusste ich, welchen Weg ich einschlagen wollte und habe dann Sozialpädagogik studiert. Die Entscheidung habe ich bis heute nicht bereut.

Wie läuft die Arbeit konkret ab?

Ich und mein Team versuchen, so lebenspraktisch wie möglich zu arbeiten. Dazu gehört nicht nur, gemeinsam mit den betreffenden Leuten Amtswege erledigen. Es sind viele Gespräche notwendig. Rund 50 Prozent der Betroffenen sind alleinerziehend mit belasteten Beziehungen. Da gilt es, Störungen vom Kind fernzuhalten. Auch die Familien sind offener geworden. Früher war bei vielen eine gewisse Scham da, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist heute nicht mehr so, die Leute kommen immer öfter auf uns zu. Das Jugendamt entscheidet, wer von uns Hilfe in Anspruch nehmen kann. Aktuell betreuen wir 24 Familien in unserem Einzugsgebiet.

Nimmt man schwere Fälle gedanklich mit nach Hause?

Man muss schon aufpassen, dass man sozusagen kein Familienmitglied wird. Denn manche Fälle betreuen wir bis zu drei Jahren. Wir lernen viele Lebensläufe und Schicksale kennen. Ich erinnere mich an einen alleinerziehenden Vater, der an Kehlkopfkrebs erkrankt war. Sein Sohn musste ins Kinderheim und unsere Aufgabe war, den Kontakt zwischen ihm und seinen Sohn aufrecht zu erhalten. Das hat mich damals sehr berührt. Leider ist der Vater des Jungen verstorben, sein Sohn arbeitet jetzt in einem Dresdner Zoo. Wir haben immer noch Kontakt.

Frage an Linda Rahm: Sie sind seit Februar im Team der Familienhilfe. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie künftig mit ähnlichen schweren Fällen konfrontiert werden?

Linda Rahm: Ich weiß durch mein sozialpädagogisches Studium in Breitenbrunn, welche Methoden angewandt werden sollten. Während der Studienzeit wurde ich in Adorf auch praxisnah ausgebildet, somit weiß ich, was auf mich zukommt.

Durch das, was Sie im Studium gelernt haben, können Sie sicherlich auch neue Ideen in die Arbeit einbringen, oder?

Ich denke, dass es Herrn Uebel wichtig war, einen jungen Mitarbeiter zu bekommen, der neue Ideen, Ansätze und Impulse reinbringt. Das versuche ich natürlich umzusetzen.

Wann ist bei Ihnen der Entschluss gereift, einmal im Sozialwesen zu arbeiten?

Ich habe zu Schulzeiten ein Praktikum in der Kinderburg Sonnenschein in Markneukirchen absolviert. Damals wusste ich schon, dass ich etwas mit Familien machen will. Das hat mich immer interessiert. Nach dem Studium habe ich dann in der Jugendarbeit beim Deutschen Kinderschutzbund in Plauen gearbeitet, um auch in diesem Bereich Erfahrungen zu sammeln.

Herr Uebel: 25 Jahre Familien- arbeit zeigt, dass vieles richtig gemacht wurde. Was macht den Erfolg aus und wie wird das Jubiläum dieses Jahr gefeiert?

Angefangen hat alles mit einem Vertrag mit dem Landkreis. Diese Zusammenarbeit mit der Verwaltung, insbesondere dem Jugendamt, haben wir seither weiterentwickelt und qualifiziert. Sie ist der Grundstock unseres Erfolges. Hinzu kommt ein vielfältiges Netzwerk an Partnern, allen voran unsere Kollegen von der Psychologischen Beratung, der mobilen Jugendarbeit und der Schuldnerberatung im Awo-Beratungszentrum Oberes Vogtland. Wir betrachten uns selbst als eine Art Familie. Das, was wir weitergeben, wollen wir vorleben. Das Jubiläum feiern wir am 3. Juni in der Gartenanlage Schöne Aussicht in Adorf mit einem Familienfest. Dabei lassen wir viele Luftballons steigen. Einladen werden wir auch Familien, die wir in den vergangenen Jahren betreut haben.

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