Als das Licht ausging im "Lampenladen"

30 Jahre Wende Beim Doku-Streifen "Palast der Gespenster" rund um die Ereignisse des 7. Oktober 1989 stehen auch die Plauener im Licht. Der Film hatte am Montag Premiere im Malzhaus.

Plauen.

Die Dokumentation "Palast der Gespenster" hatte am Montag in Plauen Premiere. In der Co-Produktion von MDR und Arte geht es um die Ereignisse am 7. Oktober 1989. Beleuchtet wird das Geschehen in Plauen, wo am Nachmittag 15.000 Menschen auf die Straße gingen, und in Berlin, wo abends die SED-Elite mit Gorbatschow und weiteren Staatschefs im "Palast der Republik" - vom Volk "Erichs Lampenladen" genannt - den 40. Jahrestag der DDR feierte. Zur gleichen Zeit formierte sich auf den Hauptstadtstraßen Protest. Dort ging es nicht so glimpflich ab wie in Plauen.

Allerdings thematisiert der Streifen auch die andere Seite der "friedlichen" Demo in der Vogtlandstadt. Zeitzeugen berichten von Verhaftung, körperlicher Gewalt und Psychoterror, von Angst und Konspiration. Klempnermeister Sigmar Wolf zum Beispiel, der eines der ersten Plakate mit der Aufschrift "Für Reformen und Reisefreiheit - und für Frieden" anfertigte, hatte sich nicht mal getraut, seiner Frau davon zu erzählen. Das berichtet der heute 58-Jährige im Film. Auch Jörg Schneider, damals 22 und gerade von der Armee zurück, der Hunderte von Demo-Aufrufen mit der Schreibmaschine verfasste, kommt zum Beispiel zu Wort. Und Jens Bühring (48) schildert eindrucksvoll aber ohne Pathos seine Festsetzung. Die Filmemacher haben also "ganz normale Leute" wie die genannten Plauener sowie ehemalige SED-Funktionäre wie Eberhard Aurich - seinerzeit Nachfolger von Egon Krenz als FDJ-Generalsekretär in Berlin - oder Peter Seeburg, der '89 Kultur-Stadtrat war, vor die Kamera geholt.

Regisseurin Heike Bittner sagte während der Podiumsdiskussion nach der 90-Minuten-Doku: "Die Geschichte ist nicht schwarz-weiß." 30 Jahre nach den Ereignissen sei es Zeit für eine differenziertere Betrachtung. Zusammen mit ihrem Team hat Bittner wahre Fotoschätze gehoben, darunter Bilder, die noch nie veröffentlicht wurden. Teils kamen diese aus dem Archiv des Vogtländischen Heimatverlags von Jean-Curd Röder. Es sind alles Privatfotos, denn: "Plauen lag so weit am Rand, da kam keine Presse hin." Und Detlev Braun hat zweieinhalb Minuten der geschichtsträchtigen Ereignisses auf einem Acht-Millimeter-Schmalfilm festgehalten.

"Sie haben uns in Ihrer Stadt drehen lassen", bedankte sich Arte-Geschäftsführer Markus Nievelstein beim Publikum. Solche hochwertigen Filmprodukte gebe es nur durch die Rundfunkbeiträge für öffentlich-rechtliche Sender. MDR und Arte fanden sich bei den Besuchern mit Gratis-Sekt, Freibier und Gegrilltem ab.

Schon am Montagnachmittag war der Film in der Malzhaus-Galerie gelaufen - vor zwei Schulklassen, eine kam vom Plauener Diesterweg-Gymnasium, eine aus Naila. "Die Jugendlichen müssen sich selbst ein Urteil bilden", so Regisseurin Bittner.

Der Film im Fernsehen: Am Dienstag läuft "Palast der Gespenster" bei Arte, am 6.Oktober im MDR - jeweils um 20.15 Uhr.


"Bilder von Peking im Kopf"

Jürgen Kurzendörfer, Demo-Teilnehmer der ersten Stunde: "Meine Plakate besitze ich noch. Auf einem stand: 'Vogtland - meine Heimat; Deutschland - mein Vaterland; Europa - meine Zukunft.' Meine Frau Christina hielt mir immer den Rücken frei."

Peter Awtukowitsch, damals Ballet-Tänzer am Plauener Theater: "Wir wohnten in der Gutenbergstraße und von dort aus konnte ich sehen, wie sich im Hof des Wehrkreiskommandos die Polizisten formierten."

Werner Flach, Geologe: "Der Hubschrauber kreiste bei der Demo 50 Meter über uns. Das versetzte manche ebenso in Panik wie das Trommeln der Polizisten mit ihren Schlagstöcken auf die Plexiglasschilder."

Steffen Zenner, damals 20, heute Bürgermeister: "Ich war bei der ersten Demo nicht dabei, weil ich genug von dem 7. Oktober-Klamauk hatte, glaubte nicht, dass sich was ändern würde. In der nächsten Woche bin ich mitgelaufen, es war ein Hochgefühl."

Peter Seeburg, Kultur-Stadtrat: "Ich saß zwischen den Stühlen. Ich wollte den sozialistischen Entwicklungsweg, nach außen wirkte ich aber angeblich wie ein Konterrevolutionär. Aber ich will mich nicht nachträglich als Widerständler bezeichnen."

Carolin Eschenbrenner, damals Regieassistentin: "Ich arbeitete am Theater in Augsburg. Wir haben die Nachrichten aus der DDR und die Bilder der Demos in Berlin und Leipzig mit Spannung und Sorge verfolgt. Man konnte nicht wissen, wie es ausgeht, hatte die Bilder von Peking im Kopf."

Eberhard Aurich, Nachfolger von Egon Krenz im Zentralrat der FDJ: "Nachdem ich 25 Jahre zum Thema geschwiegen habe, gibt es nun ein Buch von mir. Es heißt 'Zusammenbruch'." (sasch)

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