Wo Bäume vom Krieg berichten

Im Holz eingewachsene Metallstücke sind ein Ärgernis für Sägewerke, können aber auch von vergangenen Zeiten erzählen.

Korna/Raasdorf/Schöneck.

Werner Schauer hält ein Stück totes Laubholz in die Luft. Ein rostiger, gebogener Metallgegenstand ragt daraus hervor. "Dies ist ein altes Wiegemesser", sagt der ehemalige Leiter des Sägewerks Korna, das nun sein Sohn Uwe führt. Das mit dem Baum verwachsene Küchenwerkzeug diente einst dem Zerkleinern von Kochzutaten. "Wir haben absolut keine Ahnung, wie das Messer in den Baum gekommen ist", gesteht Uwe Schauer.

Auf das Utensil gestoßen waren Mitarbeiter des Sägewerks, als sie den Baum zu Brettern verarbeiten wollten und eines der Sägeblätter auf den Metallgegenstand traf. "Häufig sind die Blätter dann totaler Schrott", sagt Uwe Schauer. Drei- bis fünfmal im Jahr passiere das und jedes Mal entstehe ein Schaden von etwa 500 Euro. Doch auch wenn kein Totalschaden durch die versteckten Metallstücke im Holz entsteht, heißt es: Die Sägeblätter auswechseln, kontrollieren und nachschleifen.

Das im Baum verwachsene Wiegemesser ist mit Sicherheit der kurioseste, keinesfalls aber der einzige im Holz eingewachsene Metallgegenstand, auf den das Sägewerk Schauer bislang gestoßen ist. Im Gegenteil: "Das passiert häufig", sagt Uwe Schauer. Der Grund: Bevor Nadelbäume gefällt werden, sollten diese zuvor 150 Jahre wachsen, bei Laubbäumen sind es sogar 200 Jahre, erklärt der 54-Jährige. Nun waren die letzten 200 Jahre eine sehr geschichtsträchtige Zeit -und im Holz eingeschlossenes Metall rostet kaum, da dort keine Luft hinkommt.

"Neben allerhand Nägeln und Schrauben finden wir auch immer wieder Patronen und Bombensplitter aus beiden Weltkriegen im Inneren der Bäume", sagt Uwe Schauer, der eine Erklärung dafür parat hat: Manchmal hätten die Abwurfvorrichtungen amerikanischer Bomber nicht funktioniert. Die Piloten seien aufgrund von Beschuss oder Treibstoffmangel irgendwann zum Umkehren gezwungen gewesen. Um Ballast loszuwerden, habe einer der Bordschützen die Bombenklappen von Hand geöffnet und die tödliche Fracht über einem ruhigen Gebiet - etwa einem Wald - abgeworfen.

Wenn die Bäume mit Granatsplittereinschlüssen aus der Umgebung des Kornaer Sägewerkes stammen, hat auch Gerd Naumann eine Vermutung, wie das Metall dort hineingekommen ist. "Die Amerikaner haben im April 1945 den Wald in Richtung Schöneck unter Artilleriebeschuss genommen", erklärt der Mitarbeiter des Plauener Vogtlandmuseums. Grund des Angriffs war, dass zwei US-Soldaten auf einem Vorposten in Raasdorf bei Oelsnitz erschossen wurden. Laut Naumann wird vermutet, dass sie von Mitgliedern der Hitlerjugend nachts in einen Hinterhalt gelockt und umgebracht wurden. Als Vergeltung hätten die Amerikaner damals auch das Dorf Raasdorf abgebrannt.

Vorkommen können Einschlüsse von Kugeln von Handfeuerwaffen und Splitter von Geschossen oder Bomben überall, wo Gefechte stattgefunden haben. Naumann hält es für sehr wahrscheinlich, dass auch in Bäumen im Plauener Stadtpark Bombensplitter eingewachsen sind: "Bei der Bombardierung des Oberen Bahnhofes sind auch Bomben am Park niedergegangen." Einschlagsspuren an Bäumen zu finden, sei aber heute kaum noch möglich, so Naumann: "Entweder die Splitter sind eingewachsen oder die Bäume wurden gefällt."

Historische Einschusslöcher in Bäumen können auch unerwartete Folgen haben. Das Sägewerk Korna hatte vor knapp 15 Jahren Balken an eine Kirche in der Nähe von Cottbus geliefert, berichtet Uwe Schauer. Patronen und Einschusslöcher im Holz hätten den Denkmalschutz zuerst bewogen, das Gebäude erhalten zu wollen. Aufgrund seiner Baufälligkeit musste die Kirche letztendlich aber doch abgerissen werden.

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