Der Handel schlägt Alarm: Mitarbeiter verzweifelt gesucht

Nicht nur in der Industrie und der Gastronomie fehlen Fachkräfte. Wer motiviertes Personal haben will, braucht verrückte Ideen.

In immer mehr Plauener Schaufenstern künden Schilder vom Fachkräftemangel, der längst auch in den Läden +angekommen ist.

Für Sie berichtet: Gunter Niehus

Irgend jemanden findet Marion Sörgel immer. Aber irgend jemanden kann die WMF-Filialleiterin in der Stadt-Galerie halt nicht brauchen. "Wir bieten hier ziemlich hochwertige Produkte an - und die haben natürlich ihren Preis", sagt Sörgel. "Da erwarten die Kunden eine kompetente Beratung." Welche Wandstärke hat jene Pfanne? Mit welchem Messer kann ich am besten Tomaten schneiden? Darauf müssen ihre Mitarbeiter überzeugende Antworten parat haben.

Solche Leute zu finden, dies wird nach Einschätzung der Filialleiterin immer schwerer. "Ich hab jetzt rund ein Jahr suchen müssen, bis ich endlich jemanden hatte, mit dem es passt", sagt Sörgel. Dabei müsse keiner sämtliche Pfannen, Entsafter, Messer und Co. am ersten Arbeitstag mit Vor- und Zunamen ansprechen können. "Aber Leute, die bei uns arbeiten, müssen die Bereitschaft mitbringen, sich in all diese Dinge einzuarbeiten", so Sörgel. "Und daran scheitert es oft."

Knapp zehn Meter von der WMF-Filiale entfernt tut man sich mit der Suche nach pfiffigen Mitarbeitern ebenfalls schwer. "Die langen Arbeitszeiten schrecken viele ab", sagt Sybille Michael, Chefin des Dekogeschäfts Living-Art. "Ausgebildete Verkäuferinnen bekommt man so gut wie gar nicht." Anderen Händlern in der Stadt-Galerie geht es ebenso. Von Aushilfen bis zu Filialleitern reicht der Fachkräftemangel.

Die Probleme sind beileibe nicht auf das Einkaufszentrum beschränkt. Bei der Arbeitsagentur in Plauen gehen mittlerweile von allen Seiten Anfragen von Händlern ein, die händeringend neue Mitarbeiter suchen. "Zum Stand Juli 2018 gibt es im Vogtland 213 freie Stellen in den Handelsberufen", sagt Pressesprecherin Silke Steinkampf. "Im Vergleich zu Juli 2014 sind das mehr als doppelt so viele." Dabei gibt es genug arbeitslose Verkäufer - zumindest auf dem Papier. Steinkampf: "Den freien Stellen stehen 556 Arbeitslose in Handelsberufen gegenüber."

Laut Statistik gibt es also mehr als genug Verkäufer auf dem Arbeitsmarkt. Doch in der Praxis sieht das anders aus. Der Fachkräftemangel ist offenbar vor allem dort spürbar, wo sich Handel und Handwerk überlappen. Bei Blume Kreativ an der Herrenstraße mussten die Öffnungszeiten für über ein Jahr verkürzt werden, weil schlicht keine qualifizierte Floristin gefunden wurde. Bei Blumenwelt Bauer in Möschwitz drohen dieselben Probleme. "Zum Ende des Jahres brauchen auch wir Floristen", sagt Chefin Anke Bauer. Dass dies nicht einfach wird, weiß sie jetzt schon. "Wir suchen schon länger einen Gärtner und finden keinen."

Was tun? Laut Arbeitsagentur-Sprecherin Steinkampf nutzen viele Unternehmen immer häufiger soziale Medien wie Facebook oder Twitter und andere Online-Kanäle. "Eine weitere Möglichkeit sind Bewerbertage", so Steinkampf. Einen solchen hat kürzlich auch die Reichenbacher Bäckerei Forbriger organisiert, die im ganzen Vogtland Filialen betreibt. Mit Erfolg. "150 Langzeitarbeitslose waren eingeladen und von diesen sind 73 gekommen", sagt Chef Jan Forbriger. "Bei sieben konnten wir uns vorstellen, sie als neue Mitarbeiter einzustellen. Fünf Verträge sind schon unterschrieben." Aus seiner Sicht ist das ein großer Erfolg, an den er anknüpfen will.

Neue Wege bei der Jagd nach Mitarbeiter zu beschreiten, damit hat er eh keine Probleme: Forbriger: "Eigentlich sollte ich die Suche nach Azubis auf eine Dachterrasse mit Musik und Cocktails verlegen."

4Kommentare
👍1👎0 Steuerzahler 10.08.2018 Die in der vorangegangenen Diskussion beschriebene Verhaltensweise der Firmeninhaber ist Bestandteil der Umverteilung von unten nach oben und nicht zuletzt in Folge von Lobbyismus politisch mit allen Folgeerscheinungen so gewollt (Billiglohnland Sachsen). Eine Änderung ist erst in Sicht, wenn tatsächlich auf Grund der gezahlten Hungerlöhne keiner mehr zu finden ist, der sich dafür hergibt.
👍3👎0 Zeitungss 09.08.2018 Sehr treffende Beiträge: Lösungsvorschlag für die Betroffenen, lasst sie selber machen. Bei den Produkten ist nicht erkenntlich, dass die UNTERNEHMERSCHAFT gerade den Mindestlohn mit Abstrichen an die Leistungserbringer zahlen wollte, konnte oder wie auch immer. Bei der Preisgestaltung orientiert man sich in solchen Fällen schon einmal am HÖCHSTpreis und gejammert wird in solchen Fällen nicht. Lasst diese Leute ihren Dre.… selbst erledigen, entweder bekommen sie mit um was es geht oder eben nicht. Fördermittel beantragen wäre noch eine Möglichkeit, so abwegig ist das in diesem Land gar nicht. Also @Deluxe, so ein SUV ist da nun wirklich kein Problem, sondern nur die Lohnzahlung, was mir schon seit meiner Schulzeit bekannt ist (die war im Osten) und in der Nachfolgezeit konnte nur die Richtigkeit bestätigt werden. Der Unterricht war demnach schon damals recht realitätsnah. Als Mitglied einer verhassten und von der SPD bekämpften Spartengewerkschaft, sehe ich manche Dinge gelegentlich anders, als es in der Öffentlichkeit gewünscht wird. Wer sich heute ein Angebot für eine Leistung einholt, wird feststellen, dass die Löhne weit über Tarif liegen, bei den Leistungserbringern nur NICHT ankommen. Sichtbar wird das gelegentlich mit dem 2. SUV für die Unternehmergattin, wer Beispiele braucht, könnten geliefert werden aber es soll Leute geben, welche dieses Prinzip bestens aus eigener Erfahrung kennen.
Lohnzahlung und der Osten, ein fast unlösbares Problem in der heutigen Zeit, zumindest für die breite Masse, wie man gelegentlich sagt.
👍12👎1 Deluxe 09.08.2018 @kruengler:
Sie treffen den Nagel auf den Kopf.
Solange der Mindestlohn das einzige ist, was Arbeitgeber zu bieten haben, muß über Fachkräftemangel nicht gejammert werden.

Ich habe es für kurze Zeit selbst erlebt - in einem Spezialgeschäft für Oldtimer-Ersatzteile, wo man Mitarbeiter mit ganz speziellen Kenntnissen braucht, die heute in keiner Ausbildung mehr vermittelt werden. Mindestlohn, 6-Tage-Woche, kein Urlaubsgeld, kein Weihnachtsgeld und selbst auf mehrfache Nachfrage keine Möglichkeit, sich finanziell irgendwie weiterzuentwickeln. Perspektivlosigkeit vom feinsten. Man glaubt gar nicht, wie das auf die Dauer frustriert - weil man mit jeder Lohnabrechnung erneut darauf hingewiesen wird, daß man nur das Mindeste wert ist. Und selbst das nur, weil sie vom Staat dazu gezwungen werden. Es gibt nichts Deprimierenderes...

Dafür stand aber spätestens aller 1,5 Jahre ein nigelnagelneuer SUV für die Geschäftsleitung vor der Tür. Und jedes Mal wurde der größer.
Am Schluß stand dann meine Kündigung und die wurde mir sogar noch persönlich übelgenommen. Was soll man denn dazu sagen?

Es mangelt nicht an willigen Fachkräften.
Es mangelt lediglich an willigen Fachkräften, die zum kleinsten möglichen Lohn die größtmögliche Leistung erbringen wollen und dabei ruhig zusehen, wie sich die Chefs ihre Sessel vergolden lassen. Die Zeiten sind vorbei.

Der eine oder andere gut verdienende Mittelständler sollte sich überlegen, ob der Gewinn, den er sich selbst als Gehalt gönnt, noch im Verhältnis zur Entlohnung seiner Mitarbeiter steht. Es gibt hier im Osten einen sehr gut entwickelten Raubtierkapitalismus im kleinen Unternehmenssegment. Die Unternehmer haben sich seit 1990 daran gewöhnt, daß sie machen können was sie wollen. Nun haben sich die Zeiten aber geändert und es stehen keine Bewerberschlangen mehr vor der Tür, die für jeden noch so miesen Job vor Dankbarkeit auf den Knien rutschen...
Wer jetzt gute Leute einstellen und nachher auch halten will, der muß sich schon etwas mehr ins Zeug legen und den Mitarbeitern auch etwas bieten. Mindestlohn reicht dafür nicht - dafür braucht es mehr, nicht nur Finanzielles, aber vor allem natürlich das.
👍10👎1 kgruenler 09.08.2018 Und? Wo wird die andere Seite beleuchtet? Sprich die fehlenden Aushilfen?
Aus eigener Erfahrung im unmittelbaren Verwandtenbereich kenn ich das nämlich genau anders herum. Frau mit jahrelanger Berufserfahrung bewirbt sich, hat Vorstellungsgespräch bei Fa. Forbrigger und hört nie wieder was. Keine Zusage, keine Absage, einfach nichts. Im Gespräch wurde deutlich, dass man nur bereit ist, den Mindestlohn zu zahlen und den noch mit Tricks unterlaufen wollte.
Da sitzt das Problem wohl eher in der Personalabteilung.
Und bei anderen Firmen ist das so ähnlich! Wer sich wundert, warum er niemand findet, sollte sich erstmal an die eigene Nase fassen und überlegen, warum, keiner zum Spaß arbeiten geht und noch Geld mitbringt.
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