Immer wieder gesucht: Begleiter durch die Nacht

Telefonseelsorger sind Zuhörer ohne Namen und Gesicht. Sie sind rar geworden und deshalb sind Leitungen oft besetzt. Auch die Nöte der Anrufer haben sich verändert.

Von Ulrike Abraham

Für manche ist die Nacht ein Gefängnis. Sie liegen wach und grübeln. Das Herz rast. Manche wählen dann die Nummer der Telefonseelsorge. Am anderen Ende fangen Menschen Schmerz, Angst und Wut auf. Sie sind Begleiter durch eine Nacht, die die Seele gefangen hält. Auch am Tag.

Rund 6300 Gespräche haben Mitarbeiter der Telefonseelsorge Vogtland im vergangenen Jahr geführt, sagt Tabea Waldmann, Leiterin der Regionalstelle. Die Zuhörer ohne Namen und Gesicht sind sie oft das einzige Ventil für Menschen, die nicht wissen wohin mit sich und ihren Sorgen. Doch die Zuhörer sind rar geworden.

55 Männer und Frauen sind es derzeit; 70 waren es noch vor sechs oder sieben Jahren. Telefonseelsorge ist Ehrenamt: 15 Stunden Dienst macht jeder Mitarbeiter im Monat. Das reicht kaum, um die Leitungen rund um die Uhr zu besetzen, die in der Region geschaltet sind. Wenn es eng wird, schiebt Tabea Waldmann mehr Dienste. Die 54-Jährige ist psychologische Beraterin bei der Diakonie Auerbach, zu der die Telefonseelsorge im Vogtland gehört. Man muss im Schnitt fünf Mal die Nummer der Seelsorge wählen, bis man durchkommt. "Das ist ein Problem", sagt Tabea Waldmann.

Vor allem bei akuten Krisen. In 629 Gesprächen 2017 ging es um Suizid: eigene Selbstmordgedanken oder Angst um Angehörige. Die Zahl steigt seit Jahren - was wohl auch daran liegt, dass sich mehr trauen, darüber zu sprechen, sagt Michael Riedel, Chefarzt des Rodewischer Landeskrankenhauses. Am Montag ist Welttag der Suizidprävention. Für Waldmann ist der Tag Anlass, noch einmal um Seelsorger zu werben.

Viele rufen nicht nur einmal an. Im Gegenteil: Manche wählen regelmäßig die Nummer der Telefonseelsorge. Menschen etwa, die unter Depressionen leiden, aber austherapiert sind - in dem Fall zahlt die Krankenkasse keine Behandlungen mehr. Die Gespräche sind Ritual, das Halt gibt. "Heute geht es mir nicht so gut", erzählen sie oder: "Heute traue ich mich aus der Wohnung." Das zu thematisieren, kann eine enorme Entlastung sein, weiß Chefarzt Riedel.

Der Umfang der Gespräche nimmt zu: Im Schnitt dauern sie 28 Minuten. "Die Probleme sind komplexer", sagt Waldmann. Krankheit, Einsamkeit, Geldnot. Vielen mache die Veränderung in der Gesellschaft Angst. "Das ist neu", sagt die Fachfrau. Wegen Politik habe vor zehn Jahren niemand angerufen.

Die Seelsorger hören zu. Werten nicht, urteilen nicht, bevormunden nicht. Die Antworten auf Fragen, die sie quälen, müssen die Betroffenen selbst finden. Die anonymen Zuhörer ermutigen, den nächsten Schritt zu tun: zum Arzt, vor die Tür, oder ins Büro des zuständigen Politikers.

Telefonseelsorge Wer Interesse am Ehrenamt hat - Kontakt Tabea Waldmann: 03744 217727 oder 0176 1261060. E-Mail: ehrenamt@ts-vogtland.de. Die Ausbildung beginnt im Oktober und umfasst 150 Stunden.

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