Beim Gespräch am Küchentisch geht es mitunter auch lauter zu

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig bekam am Dienstagabend im Malzhaus an seinem alten Küchentisch auch wieder die Hartz-IV-Reform von 2002 vorgehalten und musste dazu Stellung nehmen.

Plauen.

Nicht alle der rund 150 Besucher der Plauener Malzhausgalerie haben die zweistündige Veranstaltung der Reihe "Küchentischtour" des sächsischen SPD-Vorsitzenden und stellvertretenden Ministerpräsidenten Martin Dulig am Dienstagabend durchgehalten. "Das ist Selbstbeweihräucherung", verließ ein Herr mittleren Alters nach 40 Minuten den Saal. Ihm folgte nach etwa 90 Minuten ein Rentner mit den Worten "Mir wird schlecht". "Machen Sie sich doch Luft", forderte ihn eine daneben sitzende Dame auf. "Das hat doch keinen Zweck", entgegnete er und verließ das Malzhaus. Die meisten anderen sind bis zum Schluss geblieben und haben aus ihrem Herzen keine Mördergrube gemacht. Dabei ging es auch mal laut zu.

Ihr Sohn bekomme nur 292 Euro Lehrlingsentgelt, berichtete Marlies Hager. Viele Vogtländer kennen sie als Vorsitzende des Vogtländischen Mietervereins. Weil der Junge seinen Fachunterricht auswärts hat, kommen aber monatliche hohe Kosten auf ihn zu. Denn: "Der Vogtlandkreis zahlt kein Fahrgeld", erinnerte die Plauenerin, und die Internatskosten machen 11,50 Euro pro Nacht. "Pro Nacht werden aber nur acht Euro wieder erstattet", machte sie deutlich.

Ein vernünftiges Lehrlingsentgelt sei nötig, und "die Mindestausbildungsvergütung kommt", antwortete der in 1974 in Plauen geborene Martin Dulig. Man diskutiere zudem über ein Ausbildungsticket, mit dem Lehrlinge Bahn und Bus nutzen können.

"Guck dir die ganzen Gestalten an", hat Klaus Enders noch die Gesichter der Hartz-IV-Reform von 2002 im Kopf gehabt. Damit meinte er unter anderem Wolfgang Clement, den damaligen Bundes-Wirtschafts- und Arbeitsminister und den damaligen SPD-Fraktionschef Franz Müntefering, von denen die Veränderungen zum Nachteil vieler Bürger vorangetrieben worden seien. Er habe eine Alternative zu Hartz-IV vorgeschlagen, von der SPD aber nicht mal eine Antwort dazu erhalten, beschwerte er sich.

"Es gab 27 Bahnhöfe, die unter Denkmalschutz stehen", verwies er auf brach liegende, abgerissene oder geschlossene Empfangsgebäude in der Region. "Der Bahnhof Mitte hat nicht mal ein WC. Am Unteren Bahnhof war alles da, und den hat man zugemacht", rief er unter dem Applaus vieler Zuhörer.

Der Hartz-IV-Kurs der Genossen sei "mutig" gewesen, reagierte der Landesvorsitzende. Deutschland sei damals "der kranke Mann in Europa gewesen", erinnerte an die höhere Arbeitslosenzahl und an die unter der Last der Sozialhilfe leidenden Kommunen. Das sei jetzt anders geworden. "Uns sind dadurch Millionen Wähler verloren gegangen", räumte der Politiker ein. Korrekturen bei Hartz-IV seien jedoch nötig, etwa beim Schonvermögen.

Besucher Wolfgang Lochmann setzte sich nochmals für eine Eisenbahn-Direktverbindung von Plauen nach Leipzig ein. Undine Naumann-Sommerer aus der Ostvorstadt plädierte für ein bundesweit einheitliches Bildungssystem. Elke Ordnung-Posner, die Leiterin der Kindertagesstätte Pusteblume, wollte mehr über das Konzept der SPD in Sachen Personalschlüssel für Kitas wissen. Der Schlüssel sei bereits gesenkt worden", antwortete Plauens Landtagsabgeordnete Juliane Pfeil-Zabel. Es seien auch immer Fachkräfte nötig, um die Kinder gut betreuen zu können, ergänzte sie.

"Alles, was nicht klappt, kriegt die SPD aufs Brot geschmiert", gab die Ministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping, gegen Ende der Veranstaltung ihre Sicht der Dinge wieder. Aber leider werde die Partei von zu wenigen Menschen gewählt und könne daher eben nicht so viel verändern. Pfarrer Andreas Vödisch aus Haselbrunn informierte Dulig über die Jugendarbeit im Stadtteil.

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