Auf der Suche nach dem Extrempegel

Wie weit steigen die Pegel vogtländischer Flüsse bei Hochwasser? Drei Gewässer werden in der Region jetzt vermessen.

Plauen/Weischlitz.

Stück für Stück nehmen Vermesser das Profil der Weißen Elster auf, waten durch Wasser und Schilf, dokumentieren die Uferbereiche, auch feste Bauwerke wie Brücken. Seit Anfang Juni arbeiten sich drei Teams vom beauftragten Ingenieurbüro Bauer aus Aue flussabwärts vor, von der Talsperre Pirk bis zur Landesgrenze zu Thüringen. 320.000 Euro plant die für die Weiße Elster als Gewässer erster Ordnung zuständige Landestalsperrenverwaltung (LTV) für das Projekt ein, das insgesamt 22 Wochen dauert. 200.000 Euro werden für den Abschnitt von der Grenze zu Tschechien bis zur Pirk ausgegeben, der ab September an der Reihe ist.

Noch nie wurde die Weiße Elster so aufwendig und so genau vermessen, heißt es aus der Behörde. In ganz Sachsen nimmt die LTV Flüsse ins Visier, um mit den Daten neue Risiko- und Gefahrenkarten in Sachen Hochwasser zu erstellen. Im Vogtland sind Vermesserteams aktuell auch an der Zwickauer Mulde zwischen den Talsperren Muldenberg und Eibenstock unterwegs. Nächstes Jahr ist die Göltzsch an der Reihe, Daten werden zwischen der Talsperre Falkenstein und der Landesgrenze nach Thüringen erfasst.


Rund 800 Messpunkte schafft jedes Vermesserteam pro Tag. "Beim aktuellen Niedrigwasser kommen wir gut voran, weil die Strömung nicht so stark ist", sagt Diplomingenieur Falk Mederer-Thelen, der beim Projekt vom Planungsbüro den Hut auf hat. "Andererseits macht es der Uferbewuchs in den Sommermonaten schwieriger, die Böschungen genau zu vermessen." Zuletzt arbeiten die Trupps in Plauen, Elsterberg und Weischlitz. Steht das Schilf zu dicht, schneiden sie mit Macheten Schneisen, um die Messgeräte in der exakten Position ausrichten zu können. In Naturschutzgebieten brauchen sie dafür Genehmigungen. Am Gut in Weischlitz sind die Gegebenheiten ideal, um das Uferprofil zwischen Straßen- und Fußgängerbrücke aufzunehmen: die Hänge gemäht, der Wasserstand niedrig. Marco Ludwig und Christian Hager können die Wathosen im Auto lassen. Als nächstes dokumentieren sie die Hochwassermarke vom 2. Juni 2013. "Solche Marken sind wichtig für uns, wenn wir mögliche Hochwasserereignisse im Modell simulieren", sagt Norbert Prange. Er ist Referent für das Thema Hochwasserrisikomanagement bei der Landestalsperrenverwaltung.

Die Arbeiten sind Teil der Umsetzung einer EU-Richtlinie für den Hochwasserschutz. Die Ergebnisse dienen der Unteren Wasserbehörde des Landkreises, Überschwemmungsgebiete auszuweisen. Auf Bebauungspläne oder den Versicherungsschutz von Gebäuden könnten sich die Ergebnisse auswirken. Auch wird auf Basis der Daten entschieden, ob und an welcher Stelle weitere Schutzmauern her müssten und an welcher Stelle der Fluss auch bei Flut Platz hat.

"Wir brauchen neue Daten, da es bauliche Veränderungen in den Auen und an Brücken gab", erklärt Norbert Prange. Zusätzlich haben sich Uferbereiche durch die zurückliegenden Hochwasserereignisse 2013 und 2018 verändert. So lagerten sich in der Elsteraue im Bereich des Stadtbads Sedimente ab, sodass Inseln entstanden. Verlandungen, nennen sie Fachleute. Die dämmen den Fluss ein. Die Fließgeschwindigkeit erhöht sich. "Ob an der Stelle etwas getan werden muss, wägen wir auf Basis der Daten ab", erklärt Prange.

Die Gefahrenkarten für das geltende Hochwasserschutzkonzept aus dem Jahr 2002 resultieren aus älteren Plänen vom Gewässer. Die Berechnungen zeigen eindimensional, bis zu welchen Punkten sich das Wasser bei Flut ausbreitet. Nun sind 2-D-Modelle geplant, die zeigen wie weit sich die Weiße Elster bei Extremhochwasser ausdehnt. Aber auch, wie sich der Fluss bei harmloseren Ereignissen verhält. Die Experten simulieren dafür Hochwasserereignisse, wie sie statistisch gesehen alle fünf, zehn, 20, 50, 100, 200 oder 300 Jahre auftreten. Das letztgenannte Ereignis ist als Extremhochwasser eingestuft. Bis Ende 2020 sollen die neuen Karten vorliegen.

Während das Plauener Stadtbad im Frühjahr 2018 nach extremen Regenfällen nur knapp der Überflutung entging, brach sich der Fluss in Weischlitz - wie schon in der Elsteraue in Adorf und Oelsnitz - Bahn. Das Areal um das Gemeindeamt am Gut, Fußballplatz, Fußgängerbrücke und Eigenheime standen unter Wasser - wie schon fünf Jahre zuvor. Es hagelte Kritik in Richtung LTV. Bei einer Bürgerversammlung sagte der zuständige Bereichsleiter Gerd Zobel den Anwohnern zu, dass eine Überprüfung der Hochwasserschutzmaßnahmen mit der neuen Datenbasis erfolge. Norbert Prange betont auf Nachfrage, dass das Risikomanagement vor Investitionen auch abwägt, wie groß die Schäden wären und wie viele Betroffene es gäbe - dicht bebaute Innenstadtlage rangiert vor Fußballplatz.

Die fertigen Gefahr- und Risikokarten legt die Landestalsperrenverwaltung den Bürgermeistern der Anrainerkommunen und der Landkreisbehörde vor. Ob es Einwohnerversammlungen geben wird, sei noch offen, hieß es auf Nachfrage. Das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie veröffentlicht die fertigen Karten im Internet. Bürger könnten sich dann selbst informieren, ob ihr Haus im Hochwasser-Risikogebiet steht.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    0
    Tauchsieder
    31.07.2019

    Zitat aus dem Text: - So lagerten sich in der Elsteraue im Bereich des Stadtbads Sedimente ab, sodass Inseln entstanden. Verlandungen, nennen sie Fachleute. Die dämmen den Fluss ein. Die Fließgeschwindigkeit erhöht sich. "Ob an der Stelle etwas getan werden muss, wägen wir auf Basis der Daten ab", erklärt Prange - Zitat Ende.
    Zur Vervollständigung dieser Aussage wäre anzumerken, dass diese Sedimente sich vorher im "Vomagwehr" abgesetzt hatten und beim Hochwasser 2013 über das Wehr gedrückt wurden. Der ZWAV hatte das Schlauchwehr abgesenkt. Da dieses Wehr als Geschiebefalle wirkt, sich zur Zeit wieder das Geschiebe/Sedimente in diesem Wehr ansammeln, wird beim nächsten Hochwasser das gleiche Problem wieder auftauchen. Zu den anderen Aussagen nur so viel, es wird hier kein Fluss eingedämmt, bei einem Hochwasser werden die Inseln überspült und abgetragen, nennt sich Geschiebetransport. Dafür setzt sich das derzeit in der Wehranlage ansammelnde Geschiebe dann dort wieder ab. Und mit der Erhöhung der Fließgeschwindigkeit muss man sich auch keine Gedanken machen. Gerade an dieser Geschiebefalle "Vomagwehr" wird Wasser aus der Elster über den Mühlgraben ausgeleitet. Die Elster hat zur Zeit im Stadtgebiet zwischen der Wehranlage und der Stresemannbrücke kaum Wasser, sieht eher aus wie ein Bach. Dieser Fakt ist der Ausleitung des Wassers für eine Wasserkraftanlage am Mühlgraben geschuldet.
    Alles hausgemachte Probleme, alles dem Fakt dieser Wehranlage geschuldet und der Stadt sehr wohl bekannt. Es ist nur eine Frage der Zeit bis diese Querverbauung "Vomagwehr" Plauen wieder Kopfzerbrechen bereiten wird.



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