Wählervereinigungen sind Wahlgewinner

Das obere Vogtland hat gewählt: Parteibücher werden an den Ratstischen künftig nur noch eine Nebenrolle spielen.

Oelsnitz/Klingenthal.

Wählergemeinschaften sind die Gewinner der Kommunalwahl im oberen Vogtland. Bis auf Oelsnitz und Klingenthal, die weiter von CDU-Mehrheiten geführt werden, wurden sie in allen Kommunen stärkste Kraft. Das Ergebnis von Markneukirchen lag zum Redaktionsschluss um 23.30 Uhr noch nicht vor.

Schöneck: politisches Erdbeben auf dem "Balkon des Vogtlands". Die einstige CDU-Hochburg geht an die Freien Wähler, die sogar die absolute Mehrheit der Sitze im neuen Stadtrat erringen. Die CDU stürzte um fast 22 Prozentpunkte ab.


Bad Brambach: Erdrutsch-Verlust für die CDU von 81,8 auf 28,0 Prozent. Die Christdemokraten sind damit nur noch zweitstärkste Kraft hinter den Freien Wählern, die 35,7 Prozent und damit fünf Sitze erringen. Bei der CDU fliegen aktuelle Gemeinderäte raus, darunter auch der Bürgermeisterkandidat von 2018, Jürgen Lenk. Der langjährige Gemeinderat Bernhard Langnau, bislang für die SPD im Rat, konnte mit der Vereinigung "Zukunft für Bad Brambach" kein Mandat erringen.

Oelsnitz: Drei starke Kräfte jenseits der 20 Prozent bilden den Kern des neuen Oelsnitzer Stadtrates. Die CDU verliert, bleibt aber stärkste Kraft. Die Freie Oelsnitzer Bürgerschaft kommt bei ihrer Premiere auf Platz zwei und erringt sechs Sitze. Die FOB übertrifft damit ihre eigene Zielstellung. Die Wählervereinigung hatte mit 17 die meisten Kandidaten ins Rennen geschickt. Dritte wird die AfD. Sie zieht mit fünf Mandaten in den Rat ein.

Klingenthal: Die Wählervereinigungen Pro Klingenthal und die Freie Wählergemeinschaft haben in der Wählergunst der Klingenthaler deutlich zugelegt. Pro Klingenthal gewann einen, die Freie Wählergemeinschaft zwei Sitze hinzu. Die CDU bleibt stärkste Kraft, büßte jedoch zwei Ratssitze ein.

Adorf: Erstmals gewinnen die Freien Wähler die Stadtratswahl in Adorf. Sie erringen sieben Sitze - bisher waren es vier. Die CDU verlor zwei Sitze und ist mit sechs Mandaten im Stadtrat vertreten. Die SPD verliert ein Mandat.

Bad Elster: Großer Gewinner ist die Unabhängige Bürgerschaft, die ihr Ergebnis deutlich ausbauen konnte und drei Sitze hinzugewann. Verlierer sind die Freien Wähler. Die CDU bleibt mit drei Sitzen im Stadtrat - und hatte sich mehr erhofft. Auffällig: Dieter Heyne, bei der letzten Kommunalwahl Vize-Stimmenkönig auf Liste der Linken, verfehlte auf der CDU-Liste den Einzug in den Stadtrat.

Muldenhammer: Die Freien Wähler haben ihre Spitzenposition weiter ausgebaut und drei Sitze hinzugewonnen. Großer Verlierer ist die CDU, die die Anzahl ihrer Sitze von vier auf zwei halbierte. Einzelkandidat René Pöhland, der vor fünf Jahren sogar zwei Sitze errang, verfehlte den Einzug in den Gemeinderat.

Eichigt: Unspektakulär ging die Wahl in Eichigt aus. Die "Bürger für Eichigt" als neue Kraft mit Kandidaten der nicht mehr in Eichigt vertretenen CDU errang 72,2 Prozent und in etwa so viel wie früher die Union.

Bösenbrunn: Drei relativ starke Wählervereinigungen dominieren den Gemeinderat von Bösenbrunn. Die Action gemeinsame Liste Bösenbrunn hat die Nase vorn.

Mühlental: Leichte Veränderungen gibt es im Gemeinderat Mühlental. Die Mühlentalfreunde verlieren einen Sitz - Arndt Doll schaffte den Einzug in den Gemeinderat nicht. Die Wählervereinigung Tirschendorf gewann einen Sitz hinzu.

Tirpersdorf: Keine Veränderungen nach Liste gibt es im Gemeinderat Tirpersdorf. Ulrike Liebscher, einzige Kandidatin von Bündnis 90/Grüne im oberen Vogtland, schaffte den Einzug in den Rat nicht.

Triebel: Die Freien Wähler konnten ihre starke Stellung im Gemeinderat weiter ausbauen. Sie dominieren mit zehn Sitzen den neuen Gemeinderat klar.

Europawahl: Die AfD und die CDU dominierten die Europawahl in oberen Vogtland. In acht Kommunen waren die Christdemokraten auf Platz 1: in Markneukirchen (26,4), Adorf (28,5), Muldenhammer (33,2), Bösenbrunn (26,1), Bad Elster (26,9), Klingenthal (29,7), Schöneck (28,1) und Oelsnitz (27). Fünf Kommunen entschied die AfD für sich: Tirpersdorf (28,4 Prozent), Triebel (25,6), Mühlental (33,7), Bad Brambach (32,6) und Eichigt (28,9).

Bürgermeisterwahlen: In zwei Kommunen im Vogtland fanden gestern Bürgermeisterwahlen statt. Kerstin Schöniger (CDU) wurde in Rodewisch mit 85,4 Prozent im Amt bestätigt. Sie tritt ihre zweite Amtszeit an. Ihre Herausfordererin Claudia Roßmann-Kansorra kam auf 14,6 Prozent. In Neumark wurde ein Nachfolger des langjährigen Bürgermeisters Ralf Fester gesucht. Keiner der sieben Bewerber schaffte die absolute Mehrheit. Es gibt deshalb eine zweite Runde.

Ergebnisse von der Kreistagswahl lagen zum Redaktionsschluss noch nicht vor. Aktualisierte Daten gibt's im Internet:

Wahlergebnisse der Kreistagswahl
Wahlergebnisse der Stadt- und Gemeinderatswahl
Wahlergebnisse der Ortschaftsratswahl
alles zur Europawahl

 


Kommentar: Ohne Parteibuch

An den Ratstischen des oberen Vogtlands haben künftig Wählervereinigungen das Sagen. Sie lösen die CDU als langjährige Nummer 1 ab - das ist die Zäsur nach der Kommunalwahl in der Region. Hat zuletzt Parteipolitik in den Kommunen noch eine untergeordnete Rolle gespielt, so tut sie das künftig nicht mehr - das ist eine Botschaft nach den Wahlen am gestrigen Sonntag.

Für Stadt- und Gemeinderäte ist das keine Katastrophe. Ganz im Gegenteil. Die Entwicklung sorgt dafür, dass sich Kommunalpolitik ganz auf die Sache, die Probleme vor Ort konzentrieren kann. Vorbei sind die Zeiten, in denen gute Ideen durchfielen, nur weil sie von der falschen Partei kamen. Oder die CDU die Dinge in ihrem Sinne durchstimmte. Beides ist für die Parteienverdrossenheit in weiten Teilen der Bevölkerung mitverantwortlich. Eine von Wählervereinigungen dominierte Kommunalpolitik schützt vor ideologischen Grabenkämpfen in einer Zeit der Polarisierung in der großen Politik und entkoppelt politisch Engagierte in der Region von Skandalen auf der großen Bühne. Kommunalpolitik wird damit auch ein Stück weit freier.

Und die AfD? Während sie bei den Europawahlen durchweg starke Ergebnisse einfuhr, spielt sie in der Kommunalpolitik im Oberland keine herausragende Rolle. In Oelsnitz mit ihrem Zugpferd Ulrich Lupart schaffte sie ein erwartbares, durchschnittliches Ergebnis.

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