Neue Interessenten für altes Werksareal

Zwei weitere geschichtsträchtige, aber auch vom Verfall gezeichnete Gebäude werden aus dem Klingenthaler Stadtbild verschwinden.

Klingenthal/Zwota.

Die vom Verfall gezeichneten einstigen Werksgebäude in der Klingenthaler Talstraße werden gekauft und abgerissen. Das hat der Stadtrat beschlossen. Erhalten bleiben das ehemalige Unimewa-Klubhaus, das ebenfalls leer steht, sowie zwei Gebäude auf dem einstigen Betriebsgelände. Laut Bürgermeister Thomas Hennig (CDU) wird das Areal künftig wieder für gewerbliche Zwecke genutzt. Interessanten gäbe es bereits.

Die Werksgebäude, zuletzt genutzt vom Haushaltsgeräte-Hersteller Unimewa, gehen auf das Jahr 1881 zurück, als dort Julius Berthold dort seine Maschinenfabrik gründete. Jener Berthold war eine Schlüsselfigur für den Aufschwung der Klingenthaler Harmonikaindustrie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Der junge Mann, der in Chemnitz als Eisengießer, Schlosser und Maschinenbauer gearbeitet hatte, war 1866 nach Klingenthal gekommen. Hier stieg er zunächst als Partner in eine Schmiede im heutigen Stadtteil Brunndöbra.


1870 trennte Berthold sich von seinem Partner und begann mit dem Aufbau einer Spezialfirma, die vor allem dem Harmonikabau den Weg vom Handwerk zur Industrie ebnete. Der Wissenschaftler Gotthard Richter schreibt dazu: "Als erstes veränderte Berthold die zahlreichen Hand- und Fußstanzen, mit denen Stimmplatten aus Zink- und Messingtafeln und die Tonzungen aus Messingblech getrennt wurden und konstruierte effektivere und leichter zu handhabende Hebelpressen."

Berthold beschränkte sich nicht nur auf die Harmonikabranche und Klingenthal. Bereits ab 1870 belieferte er die Blechblashersteller in Graslitz, ab 1872 hatte er auch Kunden in Warschau und St. Petersburg.

Als wichtigste Erfindung für die Harmonikabranche gilt die Stimmfräsmaschine. Die erste dieser Art, damals noch mit Wasserkraft betrieben, wurde am 17. August 1878 an die Firma Ernst Leiterd in Brunn- döbra geliefert. Vorher hatten die Tonzungen in Handarbeit so lange bearbeitet werden müssen, bis sie den gewünschten Ton von sich gaben. Von dieser Maschine wurden innerhalb von 15 Jahren rund 120 Stück in ganz Europa verkauft.

Julius Berthold verlor in der Nachkriegsinflation 1923 fast sein gesamtes Vermögen. Er starb am 26. Januar 1934 in Klingenthal, kurz vor seinem 89. Geburtstag.

Ebenfalls abgerissen wird der ehemalige Frank's Gasthof (früher Ullmanns Gasthof) in Zwota-Zechenbach. Das Haus war vor gut einem Jahrhundert ein kultureller Treffpunkt in Zwota. So gab es beispielsweise am 5. Februar 1906 ein Konzert der Trompeter der Reitenden Abteilung des 1. Königlich-sächsischen Feldartillerie-Regiments Nr. 12 aus Königsbrück mit anschließenden Ball. Erhalten sind Ankündigungen für Varieté-Veranstaltungen. Der Gasthof war das Domizil des 1888 gegründeten Geflügelzüchtervereins Zwota-Zechenbach. 1933 gehörte der Gasthof zu den Veranstaltungslokalen für die Sachsenmeisterschaft im Kraftsport. Im Januar 1950 gab dort der Posaunenchor Landeskirchlichen Gemeinschaft Zwota sein Debüt. Der Zwota Skatclubs Vogtlandwenzel veranstaltete dort etliche Turniere, und auch der Fanclub des FC Bayern München hatte dort sein Domizil.

Der ehemalige Gasthof und die dazu gehörigen Grundstücke sind als herrenlos eingestuft und werden vom Staatsbetrieb zentrales Flächenmanagement Sachsen an die Stadt Klingenthal abgetreten. Angedacht ist eine Nutzung als Eigenheimstandort.

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