Apotheke setzt sich für Colin ein

Geschenke an Silvester haben hierzulande keine Tradition. Bei Epileptiker Colin Clemet schon. Er feiert heute 15. Geburtstag. Ein Fahrzeug steht ganz oben auf der Wunschliste.

Plauen.

Es ist ein altes braunes Apothekerglas mit der Aufschrift Benzocainum. Ein Betäubungsmittel. Normalerweise steht das Utensil nur zu Dekozwecken in der Apotheke am Löwelplatz in Plauen. Doch seit einigen Wochen füllt sich das Gefäß täglich mit Geld. Kunden, die dem Plauener Jungen Colin Clemet helfen wollen, stecken Münzen und Scheine hinein. "Es sind 850 Euro zusammengekommen, wir stocken auf 900 auf", sagt Mitarbeiter Andreas Kühn stolz.

Das Geld - sozusagen ein zusätzliches Geschenk zu Colins 15. Geburtstag am heutigen Silvestertag - wollen Kühn und seine zwölf Kollegen auf das Konto der "Leser helfen"-Initiative der "Freie Presse" überweisen. Von der Gesamtsumme soll ein neues Auto, am besten ein Kombi mit großen Schiebetüren, finanziert werden. Ohne dieses Gefährt ist die Familie zusehends aufgeschmissen, das derzeitige Auto ist in die Jahre gekommen. Aus eigener Kraft schaffen die Plauener es nicht.

Jeder aus dem Apotheken-Team hat deshalb auch privat in die Tasche gegriffen. Man kenne Colin und seine Familie schon so lange, das sei selbstverständlich, so Apothekenleiterin Kerstin Eckert. Alle zwei Wochen macht sich Colins Vater Frank Horn auf den kurzen Fußweg vom Zuhause zur Apotheke. Oft hat er seinen Sohn im Rollstuhl dabei. Der Epileptiker, der kaum laufen kann, braucht dann Nachschub an Medikamenten, vor allem ein Mittel auf Cannabisbasis. Das helfe gegen Colins Krampfanfälle - als erstes überhaupt, haben Eltern und Ärzte festgestellt.

Früher seien allerlei Tabletten und Tropfen in der Apotheke eigens für Colin hergestellt worden. Von ihnen schlugen aber eben nicht alle jederzeit zuverlässig an. Das ist eine Tücke der Krankheit - gegen sie ist im Grunde kein Kraut gewachsen.

Colins geistiger Entwicklungsstand ist der eines Säuglings, obwohl er den Körper eines Jugendlichen besitzt. Zum Tragen ist er viel zu schwer. Besonders Mutti Michaela Clemet bekommt das Tag für Tag deutlich zu spüren. Haben die Eltern Colin dann aber doch irgendwie ins Auto bugsiert, muss noch der Rollstuhl hineingewuchtet werden. Wegen all der Widrigkeiten sind Colins Eltern öfters mit dem Jungen zu Fuß unterwegs. Denn Colin braucht viel frische Luft - egal bei welchem Wetter. Als es jüngst beim Fototermin vor der Apotheke tröpfelte, machte das den Beiden nichts aus.

Papa Frank hatte ohnehin andere Sorgen. "Wahnsinn, was die Leute hier für uns auf die Beine gestellt haben, sogar Plakate haben sie anfertigen lassen", zeigte sich der Mann jetzt überwältigt. Während er fast ein bisschen mit den Tränen kämpft, läuft eine Rentnerin von der Straßenbahnhaltestelle zur Apotheke. Sie rollt einen Fünf-Euro-Schein und schiebt in durch den offenen Hals des Apothekerglases. Mehr könne sie nicht geben, sagt sie. Warum sie das überhaupt mache? "Mein Schwiegersohn ist ebenfalls chronisch krank. Er hat Multiple Sklerose. Wir sind auch über jede Hilfe dankbar."

SERVICE Wenn Sie Colin und seiner Familie helfen wollen, können Sie über den Verein "Leser helfen" spenden. IBAN: DE 4787 0962 140 22 44 22 44 0. Betreff: Spendenprojekt "Colin". Infos zu den Projekten und zum Spenden finden Sie im Online-Spezial. Überweisungen sind auch übers Internet möglich: www.freiepresse.de/spende-colin

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