Sigmund Jähn: Hoch geflogen, geerdet geblieben

Zum 40. Jahrestag von Sigmund Jähns Flug ins All erweisen sechs seiner Nachzügler dem Pionier der deutschen Raumfahrt ihre Reverenz.

Muldenhammer.

Sigmund Jähn blickt gern nach vorn. "Lieber Alexander, ... alle, die hier sind ... wünschen Dir, dass Du das schaffst, was Du Dir vorgenommen hast. Wir drücken Dir alle die Daumen", sagt der Jubilar. In seinem Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz steht der 81-Jährige im Deutschen Raumfahrtzentrum vor einem großen Monitor. Der zeigt das Bild von Alexander Gerst auf der Internationalen Raumstation ISS. Sie fliegt gerade über den Atlantik in Richtung Europa. Gerst ist bei der Jubiläumsveranstaltung "Deutsche im All - es begann 1978" am Sonntagvormittag live ins Vogtland zugeschaltet.

Momente später versagt Jähn für einen Moment vor Rührung die Stimme. Zum 40. Jahrestag jenes 26. August 1978, als er als erster Deutscher ins All flog, hat Gerst eine Überraschung für ihn in petto. Auf dem Monitor nestelt der Astronaut im Hintergrund etwas hervor, hält es vor die Kamera und lässt los. Vor den 170 geladenen Gästen im Museum und vielen Hunderten, die im Außengelände ebenfalls der Übertragung von der ISS folgen, schwebt in der Schwerelosigkeit eine kleine runde Kapsel. Ein Mini-Modell jener Sojus-Kapseln, mit denen Jähn und sein damaliger Kommandant Waleri Bykowski zur russischen Raumstation Salut 6 flogen und nach knapp acht Tagen und 125 Erdumrundungen wieder zurückkehrten. "Die erinnert mich sehr an Dich", sagt Gerst und lässt das Modell kreiseln. Die kleine Kapsel trage Jähns Unterschrift und die Daten seines Fluges, erklärt Gerst, der als erster Deutscher bald das Kommando auf der ISS übernehmen soll.

Kleine Kapsel, große Wirkung. Nachfolge-Versionen von Bykowskis und Jähns Raumschiff bringen Raumfahrer bis heute sicher ins All, auch sieben Jahre, nachdem das letzte Space Shuttle der Amerikaner in Rente geschickt werden musste.

Nach Jähn dürfen ausgewählte Gäste mit Gerst sprechen und Fragen stellen. Die 16-jährige Alexandra Haase, seit ihrer Kindheit im Team des Chemnitzer Kosmonautenzentrums "Sigmund Jähn" aktiv, möchte vom in Westdeutschland aufgewachsenen Gerst wissen, wann er erstmals von Jähn gehört und inwiefern ihn das beeinflusst habe. Gerst outet sich als "ernstzunehmenden Sandmännchen-Fan". So habe er schon früh von Sigmund Jähn gehört, wenngleich Gerst einräumt, dass er im Alter von zwei Jahren Jähns Raumflug selbst verpasst habe. Doch hätten Verwandte aus dem Osten ihm bald ein Buch darüber geschickt. "Er war der Held meiner Kindheit - und er ist es immer noch, wenn auch jetzt auf andere Art ... als Freund ... so bescheiden, verschmitzt, liebenswert, wie wir ihn alle kennen." Insofern lobt Gerst Jähn als großes Vorbild: "Dass wir auf dem Boden bleiben mit beiden Beinen, das ist wichtig", sagt Gerst.

Nicht nur der ISS-Kommandant in spe erweist dem ersten Deutschen im All zu dessen Jubiläum seine Reverenz. Die Veranstaltung im Vogtland hat neben Gersts Live-Zuschaltung aus 400 Kilometern Höhe und dem bescheidenen Jubilar selbst weitere neun Raumfahrer versammelt, darunter mit Thomas Reiter, Gerhard Thiele, Klaus-Dietrich Flade, Reinhold Ewald und Hans Schlegel fünf der bisher elf deutschen Astronauten. "Wir alle sind auf seinen Schultern in den Weltraum geflogen", formuliert es Alexander Gerst.

So rückhaltlose Bewunderung genoss Jähn seit der Wende nicht von allen Seiten. Zwar reihte sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer am Wochenende in die Schar der Gratulanten ein, doch in der Bundespolitik herrschte Zurückhaltung. Nicht so von Seiten der Europäischen Weltraumbehörde ESA. Deren Generaldirektor Johann-Dietrich Wörner sprach die Eingangsrede: Ebenfalls mit Blick nach vorn. Jene Zeit, als der Kalte Krieg den Wettlauf in den Weltraum prägte, sei der Kooperation gewichen. Jener internationalen Kooperation, die es in den 60er-Jahren nur als Fiktion gegeben habe. Wörner erwähnt die aus unterschiedlichsten Nationen zusammengesetzte Crew der damaligen westdeutschen Kultserie "Raumpatrouille Orion". Und er erwähnt, dass er sich über die Idee der russisch-deutschen Salut-6-Besatzung freute, das deutsche Sandmännchen mit der russischen Figur Mascha zu verheiraten. "Die Heirat im All, die nicht allen gefiel", sagt Wörner mit Blick auf DDR-Fernsehmacher, die den Sandmann lieber unverheiratet lassen wollten. Ihm selbst habe die Idee gefallen, sagt Wörner: "Auch dass es zwei verschiedenen Nationalitäten waren!" Ein Sinnbild: Beim Weg ins All sei es genau jene internationale Kooperation, "die uns Dinge ermöglicht, die wir sonst gar nicht könnten", sagt Wörner.

Eine Kooperation, die die Russen in den 70er-Jahren mit dem Interkosmos-Programm und nichtrussischen Missionsteilnehmern Realität werden ließen.

Die elf deutschen Raumfahrer

Sigmund Jähn flog am 26. August 1978 mit Sojus 31 als Gast der Sowjetunion ins All zur Raumstation Salut 6.

Ulf Merbold flog dreimal ins All. Am28. November 1983 und am 22. Januar 1992 als Gast der USA an Bord eines Shuttles und erneut am 3. Oktober 1994 mit der russischen Kapsel Sojus TM-20.

Reinhard Furrer (†) startete am 30. Oktober 1985 zur D1-Mission, Gastgeberland: USA.

Ernst Messerschmid startete am 30. Oktober 1985 zur D1-Mission, Gastgeberland: USA.

Klaus-Dietrich Flade flog am 17. März 1992 an Bord von Sojus TM-14 zur russischen Raumstation Mir.

Hans Schlegel startete am 26. April 1993 als Gast der USA zur D2-Mission und flog am 7. Februar 2008 erneut als Gast der USA zur ISS.

Ulrich Walter startete am 26. April 1993 als Gast der USA zur D2-Mission.

Thomas Reiter flog am 3. September 1995 mit Sojus TM-22 als Gast Russlands zur Mir und am 4. Juli 2006 als Gast der USA zur ISS.

Reinhold Ewald flog am 10. Februar 1997 mit Sojus TM-25 als Gast Russlands zur Mir.

Gerhard Thiele flog am 11. Februar 2000 als Gast der USA ins All.

Alexander Gerst flog erstmals mit Sojus TMA-13M am 28. Mai 2014 zur ISS, sein bisher zweiter Start war am 6. Juni 2018, seine Mission "Horizons" läuft noch. Er soll im Herbst das ISS-Kommando übernehmen.

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1Kommentare
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  • 2
    0
    Freigeist14
    28.08.2018

    Das offizielle Glückwunschschreiben der Bundesregierung zum 40.Jahrestag des Weltraumfluges von Sigmund Jähn ist bestimmt noch mit der Post unterwegs...........



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