Nächster Halt: Freiheit

Wachtürme mit schwer bewaffneten Grenzern und strengste Kontrollen in den Interzonenzügen: Bis zum 9. November 1989 war der DDR-Grenzbahnhof Gutenfürst Hochsicherheitszone eines Regimes, das seine Bürger einsperrte. Es ist Sachsens wichtigster Ort der deutsch-deutschen Teilung - und doch heute vergessen. Ein Besuch.

Gutenfürst.

Der Dieselmotor knattert. Pünktlich 14.12 Uhr setzt sich der kleine Triebwagen der Erfurter Bahn in Bewegung. Er verlässt den Bahnhof Gutenfürst im Vogtland, sechs Minuten später wird er Feilitzsch in Bayern erreichen, nach 13 Minuten dann Hof Hauptbahnhof. Ironie der Geschichte: Aus dem einstigen DDR-Grenzort kommt man heute einfacher hinüber nach Hof als zurück nach Plauen.

Im Kalten Krieg war Gutenfürst ein Nadelöhr, jeder Zug musste hier halten. Jetzt fahren die meisten durch. An diesem Montag im November 2018 ist der Bahnhof verwaist. Es gibt kein Personal mehr für die wenigen Fahrgäste. Die Deutsche Bahn hat kleine Wartehäuschen hinbauen lassen, neue Bahnsteige gepflastert und die üblichen dunkelblauen Haltestellenschilder aufgestellt. Ein ganz normaler Haltepunkt auf dem Land. Wären da nicht die großen, leerstehenden Gebäude beiderseits der Gleise, umgeben von rostigem Zaun mit dem typischen Gitter der DDR-Grenzbefestigung. Dazu zwei letzte über 30 Meter hohe Masten - von einst acht.

Die Stahltürme, die heute Mobilfunkantennen tragen, wurden einst für Flutlichtanlagen errichtet. "Gutenfürst war der am besten beleuchtete Bahnhof in Sachsen. Auch nachts war es hier taghell", sagt Falk Kertscher. Der 65-Jährige wurde 1984 Leiter der Bahnmeisterei Plauen. Er kennt diesen Ort noch als Hochsicherheitsbereich. Es gab hier vier Beobachtungstürme und alarmgesicherte Zäune, der Bahndamm war vermint. Gutenfürst, der Grenzbahnhof zwischen den beiden deutschen Staaten, war für normale DDR-Bürger das Ende der Welt. Schon in Plauen stiegen die Grenzer in die Interzonenzüge nach München oder Stuttgart. In Gutenfürst, so berichtet Kertscher, wurde jeder Zug bis zu eine Stunde lang durchsucht. Spürhunde waren im Einsatz gegen "Republikflüchtlinge".

Von einer Kontrollbrücke mit Schießscharten quer über die Gleise schauten die Grenzer von oben auf die Züge, vor allem in offene Güterwaggons, mit denen die DDR Kohle in den Westen lieferte. "Die Briketts waren oben immer weiß", erzählt Kertscher, "damit man sofort sah, wenn sich jemand eingegraben hatte." Schließlich die Gleise: Sogenannte Sicherungsweichen konnte der Fahrdienstleiter erst stellen, nachdem diese von den "bewaffneten Organen", wie Kertscher sie nennt, mit einem Schlüssel freigegeben waren. Bei einem Grenzdurchbruch wäre der Zug entgleist. Für Personenzüge aus Plauen, die in Gutenfürst endeten, und in denen nur Bewohner der Sperrzone bis hierher mitfahren durften, gab es ein Gleis außerhalb des Grenzbahnhofs.

Mit der deutschen Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg lag Gutenfürst jahrzehntelang direkt am Eisernen Vorhang. Der Ort war eine Nahtstelle zwischen Ost und West, bedeutsam auch für den Transitverkehr nach West-Berlin und Skandinavien. Mehr als 200 Menschen arbeiteten in der Grenzübergangsstelle, im DDR-Sprachgebrauch kurz Güst genannt. Die Macht hatte dort die sogenannte Pass- und Kontrolleinheit, eine Truppe des Ministeriums für Staatssicherheit mit ausgebildeten Scharfschützen. Hinzu kam eine Kompanie des Grenzregiments "Ernst Grube" aus Plauen, Beamte der Zollverwaltung und der Transportpolizei. Im Bahnhof gab es nicht nur Beschäftigte der Deutschen Reichsbahn, sondern auch von der Deutschen Post, von Staatsbank, Rotem Kreuz, Mitropa und der DDR-Spedition Deutrans. Selbst Ärzte und Veterinärmediziner arbeiteten hier. Das ganze Dorf stand in Diensten des Grenzübergangs.

Man kann die Mehrfamilienhäuser noch gut erkennen, in denen die Grenzer lebten. Einige sind weiter bewohnt, andere stehen leer und verfallen. In der Bahnhofstraße sieht man durch ein Fenster Blechspinde, Sprelacart-Tische und Neonröhren. Neben dem ehemaligen Zollgebäude hat der Förderkreis des Oelsnitzer Gymnasiums vor drei Jahren einen Granitpfeiler aufstellen lassen, auf dem eine kleine Tafel auf die Geschichte des Grenzbahnhofs verweist. Die Stele steht unterhalb des Bahnhofs, am Ort selbst habe man sich mit der Deutschen Bahn nicht einigen können, berichtet der Leiter des Förderkreises, Eckardt Scharf. "Für uns als Verein war die Grenze des Machbaren erreicht."

Ein wenige Quadratzentimeter großes Schild - das ist alles, was heute in Gutenfürst an einen Ort erinnert, der sich bei vielen Menschen in Deutschland ins Gedächtnis eingebrannt hat. Bei denen aus dem Westen, die die Verwandtschaft im Osten besuchten. Den DDR-Rentnern, die - abgesehen von wenigen Ausnahmen - als einzige Ostler in den Interzonenzügen in die Bundesrepublik reisen durften. Bei den Prager Botschaftsflüchtlingen in den Sonderzügen - und schließlich den Tausenden Sachsen, die nach dem 9. November 1989 zum ersten Mal nach Bayern kamen und sich das Begrüßungsgeld abholten.

"Bahnhof der Tränen" wurde Gutenfürst auch genannt, einzelnen gelang hier sogar die Flucht. Im September 1965 versteckte sich der Lehrling Gerhard Winkler in Karl-Marx-Stadt im Achsgestänge eines Interzonenzuges und fuhr unentdeckt bis nach Hof. "Trotz Hunden, Röntgenanlagen und Spiegeln habe ich es geschafft", erzählte er 2011 bei einer Gedenkveranstaltung zu 50 Jahren Mauerbau in Gutenfürst.

"Wird der Bahnhof Gedenkstätte?" lautete damals eine Zeitungsschlagzeile. Es waren Jubiläumstage, an denen seit der Wende mehrmals diese Frage aufkam. Als der Hofer Landrat 2011 davon sprach, keimte bei Gutenfürstern wie Sylvia Fritsche Hoffnung auf. Die 51-Jährige wuchs in dem Grenzdorf auf, in das man nur mit Passierschein hinein kam, wo kritische Bürger zwangsausgesiedelt wurden und wo das Regime den Bewohnern das Leben durch Lohnzuschläge, besseres Warenangebot und Konzerte mit Karat und Ute Freudenberg versüßte.

Schon früh warb Sylvia Fritsche um eine Gedenkstätte im Bahnhof, wo auch eine große Modellbahnanlage von Gutenfürst hätte gezeigt werden können, die nun eingelagert ist. Fritsche erstellte eine Wanderausstellung über den Grenzbahnhof. Und als zum 20. Jahrestag der Ausreise der Prager Botschaftsflüchtlinge noch einmal ein "Zug der Freiheit" in Gutenfürst stoppte, trommelte sie den Jugendklub für einen Bratwurststand zusammen. Die jungen Leute, von der großen Besucherresonanz überwältigt, fragten: "Warum sagt uns keiner, dass hier so ein historischer Ort ist?"

Bereits damals war vieles vergessen. Heute hat Sylvia Fritsche beim Thema Gedenkstätte resigniert: "Wir hatten keine Kraft, das ist im Sande verlaufen."

Peter Boeger von der Stasiunterlagenbehörde in Berlin hat die Geschichte des Grenzbahnhofs Gutenfürst in einer Publikation über die Stasi in Sachsen zusammengefasst. Er sagt: "Ich bin geradezu erschrocken, dass Denkmalschützer hier nicht handeln." Die in Gutenfürst nach wie vor vorhandenen Relikte aus DDR-Zeiten seien einmalig. Boeger, der sich auch im Verein Checkpoint Bravo um die Reste des einstigen Berliner Kontrollpunkts Dreilinden-Drewitz kümmert, nennt die einstigen Grenzübergangsstellen "ein Stück unserer Kultur". Man brauche solche Orte, um nachkommenden Generationen von der Vergangenheit erzählen zu können.

In Mödlareuth, nur acht Kilometer von Gutenfürst entfernt, ist das gelungen. Das einst von einer Mauer geteilte Dorf auf der bayerisch-thüringischen Grenze, das den Beinamen "Klein-Berlin" bekam, hat ein Freilichtmuseum, großzügig gefördert von Bund und Ländern. Bis zu 90.000 Menschen schauen sich jährlich die verbliebenen Teile der Mauer und Grenzanlagen an, gerade wird ein Museumsneubau geplant. Schülerexkursionen führten von dort aus früher oft bis nach Gutenfürst. Doch heute, so der Leiter des Deutsch-Deutschen Museums Mödlareuth, Robert Lebegern, sei das zunehmend unattraktiv, da dort immer mehr Reste des Eisenbahngrenzübergangs verschwanden.

Lebegern sagt, der südlichste Abschnitt der einst fast 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze, zu dem auch der Autobahngrenzübergang Rudolphstein/Hirschberg gehörte, sei vielleicht der interessanteste überhaupt. "Auf 70, 80 Kilometern ließe sich hier die gesamte Geschichte der deutsch-deutschen Teilung darstellen." Ein kleiner Schritt wird dazu wohl jetzt getan: Der Vogtlandkreis will den ehemaligen DDR-Grenzturm bei Heinersgrün kaufen, der bis heute gut sichtbar an der Autobahn 72 steht. Das Museum Mödlareuth hat angeboten, ihn als Erinnerungsort zu erhalten und mit Exponaten auszustatten.

Am Bahnhof Gutenfürst aber wächst weiter Gras über die Geschichte. Mit der Elektrifizierung der Sachsen-Franken-Magistrale wurde 2013 die einstige Grenzkontrollbrücke abgerissen und laut Auskunft der Deutschen Bahn verschrottet. Die verbliebenen Gebäude seien weiter im Besitz der DB Netz AG. "Sie sollen veräußert werden. Derzeit liegen keine Nutzungskonzepte vor", erklärt ein Sprecher in Leipzig auf Anfrage und ergänzt: "Uns ist nichts davon bekannt, dass es einmal Initiativen gab, den Bahnhof Gutenfürst zum Gedenkort zu machen." Im Landratsamt in Plauen heißt es hingegen, die Bahn habe entsprechende Ideen abgelehnt. Aber all das sei lange her.

Rund anderthalb Kilometer sind es vom Bahnhof Gutenfürst bis zur einstigen Demarkationslinie auf den Bahngleisen. Man erreicht die Stelle zu Fuß über einen alten Kolonnenweg der Grenztruppen. Hier, am Kilometer 151,699 der Strecke Leipzig-Hof endete einst die DDR und die Züge fuhren in die Freiheit. Zu erkennen ist an dieser Stelle nichts mehr, alle Zäune sind weg, auch der Sperrgraben wurde längst eingeebnet. Man könnte hier gut wandern, doch es gibt keine Markierungen. Der Partnerschaftsweg Plauen-Hof führt an Gutenfürst vorbei.

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6Kommentare
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  • 1
    0
    Freigeist14
    12.11.2018

    acals@ Ihre Spiegelfechterei und holzschnittartiges Denken führt immer zu neuer Blüte. Ihr Eifer , überall DDR-Nostalgie zu verorten ,kennt man ja von ehemaligen Jubelpersern eines Helmut Kohl . Ich stehe seit 30 Jahren im Berufsleben und habe ohne Brüche die Zeit erfolgreich gemeistert . Das hält mich nicht davon ab,die heutige Gesellschaft kritisch zu sehen und die vielen Facetten der Erfahrungen der gelebten DDR einer westlich dominierten Deutungshoheit NICHT unterzuordnen und aus dem geschichtlichen Kontext zu reissen.Das Land war ein historisches Ergebnis und nicht die Laune irgendwelcher böser Menschen,die ihre Bürger einsperrten. Und wenn sie schon Klaus Gysi erwähnen : In der Bundesrepublik wäre damals kein jüdischer Kommunist und verfolgter des Nazi-Regime Kulturminister geworden. Erst nach Willi Brandts Amtsantritt . Zur Erhellung empfehle ich Ihnen das Buch von Burga Kalinowski :"War das die Wende,die wir wollten ?". Der Aufbruchsgeist des 4.November 1989 wurde der Banane und dem West-PKW geopfert. Das ist kein Vorwurf - nur ein Bedauern .

  • 1
    3
    acals
    12.11.2018

    Herr Freigeist: Also manchmal habe ich echtes Mitleid mit Ihnen. Nehmen Sie doch die Dinge fatalistisch - Sie aendern im Nachgang nichts mehr daran. Sie werden auch noch zig-mal aehnliches Lesen. Nutzen Sie doch die jedem offenstehenden Moeglichkeiten und engagieren sich fuer das, was Sie meinen waere verlorengegangen. Da moegen durchaus die meisten anderen meinen sie waeren mehr - wenn Sie aber die fachliche Auseinandersetzung nicht scheuen werden Sie (so Ihre Argumente lauter sind) auf Dauer ueberzeugen.

    A propos Ueberzeugung: Sie haben doch Ihren Gyusi gelesen. Dann sollten Sie doch ueber die Stelle gestolpert sein in der Gyusis Vater F. Schorlemmer erzaehlt, das max 5 % der DDR Bevoelkerung hinten den SED Ideen stehen. Darauf F. Schorlemmer: Tja, bei den Christen koennte es durchaus weniger Ueberzeugte geben.
    (Manchmal reichen aber auch diese wenigen aus, als Salz der Erde, eine ganze gesellschaftsordnung zu kippen. Das gelang nur deswegen, weil die Ueberzeugung auf der anderen Seite zu gering war - und weil die andere Seite a la "Matrix" die Buerger gelebt hatte, aber nicht leben liess. Das Leben aber laesst sich nicht einsperren - denken Sie mal darueber nach.)

  • 4
    0
    VaterinSorge
    11.11.2018

    Ob es nun damals notwendig war die Grenzen der ehemaligen DDR dermaßen zu sichern, um mögliche Flucht zu verhindern, ist sicherlich nicht Thema des Berichts. Tatsache ist, dass es so hochgradige Anlagen gab, Maßnahmen und logistischen Ablaufe dermaßen spektakulär waren, dass man es durchaus für die Nachwelt hätte aufbereiten könnte, zumal es ja schon entsprechende Initiativen gab. Die DB war, ist und bleibt was Historie, Museen oder Geschichte angeht, kein wirklicher Partner, denn der Laden ist dermaßen unwirtschaftlich, dass dafür kein Platz ist. Dennoch danke FP, dass man sich auch mit den vergessenen Zeitzeugen widmet.

  • 6
    1
    Freigeist14
    09.11.2018

    Haecker@ ich wäre schon froh,wenn sich die Bahn um ihre bestehenden Empfangsgebäude an der Sachsen-Franken-Magistrale kümmern würde . Aber die werden lieber verhökert, dämmern vor dann sich hin oder werden gar abgerissen.

  • 7
    0
    Haecker
    09.11.2018

    Man kann nicht überall Gedenkstätten einrichten - aber der Bahnhof Gutenfürst wäre schon ein geeigneter Ort, auch wenn vieles nicht mehr erhalten ist.
    Ich bin zum ersten mal am Donnerstag oder Freitag vor dem 3.Advent 1989 dort durchgekommen, aber nicht, um das Begrüßungsgeld abzuholen (d.h. die 100 DM habe ich schon genommen), sondern um mir erstmals "den Westen", das heißt zunächst die Stadt Hof anzuschauen. Was ich mitgebracht habe? Eine Wanderkarte "Landkreis Hof", 2 oder 3 Tafeln Sarotti-Schokolade und 2 Dosen Scherdel-Bräu.

  • 2
    5
    Freigeist14
    09.11.2018

    "Nächster Halt : Freiheit " . Na selbstverständlich lag für den DDR-Bürger das Glück,die Verheißung und die so unterdrückte Freiheit nur jenseits der Grenze ! Denn man lebte schließlich in einem Regime,das seine Bürger einsperrte . Ich wollte nochmal DANKE sagen !



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