Ausbildung: Viele junge Leute pokern

Im Vogtland fehlen 380 Bewerber. Die, die da sind, entscheiden sich oft erst kurz vor dem Start für eine der freien Stellen.

Plauen.

Der Countdown läuft. Die ersten Berufsausbildungen starten am Mittwoch, die meisten spätestens zum 1. September. "Der Wettbewerb um die besten Auszubildenden ist noch in vollem Gange", sagt Silke Steinkampf, Sprecherin der Agentur für Arbeit in Plauen. "Es ist viel Bewegung drin." Von 1457 im Vogtlandkreis gemeldeten Ausbildungsstellen waren Anfang des Monats 764 unbesetzt. Für mindestens die Hälfte der Plätze wird das auch so bleiben. Rechnerisch fehlen dieses Jahr 380 junge Leute. Das ist der Entwicklung der Bevölkerung in der Region geschuldet.

Die meisten unbesetzten Ausbildungsplätze gibt es für angehende Kaufleute im Einzelhandel, Maschinen- und Anlagenführer sowie Köche. Tugenden wie Belastbarkeit, Höflichkeit, Teamfähigkeit, Lernbereitschaft, Fleiß und Pünktlichkeit seien entscheidend, um zu punkten. "Nur, weil viele Ausbildungsstellen frei sind, bekommt kein Jugendlicher eine Ausbildung geschenkt", betont Steinkampf.

Von 1200 Berufsanfängern geben aber zehn Prozent bei der Arbeitsagentur an, dass sie nicht nur eine Zusage, sondern sogar eine Alternative in der Tasche hätten. Das spürt die IHK-Regionalkammer Plauen. "Viele entscheiden sich erst auf den letzten Metern", sagt Geschäftsführer Danny Szendrei. In Unternehmerkreisen werde zunehmend fehlende Entscheidungsfreude bei der jungen Generation bemängelt. "Da wird taktiert und sondiert - selbst als Azubi." 340 Ausbildungsverträge seien im Bereich der Kammer aber schon in trockenen Tüchern.

Klaus Hartung von der Gewerkschaft IG Bau für Sachsen weiß, dass insbesondere die Bezahlung ein heißes Thema ist. "Bei der Berufswahl überlegen junge Leute: Kann ich mir in der Branche mal mein Leben finanzieren und später eine Familie aufbauen?" Mit der Aussicht auf Mindestlohn sei das schwer vorstellbar. Die Gefahr bestehe, dass die Jugend die Koffer packt, so Hartung: "Bayern ist beim Thema Bezahlung der Maßstab." Das Vogtland gehört beim Pro-Kopf-Einkommen noch immer zu den Schlusslichtern, selbst im Sachsenvergleich, wie eine gerade veröffentlichte Erhebung des Statistischen Landesamt zeigt. Nur im Erzgebirge verdienen Arbeitnehmer demnach schlechter: im Schnitt insgesamt rund 1000 Euro weniger für das Jahr 2016.

"Berufswahl ist nicht einfach", sagt auch Silke Steinkampf. "Man darf nichts übers Knie brechen." Die Berufswünsche im Vogtland seien seit vielen Jahren unverändert: junge Leute zieht es in den Handel oder ins Büro, auch Bewerbungen für eine Lehre als Kfz-Mechatroniker oder Fachlagerist gehen viele raus.

Bewerber sollten aber offen sein für einen Plan B. Das legen ihnen zumindest die Berufsberater ans Herz. Heißt: duale Ausbildung statt Studium, kleine Betriebe statt Weltkonzern oder Berufe, die möglicherweise erst auf den zweiten Blick interessant erscheinen. "Ein Praktikum oder selbst ein Schnuppertag in einer Firma bringt meist viel", sagt Steinkampf. Die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmer im Vogtland sei jedenfalls groß - denn der Hunger nach jungen Fachkräften ist es auch.


Kommentar: Chancennutzen

Der Wind hat sich gedreht. Junge Leute kennen ihr Potenzial und wissen, dass sie inzwischen bei Ausbildungsplätzen die Wahl haben - und nicht an erster Stelle das Unternehmen. Sie sondieren bis zum Schluss, taktieren sogar und wollen für sich das Beste rausholen. So bleiben viele Stellen bis kurz vor dem Ausbildungsbeginn unbesetzt oder kommen kurz vor der Angst noch einmal in die Verlosung, weil doch wieder jemand abgesprungen ist. Die Wirtschaft klagt, die Jugend, sie sei einfach nicht mehr entschlussfreudig. Dass überhaupt zu viele studieren wollen oder erst mal eine Reise tun, hört man auch oft. Selbst in der Schulbehörde in Zwickau wird sinniert, ob der handfeste Oberschulabschluss in den vergangenen Jahren unter Wert verkauft wurde - zu viele hängen noch zwei Jahre dran fürs Abitur. Muss das sein? Ich sage: ja. Vor den jungen Leuten steht ein langer Weg in der Arbeitswelt. Wer mit 16 aus der Schule purzelt, der darf zu Recht erst einmal abwägen, was er wirklich will und kann. Die Chancen für diese Generation stehen gut. Gerade im Vogtland, wo junge, gut ausgebildete Leute fehlen. Es zeichnet sie aus, dass sie ihren Wert kennen und Verhandlungsgeschick an den Tag legen. Das ist kein Manko, das nennt man Selbstbewusstsein. Jetzt sind die Unternehmer gefragt, dem Nachwuchs in ihrer Firma etwas anzubieten. Wer jetzt zu einem guten Ausbildungsabschluss kommt, profitiert auf lange Sicht. Denn wenn ein Azubi frustriert abbricht, weil er aufs falsche Pferd gesetzt hat, verlieren beide Seiten.


Spitzenreiter der freien Ausbildungsplätze (Stand Anfang Juli)

Raum Plauen

Kaufmann/-frau im Einzelhandel (19)

Kraftfahrzeugmechatroniker/in (13)

Raum Auerbach

Altenpfleger/in (22)

Maschinen- und Anlagenführer/in (16)

Raum Reichenbach

Industriemechaniker/in (10)

Zerspanungsmechaniker/in (9)

Raum Klingenthal

Hörakustiker/in (10)

Verkäufer/in (7)

Raum Oelsnitz

Altenpfleger/in (11)

Hörakustiker/in (11)

www.arbeitsagentur.de/plauen

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