Was Menschen Menschen antun können

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Eine Gedenkstele erinnert seit Samstag in Bergen an zwei Todesmarschopfer, ermordet vor 76 Jahren. Zur Weihe wurden aktuelle Bezüge hergestellt.

Bergen.

"Der Boden der Zivilisation, auf dem wir uns bewegen, ist dünn und kann brüchig sein": Die Worte von Eichigts Bürgermeister Christoph Stölzel (parteilos) am Samstag galten auch der Zeit heute. Denn wenn sich auch die Einweihung der von Stölzel initiierten und finanzierten Gedenkstele im Ortskern von Bergen auf die Ermordung zweier KZ-Häftlinge am 17. April 1945 bezog - die mahnenden Worte Stölzels, zu verhindern, was Menschen Menschen antun können, hatten eine aktuelle Bedeutung.

Bei leichtem Schneetreiben und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt benannte Stölzel die Tötung der beiden Menschen im Todesmarsch am Kriegsende 1945 im sogenannten Bergener Rittergut. Zuvor hatte Ortschronist Hans-Peter Tschaepe die Glocke neben der Gedenkstele geläutet, Trompeter Walter Becher die Feierstunde musikalisch begleitet. Stölzel erinnerte an den Bergener Landwirt Friedhold Adler, zur Zeit des Mordes zwölf Jahre alt, der bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren immer wieder von den Ereignissen in seinem Heimatort 1945 erzählte, deren wohl letzter Zeitzeuge vor Ort er war. Und Stölzel, der in wenigen Monaten aus dem Bürgermeisteramt ausscheidet, bekannte, wie ihn der Besuch eines Lagers wie Buchenwald sein Leben beeinflusst. "Ich habe nie ein Hehl gemacht aus meiner grundpazifistischen Einstellung", betonte er.

Die Stele sieht Stölzel als ganz persönliches Bekenntnis gegen Krieg, Hass, Verfolgung, Vertreibung wie den Aufbau von Feindbildern. Auch als entschiedenes Nein, wenn mit Worten der Nationalsozialismus zum "Vogelschiss" (AfD-Fraktionschef Alexander Gauland) in der deutschen Geschichte erklärt wird. Landrat Rolf Keil (CDU) griff den Ball auf und erinnerte in seinem Grußwort an das Agieren des Dritten Weges in Plauen und hob hervor, was Stölzel mit der Gedenkstele ausdrückt. "Klare Linie, klare Lebenseinstellung, gesunder Menschenverstand" schätze er an Stölzel, lobte der Landrat den scheidenden Bürgermeister. Eine Zeitzeugin erinnerte an die Vertreibung am Kriegsende, die sie selbst als Fünfjährige in Schlesien bei 20 Grad Minus mit Mutter und Geschwistern erlebte.

Als sehr wichtiges Puzzlestück bezeichnete Christine Schmidt aus Breitenbrunn die Stele. Sie forscht seit 20 Jahre mit Mitstreitern über die Todesmärsche aus KZ und Außenlagern. Manches bleibt bis heute ein Rätsel. So, wie im April vor 76 Jahren der Todesmarsch genau nach Bergen kam. "Ich suche immer weiter, ich gebe nicht auf, auch wenn sich manches nicht klären lässt.

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