Was Studenten aus Adorfs Problemhäusern machen wollen

Angehende Architekten aus München haben sich in ortstypische Häuser verguckt - was Einheimische verblüfft. Am morgigen Mittwoch gibt es dazu einen Bürgerdialog.

Adorf.

Das ist doch DDR pur: Mit diesem Gefühl betrachtet Kay Burmeister, Geschäftsführer des Wohnungsgesellschaft Adorf, die Häuserzeile Freiberger Straße 1 bis 5 in seiner Heimatstadt: Braun- und Grautöne, Einheitsfront, für viele auf den ersten Blick eher abweisend als einladend. Auch das Herz von Bürgermeister Rico Schmidt (SPD) hüpft nicht gerade, blickt er aus dem Fenster seines Eckbüros im Rathaus auf eben jenen "Riegel" in der Innenstadt. Doch unter den angehenden Architekturstudenten der Technischen Universität (TU) München hat genau diese Straßenfront regelrechte Fans.

Die Schiefereindeckung, die regelmäßige Struktur, schwärmt Studentin Sophia Elender. Eher Großstadt als Kleinstadt. Aus dem Gebäude ließe sich etwas machen, sagt sie und stellte mit ihrer Kommilitonin Rebecca Heinzler einen ersten Entwurf im digitalen Bürgerdialog zum Seminar "Leerstand und Stadtentwicklung in Adorf neu gedacht" vor. Dabei entwickeln Studierende des Architekten Florian Nagler am Lehrstuhl für Entwerfen und Konstruieren der TU Ideen für Adorfs Sorgenkinder - an der Freiberger Straße ebenso wie an der Lessingstraße gegenüber der Zentralschule und der früheren "Wolfsschlucht" am Markt. Durch die Coronapandemie kann das Projekt bislang vor Ort kaum zu den Adorfer getragen werden - aber es geht online. Die ersten Runden waren am 2o. Mai und 2. Juli, am morgigen Mittwoch ist der dritte und vorerst letzte Dialog. Er startet 18 Uhr. Interessierte können sich jederzeit anmelden. Vor allem Stadträte seien hier gefragt, erklärte Klaus Zeitler, Berater der Stadt Adorf im Projekt Demografiewerkstatt Kommunen, in einem energischen Appell in der Juli-Sitzung des Stadtrats.

Eins verbindet die drei Studienobjekte - die Studierenden haben den gnädigeren Blick darauf als die Einheimischen, die den Anblick der Häuser seit Jahren vor Augen haben. In die Struktur der Häuser würden die Studierenden so wenig als möglich eingreifen, dafür durch öffentlich zugängliche Innenhöfe sie als Wohn- und Begegnungsort aufwerten, sie interessant für Familien, junge Kreative oder Arbeiten und Wohnen unter einem Dach machen. Darja Alekseeva und Dimitri van de Sijpe schlagen für die Wolfsschlucht die Einrichtung von Hostelzimmern mit Nasszellen sowie geschwungene Balkons zum begrünten Innenhof vor. Jonas Krause und sein Team wollen für das Haus an der Lessingstraße eine Öffnung zur Hofseite und im Erdgeschoss Platz für Start-ups aus der Region. Rückwärtige Balkons, ein Manufakturraum etwa für Kunsthandwerk, Partykeller oder Kinoaufführungen - so sei die Belebung des Komplexes Freiberger Straße vorstellbar, sagen Sophia Elender und Rebecca Heinzler.

Vorstellbar ist für Rico Schmidt Fachwerk an der Freiberger Straße, sagte er im Online-Dialog, den das Netzwerk Südwestsachsen Digital technisch realisierte. Davon raten die Studierenden und Sebastian Kofink, wissenschaftlicher Mitarbeiter an Naglers Lehrstuhl, dringend ab. Die Häuser hätten zu viel eigenes Potenzial, um sie künstlich aufzuhübschen, meint der Münchner Kurs, der 25 Teilnehmer aus Deutschland, China, den USA oder den Niederlanden verbindet. Auch als Signal wär's schlecht, betont Kofink: Am unteren Marktende reißt die Stadt mit dem Becker-Haus einen Fachwerkbau weg, am oberen Markt ahmt sie einen nach, der nie einer war.

Anmelden können sich Interessierte unter: www.freiepresse.de/adorfdialog

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