Reichlich Platz für einzigartigen Schatz von Tasteninstrumenten

Im Harmonikamuseum Zwota gibt es einen neuen Ausstellungsraum. Gezeigt wird ein Stück Musik- und Industriegeschichte.

Zwota/Klingenthal.

Es war 1964, als die Klingenthaler Firma F. A. Böhm auf der Leipziger Frühjahrsmesse eine Elektronenorgel mit dem Namen "Matador" vorstellte. Das Instrument fand auch das Interesse von Wilfried Jelinek, damals Schlagzeuger und Manager der Prager Beatband "Die Fontanas". Jelinek knüpfte die Kontakte nach Klingenthal, sicherte sich einen Werbevertrag mit der Firma und die Band benannte sich in "Matadors" um. So ist zumindest die Geschichte überliefert. Die "Prager Beatles", wie die Musiker genannt wurden, gaben auch mindestens zwei Konzerte in Klingenthal.

Eine Matador-Orgel prästiert auch das Harmonikamuseum Zwota in seiner nunmehr erweiterten Ausstellung. Bereits seit 2008 zeigt die Einrichtung die deutschlandweit einmalige Sammlung elektronischer Tasteninstrumente, die in Klingenthal, Markneukirchen und Schöneck gefertigt wurden. In Zusammenarbeit des Fördervereins des Harmonikamuseums mit dem Heimatverein, dem Ortschaftsrat, einheimischen Handwerkern sowie der Stadt Klingenthal konnte nun ein zusätzlicher Ausstellungsraum speziell für diese Instrumente eingerichtet werden. Air-Brush-Künstler Ingo Körner schuf dazu ein originelles Wandgemälde.

Die ersten elektromechanischen Tasteninstrumente wurden Ende der 1950er Jahre bei der Klingenthaler Firma Erhard Weidenmüller gefertigt, sagt Museumsmitarbeiterin Ulrike Müller unter Hinweis auf das Kofferinstrument "Harmona". Es war mit Harmonium-Stimmzungen ausgestattet. Die Klingenthaler Harmonikawerke entwickelten 1963 das Claviset, während die Firma F. A. Böhm in Zusammenarbeit mit dem Institut für Musikinstrumentenbau Zwota das Combi-Tasteninstrument "Manuela" auf den Markt brachte. Allein die Klingenthaler Harmonikawerke fertigten zwischen 1965 und 1970 jährlich etwa 1500 Clavists.

Ebenfalls Ende der 1950er Jahre hatte die Entwicklung der ersten elektronischen Kleinorgeln begonnen, damals noch auf Basis von Röhren. Zur Leipziger Herbstmesse 1958 war erstmals die Kleinorgel "Ionika" gezeigt worden. Das Instrument war ein Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen dem Zwotaer Forschungsinstitut, der Firma F. A. Böhm und dem VEB Elektro-Akustik Hartmannsdorf und dem VEB Blechblas- und Signalinstrumentenbau Markneukirchen, der dann ab 1959 die Serienfertigung und den Vertrieb der "Ionika" und ihrer Nachfolger-Modelle übernahm.

1968 wurde die Fertigung der Elektronik von den Klingenthaler Harmonikawerken übernommen und nach Schöneck verlegt. Im Gebäude der heutigen Firma Technisat fertigten damals rund 240 Beschäftigte jährliche rund 5000 Instrumente. Der größte Teil war für den osteuropäischen Markt und Jugoslawien bestimmt, ein kleiner Teil kam in den Binnenhandel.

Gescheitert sind die Versuche, mit den elektronischen Instrumenten aus dem Vogtland in Westeuropa und den USA Fuß zu fassen. "Trotzdem sollten wir die enormen Leistungen der Ingenieure und Techniker nicht vergessen, die oft unter schwierigen Bedingungen gemeistert wurden", sagt Ulrike Müller, die selbst viele Jahre in der Musikbranche tätig war.

Bereits Anfang der 1980er Jahre liefen beispielsweise Arbeiten zur Entwicklung eines digitalen Orgelsystems, auch das erste prozessgesteuerte Rhythmusgerät und ein digitales programmierbares Effekt- gerät wurden in Schöneck gebaut.

Zum 31. Dezember 1990 lief die Produktion elektronischer Tasteninstrumente in Schöneck aus. "Nach einer Art Industriekooperation mit den Firmen Wersi und Technisat vergab die Treuhand 1992 den Zuschlag zur Privatisierung des Schönecker Werkes an die Firma Technisat", erinnert sich die Museumsmitarbeiterin. Nun hütet das Zwotaer Harmonikamuseum den einzigartigen Fundus. Ein großer Teil der Instrumente ist nach wie vor spielbar.

Öffnungszeiten: Das Harmonikamuseum Zwota hat dienstags bis donnerstags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Nächste zusätzliche Öffnungszeiten sind der 28. Dezember und der 4. Januar, jeweils 14 bis 17 Uhr. Telefon 037467 22262.

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