Der Blumen-August stirbt in Kauschwitz

Heimatkunde Vor 100Jahren hat Johann Wagler in der städtischen Pflegeanstalt das Zeitliche gesegnet. Vergessen ist der einfache Blumenverkäufer aber auch ein Jahrhundert später nicht.

Plauen.

Zeitgleich mit der Nachricht über die in der Stadt angekommene Novemberrevolution erreichte die Leser der "Neuen Vogtländischen Zeitung" am 12. November 1918 auch die Nachricht vom Tod eines Plauener Originals: Am Sonntag, 10. November, starb Johann Wagler, bekannt unter dem Spitznamen "Blumen-August", in der städtischen Pflegeanstalt in Kauschwitz.

Er hatte dort seit dem Jahr 1913 gelebt. In der Pflegeanstalt war der gebürtige Hirschberger wegen zunehmender Altersschwäche untergebracht. Zu diesem Zeitpunkt war er 77 Jahre alt, und bis zu diesem Zeitpunkt arbeitete er auch in seinem Gewerbe. Ein einfaches Leben hatte der Hirschberger nicht gehabt.

Bis zu seinem 45. Lebensjahr lebte Johann Wagler ein Wanderleben, verdiente sich seine Brötchen unter anderem in Gerbereien und Apotheken. Anschließend machte er 32 Jahre für die Gärtnerei Westphal am Unteren Bahnhof seinen Buckel krumm. Im Adressbuch 1911/12 steht als Privatadresse hinter seinem Namen die Anschrift Am Unteren Bahnhof 1. Das war auch die Adresse der Gärtnerei, für die er tätig war. Als Mieter einer Wohnung in dem Haus findet man ihn aber nicht. Viel Freizeit dürfte er dort aber ohnehin nicht gehabt haben.

"Seine Tätigkeit übte er in den Abend- und Nachstunden aus", schreibt die Tageszeitung im Beitrag mit der Todesnachricht. Schlurfenden Schrittes sei Johann Wagler mit einem Korb voller Blumen und Gartenfrüchte am Arm hausierend durch die Straßen gezogen. Auf den Straßen blieb er freilich nicht: Auch in Restaurants nahm man dem Verkäufer immer wieder etwas ab. Nicht immer ging das gut aus.

In der Nacht zum 9. Februar 1912 zog es Wagler in ein Weinlokal in der Innenstadt. Dort stürzte sich ein großer Hund auf ihn, kaum dass der die Tür geschlossen hatte. "Es ward ihm die linke Gesichtshälfte zerfleischt", berichtete der Vogtländische Anzeiger und Tageblatt damals - stellte später aber klar, dass die Verletzungen weit weniger schlimm waren. Kurz zuvor war der Hausierer von einem Wagen angefahren und verletzt worden. Was bis heute von dem Original geblieben ist, ist seine Aufmachung mit dem aufwändig geschmückten Hut. Zum Verkauf stehende Ansichtskarten und Federn zierten die Kopfbedeckung. Als man dem Original das Tragen dieser Bilder und der Federn verbieten wollte, stellte er sich quer. Frauen würden nicht nur Federn, sondern ganze Vögel auf ihren Hüten tragen, lautete seine Antwort.

In seinen letzten Jahren in Kauschwitz ging es ihm nicht schlecht. Dort soll er gesagt haben, dass es ihm in seinem Leben nie so gut gegangen sei wie dort.

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