Abgefahren: Die Post-Zwillinge sprechen fünf Sprachen

Im Vogtland fahren Zwillingsschwestern die Post aus. Eine in Plauen, eine in Klingenthal. Eigentlich sind sie Akademikerinnen. Sie wollen aber nicht höher, schneller und weiter kommen. Sie wollen nur Briefe austragen.

Plauen.

Es ist wieder passiert, sagt Kristin Gutmann. Sie kam zur Arbeit, und dieses Mal brachte sie ihre Schwester mit. Sie packten ihre gelben Dienstfahrrad-Taschen, holten ihren Thermoskannen-Kaffee und machten Frühstückspause. Sie haben irritiert gekuckt, die Kollegen. "Ich hatte nicht allen erzählt, dass ich die Tour heute mit meiner Schwester fahre", sagt Kristin Gutmann. Sie lächelt ein Lächeln, bei dem auch die Augen mitmachen.

Nicht nur das Lächeln ist bei Sandra Gutmann gleich. Die Schwestern sind Zwillinge, eineiig, haben den gleichen Job und das gleiche Studium. Kristin arbeitet in Plauen als Zustellerin, Sandra in Klingenthal. Die Schwestern stammen aus einer Zwickauer Post-Familie. Die Mutter arbeitet dort im Personalwesen der Deutschen Post, ihr Vater war Abteilungsleiter. Vor ein paar Monaten sind sie aus Zwickau ins Vogtland gezogen, weil sie sich in Vogtländer verliebt haben. Sie leben ihr Zwillingsleben so intensiv, dass sie jetzt, mit 28 Jahren, zum ersten Mal getrennt wohnen.


Zwei Fragen verfolgen die Schwestern, wenn sie von ihrer Arbeit reden. Erstens: Wie ist das so, den ganzen Tag Briefe zu verteilen? Und dann: Ihr habt doch studiert, warum macht ihr das? Was sie darauf antworten, klingt nach Vorreitern einer neuen Genügsamkeitsbewegung. "Wir wollen nicht höher, schneller, weiter", sagt Sandra, und Kristin dazu: "Ja, genau."

In Zwickau und Heilbronn haben sie zusammen Wirtschaftshispanistik studiert. Thema ihrer Masterarbeit: "Die Auswirkungen von nicht-biologischer Kosmetik auf Mensch, Tier und Umwelt im Vergleich zu biologischer Kosmetik." Das hatte etwas mit Marktforschung und Nachhaltigkeit zu tun und passte zu dem Naturkosmetikvertrieb, den die Schwestern nebenbei bespielen.

Fünf Sprachen sprechen sie, zum Teil fließend: Spanisch, Englisch, Französisch, Portugiesisch und Deutsch. Weil sie Spanisch studierten, gingen sie ins Ausland und blieben dreieinhalb Jahre, zwei davon in Kanada. Sie arbeiteten in Büros. In Toronto im Management eines Luxus-Schreibwarengeschäfts, in Madrid bei Bosch und bei Daimler. "Die Büroluft ist mir zu stickig, davon kriege ich Kopfschmerzen", sagt Kristin. "Ich bin auch kein Büromensch", sagt Sandra.

Wer schon Zeitungen ausgetragen hat, weiß, wie dieser Job in die Knochen geht. Wer eine Briefträgerin mit ihrem 80-Kilo-Rad übers Glatteis schlittern sieht, weiß es auch. Trotzdem sagen die Zwillinge, sie haben gerade keine anderen Pläne. Es klingt wie ein Brainstorming für einen Post-Werbetext, wenn sie die Vorzüge des Zustellerlebens aufzählen: spart das Fitnessstudio, das Geld reicht, keiner redet rein, nachmittags ist der Kopf frei.

Mattias Persson, Pressesprecher bei der Deutschen Post, spricht nicht von Personalmangel. Ab September suche das Unternehmen aber wieder befristete Aushilfen für das Weihnachtsgeschäft. Im Westen seien mehr Männer für die Post unterwegs, im Osten mehr Frauen. Die Zwillinge aus dem Vogtland sind zwei von über 50.000 Zustellern bundesweit, die am Tag 57 Millionen Briefe und fünf Millionen Pakete verteilen. Die Briefsendungen nehmen ab, die Päckchen und Pakete zu, sagt Persson. Zwei bis drei Prozent minus seien es jedes Jahr bei den Briefen und plus vier bei den Paketen.

Während des Studiums arbeiteten Sandra und Kristin Gutmann schon bei der Post, damals nebenbei auf Abruf. Vor drei Jahren zum Beispiel, da halfen sie in Berlin aus.

Sandra hätte fast hingeschmissen, als sie noch in Zwickau gearbeitet hatte. Sie klingelte an einer Haustür, denn Klingeln gehört zum Geschäft. Eine Frau öffnete und brüllte, ihr Klingeln habe das Kind aus dem Mittagsschlaf geweckt. "Sie hat mir Grundstücksverbot erteilt und mit Kündigung und Polizei gedroht." Was sie nun machen soll, fragte sie ihre Chefin. Danach musste sie nie wieder dort klingeln und die Päckchen anderswo abgeben. Kristin sollte mal aus einem Wohnblock in Plauen den Müll wegbringen. Sie lief die Treppen hinauf, gab das Päckchen ab und sollte den Müll runterbringen. "Nee, nee, hab ich gesagt." Sie ist die Zähere der Zwillingsschwestern. Sandra ist die ältere.

Mit dem Doppeltes-Lottchen-Klischee spielen sie nicht mehr, seit sie erwachsen sind. Sandras Haar ist kürzer und heller als das ihrer Schwester, jetzt kann man sie unterscheiden. Über ihre Arbeit ist ein neues Klischee dazu gekommen. Die Frage, ob sie als Briefträger schon Stress mit Hunden hatten. Beide verneinen. Aber das sei mehr als ein Klischee, sagt Persson, der Pressesprecher. Vergangenes Jahr wurden bundesweit 1043 Postzusteller gebissen und fielen mindestens einen Tag aus.

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