Als Pöhl unterging und anderes: Dem alten Vogtland auf der Spur

Mit ihrem Vortrag über verschwundene Orte haben Anne und Uwe Fritzsch in Oberlauterbach die Zeit bis zu 100 Jahre zurückgedreht.

Oberlauterbach.

Wälder, Felder, Wiesen, sanftes Hügelland. Nichts auf dem Foto lässt erahnen, dass sich dort einst Dramen abspielten. Bis 1968 stand auf jenem Fleckchen Erde bei Greiz das Dorf Culmitzsch. Dann mussten 614 Einwohner Platz machen für ein Tagebau-Projekt. "Wir wussten gar nicht, dass der Wismut im Tagebau auch Orte zum Opfer gefallen sind", sagte Uwe Fritzsch.

Auf Bewegendes und Verblüffendes stießen er und seine Frau Anne bei Recherchen für ihren Dia-Vortrag "Das verschwundene Vogtland" immer wieder. Am Mittwochabend zeigten die Werdaer Nummer eins ihrer vierteiligen Vortragsreihe. Der Saal im Oberlauterbacher Natur- und Umweltzentrum Vogtland (NUZ) konnte den Ansturm kaum bewältigen: 120 Gäste wollten wissen, wie sich das Gesicht ihrer Heimat über die Jahrzehnte veränderte.


Zum Wismut-Tagebau auf Culmitzscher Fundamenten fanden die Fritzschs noch mehr heraus. Etwa, dass in großem Stil gegraben wurde. "15 bis 18 Millionen Tonnen Uranerz haben 9216 Tonnen reines Uran geliefert", berichtete Uwe Fritzsch. Dafür arbeitete sich die Bohrtechnik bis 70 Meter tief in den Boden. Später sei an der Tagebau-Stelle ein riesiger Uran-Abwassersee angelegt worden, auf dem sich Kinder im Winter zum Eislaufen getroffen hätten.

Sichtlich betroffen reagierten die Vortragsgäste auch, als Anne und Uwe Fritzsch auf Entscheidungen beim Bau der Talsperre Dröda zu sprechen kamen. Das kleine Dorf zwischen Plauen und Hof sei geflutet worden. Und mit ihm der Friedhof. Warum, konnte den Fritzschs zufolge keiner ihrer Gesprächspartner vor Ort sagen.

Mit mehr Feingefühl ging man bei der Flutung von Pöhl vor. Noch vor der Aussiedlung aller 430 Einwohner wurden die Toten in Jocketa neu bestattet. Überliefert ist, dass die Arbeiter pro Tag einen Liter Alkohol bekamen - wegen der Infektionsgefahr. "Es ist aber nie ein Fall aufgetreten", sagte Anne Fritzsch.

Zu den mehr oder weniger großen Siedlungen, die Talsperren weichen mussten, gehörten sechs Gehöfte im Geigenbachtal bei Werda. An jenem Ort befindet sich seit 1909 die Geigenbachtalsperre. In Zeulenroda mussten fünf Mühlen "dran glauben". Andere Dörfer wurden Uwe Fritzsch zufolge ausradiert, wo das sächsische und böhmische Vogtland aufeinandertreffen. "Von Markhausen gibt es nur noch die Bahnstation", sagte er. Markhausen grenzte an Klingenthal. In der Stadt beförderte eine Straßenbahn bis 1964 Personen und Güter. Etwas Raum schafften die Fritzschs in ihrem zweistündigen Vortrag auch für verschwundene Verkehrseinrichtungen wie diese. Und für den Grünbacher Verkehrsturm, einen von einst dreien seiner Art im Vogtland. Der wurde Uwe Fritzsch zufolge selbst ein Verkehrsopfer: "1979 ist der Betonklotz umgefahren worden."

Drei Jahre recherchierten Anne und Uwe Fritzsch für ihren Vortrag. Die Werdaer gingen vor Ort auf Spurensuche, unterhielten sich mit Chronisten, Privatleuten und durften in persönlichen Fotoalben blättern.

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