Sie schaut dem Gaul ins Maul

Pferdezahnspezialistin Gitte Glöckl saniert in der Region die Gebisse der Huftiere. Dabei kämpft sie vor allem gegen Überbiss und Wolfszähne.

Plauen.

Fast bis zum Ellenbogen verschwindet Gitte Glöckls Arm in Starboys Maul. Das Pferd schaut verdattert, würgt leicht, kaut, und ehe es sich versieht, ist der Arm schon wieder draußen. Voll von Speichel und Schnodder, versteht sich. Gitte Glöckl schnuppert, wäscht den Arm kurz im bereitstehenden Wassereimer und beginnt erneut mit ihrer manuellen Erkundungstour von Starboys Gebiss.

"Scharfe Zahnkanten kann man nicht sehen, nur erfühlen", sagt die Plauener Pferdedentalpraktikerin. Geschenkt zu sein scheint der sprichwörtliche Gaul aber nicht: Darum schaut die Expertin noch einmal genau mit einer Stirnleuchte in sein Maul. Gerufen wurde sie von den beiden Reiterinnen Elvira Kurz und Isabell Borak. Beide haben Pferde auf dem Haflinger-Hof Fischer in der Rosenbach-Gemeinde Rößnitz stehen, auch Starboy gehört dazu.

Der Kontakt zwischen den Reiterinnen und Gitte Glöckl kam zur diesjährigen Pferdeschau in Großfriesen zustande. Dort präsentierte sich die Pferdezahnspezialistin an einem Stand. "Da hatten wir auch gleich unser Problempferd dabei", sagt Borak. Gemeint ist der Hengst Amor, der sich bei mehreren Übungen der Schau beteiligte, bei dem seine Halter aber schon lange beobachteten, dass er extrem "kopfscheu" sei. "Wir hatten drei Tierärzte hier, und sie sagten alle, dass alles in Ordnung ist", sagt Isabell Borak. Und dennoch merkten sie und ihre Kolleginnen, dass etwas nicht stimmte. Deshalb verabredeten sie mit Gitte Glöckl eine Untersuchung.

Die Pferdedentalpraktikerin arbeitet eigentlich hauptberuflich als Fachhelferin im Bereich Kieferorthopädie, kennt sich also in der Materie Zahn gut aus. Auch Pferde sind ihr nicht fremd. Sie unterhält seit vielen Jahren das Pony Carino - mittlerweile stolze 30 Jahre alt. Durch Carino erwachte auch ihr Interesse am Pferdegebiss.

"Durch mein eigenes Pferd habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich es mit einer regelmäßigen Zahnbehandlung schmerzfreier hätte reiten können", sagt sie. Mittlerweile hat ihr Pony schon einige Lücken im Gebiss. Viele Pflegemaßnahmen hätte man früher angehen müssen, sagt die Pferdezahnspezialistin, vor allem zu DDR-Zeiten hätten Tierärzte kaum auf die Zähne der Pferde geachtet. "Heute betrachtet man die Pferde ganzheitlich. Es gibt Physiotherapeuten - und eben auch Zahnärzte für Pferde", so Glöckl. Vorigen Sommer machte sie einen vierwöchigen Intensivkurs zur Pferdedentalpraktikerin, dort konnte sie ihr berufliches Wissen und ihre Erfahrungen mit Pferden einbringen. "Seitdem habe ich über 50 Pferde behandelt", sagt die Plauenerin.

Das Hauptproblem der meisten hiesigen Pferde? Das sei der Überbiss, weiß die Pferdespezialistin. Während der Mensch sich mit nur zwei Zahngarnituren zufriedengeben muss, wachsen Pferdezähne ein Leben lang. Um etwa zwei bis drei Millimeter verlängert sich das Pferdegebiss im Jahr, im Idealfall hält der Abrieb damit Schritt. Durch weiche Nahrung oder durch ungleichmäßiges Kauen findet dieser Abrieb aber zu gering oder ungleichmäßig statt. In der Folge leiden die Pferde unter Schmerzen beim Kauen oder auch beim Reiten, da die Zügel im Maul reiben. Da kann Gitte Glöckl Abhilfe schaffen, sie schneidet oder raspelt den Überbiss ab.

Auch Wolfszähne sind ein nicht zu unterschätzendes Problem. Das sind sogenannte "rudimentäre Zahnanlagen", in etwa vergleichbar mit den menschlichen Weisheitszähnen. Nur mit dem Unterschied, dass sie auch nach Jahren noch wachsen können. "Die stören, weil sie genau dort liegen, wo sich auch das Gebiss befindet", sagt die Pferdespezialistin. In den meisten Fällen müssen die zusätzlichen Zähne entfernt werden, weil sie die Pferde am Kauen hindern und Schmerzen verursachen können. Im Maul des Hengstes Starboy findet Gitte Glöckl gleich beide Pferdeprobleme. Nach der Untersuchung bekommt das Pferd mit einer großen Spritze die Zähne gespült. Dann darf es ausspucken. Genau wie beim Menschenzahnarzt, nur dass die Huftiere einen Spuckeimer und keinen Wegwerf-Plastebecher bekommen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...