Dauerkarte vergessen: Neunjährige erhält Strafzettel

Eine Mutter erhebt Vorwürfe gegen das Straßenbahnpersonal. Ein Kontrolleur habe ihre Tochter so eingeschüchtert, dass sie nicht mehr alleine Bahn fährt. Zuletzt hatten sich Behinderte über den rauen Ton beschwert.

Plauen.

Erneut gibt es Kritik am Umgangston des Straßenbahnpersonals. Auf dem Weg zur Grundschule hatte ein neunjähriges Mädchen die Dauerfahrkarte vergessen und war von einem Kontrolleur angehalten worden. Der Mann gab dem Kind einen Strafbescheid über 60 Euro. Zudem habe er das kleine Mädchen eine Station zu spät aussteigen lassen.

Die Mutter erhebt schwere Vorwürfe: "Meine Tochter ist so eingeschüchtert, dass sie sich nicht mehr alleine in die Straßenbahn traut", sagt Jessica Gäbelein. Sie fordert von den Kontrolleuren Augenmaß und Fingerspitzengefühl im Umgang mit den jüngsten Fahrgästen. Bereits im Herbst war das Unternehmen deswegen in die Kritik geraten. Damals hatten sich mehrere körperlich behinderte Fahrgäste über den Umgang mit ihnen beschwert.

Torsten Kleditzsch

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Schwarzfahren gilt als Dauerärgernis. Im Jahr erwischt die Fahrschein-Streife etwa 1200 Personen, die kein Ticket haben. Darunter sind laut Auskunft der Straßenbahngesellschaft auch zahlreiche Kinder mit vergessener Dauerkarte. Geschätzt zehn Prozent, so ein Mitarbeiter. Statistisch erhoben werde das allerdings nicht.

Hat der Betrieb Strategien, wie er mit diesen Fällen umgeht? Straßenbahn-Geschäftsführerin Barbara Zeuner verweist an ihren Sicherheitschef Jürgen Schmalfuß. Nach seinen Aussagen werden die Kinder als "Fahrgast ohne Fahrausweis" erfasst. Der übliche Ablauf wie bei einem Schwarzfahrer: Personendaten aufnehmen, Ordnungsgeld-Beleg über 60 Euro Strafe aushändigen. Außerdem schreibe man die Eltern an und mache ihnen das Angebot, binnen einer Woche die Dauerkarte vorzulegen. Dann reduziere sich das Ordnungsgeld von 60 Euro auf sieben Euro Bearbeitungsgebühr.

Den Strafzettel begründet Schmalfuß damit, dass man den Kindern etwas in die Hand geben wolle, falls sie auf ihrem Schulweg umsteigen müssen und ein weiteres Mal kontrolliert werden. Die Kontrolleure kauft sich die Straßenbahngesellschaft über einen Sicherheitsdienst ein. Dort sind sie angestellt. Ob sie für den Umgang mit Kindern sensibilisiert werden, dazu gibt es keine Aussagen. "Wir weisen die Kontrolleure ein- bis zweimal im Jahr auf das Fahrscheinsortiment hin", sagt Schmalfuß.

Die Mutter des neunjährigen Mädchens hat inzwischen die Dauerkarte vorgezeigt. In die Schule bringt sie ihre Tochter jetzt morgens mit dem Auto. Sie hofft, dass sich die Kleine bald wieder in die Straßenbahn traut.

Bewertung des Artikels: Ø 4.3 Sterne bei 7 Bewertungen
5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    4
    VaterinSorge
    15.04.2019

    Es ist der generelle Umgang miteinander, der das Leben so schwer macht. Ein Grundschulkind kommt nie auf die Idee, ohne Fahrschein, den ja die Eltern als Jahresticket erworben haben, regelmäßig Bus oder Bahn zu benutzen. Also wird man davon ausgehen können, dass es wirklich vergessen wurde, (warum auch immer) Jetzt bekommt das Kind einen Ordnungsgeldbescheid von 60 Euro mit und die Familie hat eine Woche Zeit, das Jahresticket vorzulegen und zahlt 7,00 € Bearbeitungsgebühr. Alle anstehenden Erziehungsmethoden sind allein Sache der Eltern, denn Eltern haften für ihre Kinder. Der angebliche Kontrolleur hat weder das Recht zu maßregeln, noch das Kind eine weitere Station zwangsweise mitfahren zu lassen. Man kann doch zu 99 % davon ausgehen, dass ein gültiges Ticket bereits gekauft wurde und der Straßenbahngesellschaft kein finanzieller Schaden entstanden ist. Die Situation in Plauen ist aber schon Jahre bekannt, öfter wurden schon Grundschulkinder an Stationen herausgeworfen, wo sie sich anschließend nicht mehr zurecht finden. Hier ist die viel größere Gefahr und man müsste in solchen Fällen den Deppen von Kontrolleuren "Verletzung der Aufsichtspflicht" anhängen, denn den Eltern sind in diesem Moment ihre Aufsichtsmöglichkeiten entzogen worden. Deshalb muss das immer wieder in der Freien Presse thematisiert werden, bist das endlich aufhört, dass sich geistig gestörte als Kontrolleure verkleidete Kasperköpfe an Schulkindern auslassen und diese in besondere Gefahr bringen. Plauen ist nicht unbedingt das sichere Pflaster, wo man ein Kind schon mal eine Haltestelle so laufen lassen kann. Was ist wenn....

  • 7
    2
    frankjac
    12.04.2019

    Anders als bei einem volljährigen Kunden kann von Minderjährigen das sogenannte „erhöhte Beförderungsentgelt“ grundsätzlich nicht verlangt werden, dass ist gesetzlich geregelt! Ich hatte vor etlichen Jahren das selbe Problem weil meine Tochter ihre Monatskarte vergessen hatte. Die Straßenbahn weiß das genau verlangt aber erst mal 60€ obwohl sie rechtlich keine Chance hat. Ein Kind ist eben ein Kind, da kann man erziehen wie man will.

  • 7
    2
    Nixnuzz
    12.04.2019

    Hummpff! Ab wann gelten Kinder eigentlich als "strafmündig"? Frage an die mitlesenden Fachleute: Welche andere Ordnungswidrigkeit oder sogar Straftat wird mit 60€ geahndet? Was den Ton der Behörden gegenüber nicht-renitenten Missetätern an den Tag legen, entspricht eher manchen vergangenem Kasernenhof-Drill..Ich hab sogar sowas schriftlich...

  • 8
    7
    282148
    12.04.2019

    PP6

    Das Kind hatte keinen Fahrschein und ist gerügt worden. Leider nur von den Kontrolleuren und offensichtlich nicht von der Mutter. So aber erzieht man nicht.
    Wenn sich das Mädchen tatsächlich nicht mehr in die Straßenbahn getraut, dann wohl wegen der erlebten Peinlichkeit. Da geht es Kindern wie Erwachsenen. Wenn es in Zukunft darauf achtet, den Fahrschein mitzunehmen, passiert es nicht mehr. Genau darauf sollte die Mutter Einfluß nehmen.
    Nicht nachvollziehbar ist, daß die Freie Presse daraus eine Story macht. Als wenn der Lokalteil nicht anderweitig gefüllt werden kann.

  • 7
    7
    ralf66
    11.04.2019

    Fakt ist, die unterschiedliche Ansicht bestehende Gesetze einzuhalten, darf nun nicht zu einer Aufweichung bestehender Gesetze führen. Egal wer Straßenbahn fährt, egal wie alt er ist, jeder Mensch hat dafür einen gültigen Fahrschein mitzuführen, wenn nicht, drohen Strafen, dass sollte die Mutter ihrem Kind klar machen und nicht den Spieß umdrehen und Vorwürfe erheben, dass Kind sollte doch besser schon frühzeitig ermahnt werden und lernen Regeln einzuhalten. Das Vergessen eines gültigen Fahrscheines, egal von wem und warum, ist eben keine Entschuldigung, oder gar eine Befreiung, von bestehenden vorgeschriebenen Strafmaßnahmen ausgeschlossen zu werden. Man sollte doch besser heute in der Gesellschaft wieder einmal dazu übergehen, rechtlich Vorgeschriebenes ohne Murren zu akzeptieren und einzuhalten und nicht ständig anzuzweifeln, oder gar als zu unrealistisch hart abzutun.



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