Der Perser, der aus Oelsnitz kam

In der Voigtsberger Museumsreihe ist ein Buch über Orientstickteppiche erschienen. Die Geschichte dieser Technik war bislang ein unbeackertes Feld.

Oelsnitz.

Teppiche aus Oelsnitz, da fallen im gleichen Atemzug Namen wie Halbmond oder Koch & te Kock. Oder es erscheinen Bilder von Teppichen, die so mancher besitzt. Und doch gibt es Bereiche der vogtländischen Teppichindustrie, die bis heute echter Pionierarbeit bedürfen. Eine solche hat die Altorientalistin Reingard Naumann von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster geleistet. Sie ist Autorin des neuen Buches "Orientstickteppiche - Perser aus Deutschland", das in Oelsnitz als Band 9 der Voigtsberger Museumsreihe erschienen ist.

Der Titel im A4-Format, 106 Seiten dick, begleitet die Jahres-Sonderausstellung im Teppichmuseum der Museen Schloss Voigtsberg. Im Mittelpunkt steht die industriemäßige Herstellung von Stickteppichen in Oelsnitz. Die geschah ab 1927 bei der Teppich-Fabrik Zentrale (Tefzet), nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1972 bei ihren Nachfolgern, vor allem der Halbmond. Es geht um eine Technik der Teppichherstellung, die heute kaum noch bekannt ist - bei Tefzet mit mechanisch betriebenen Stickköpfen, die die Fäden in bereits gewebte Grundstoffe einarbeiteten. Es war ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, was Muster, Farben und Kombinationen betrifft - oft mit Bezug auf die damit kopierten Vorbilder aus dem Orient, aber ebenso mit der Handschrift der jeweiligen Musterzeichner versehen. Das Herstellungsverfahren wurde nicht nur in Oelsnitz praktiziert - nach dem Zweiten Weltkrieg wurden solche Teppiche auch für ein Vierteljahrhundert in Hameln gefertigt, zudem für einige Zeit im westfälischen Herford. Die große Zeit der Stickteppiche war 1972 vorbei - sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik. Ganz verschwunden ist die Produktionstechnik im deutschsprachigen Raum aber nicht: Eine kleine Manufaktur in Groß-Siegharts im österreichischen Waldviertel hält vor allem mit Auftragsarbeiten die Herstellung von Stickteppichen am Leben.

Bemerkenswert ist die Veröffentlichung von Reingard Neumann aus mehrfacher Hinsicht: Zum einen lenkt sie den Blick auf die Tefzet als wichtigen Teppichhersteller, der in der Regionalgeschichte oft weniger betrachtet worden ist. Zum anderen ist ihr eine Geschichte der Stickteppichherstellung trotz schlechter Quellenlage gelungen - die in Restbeständen im Staatsarchiv Chemnitz erhaltenen Archive von Koch & te Kock, Tefzet und Halbmond waren dabei noch der günstigste Fall im Vergleich zu den bundesdeutschen Herstellern, bei denen oft persönliche Erinnerungen die nicht überlieferten Unterlagen ersetzen mussten. Zum dritten gefällt das Sachbuch durch seine sehr gute Ausstattung. Eine Reihe von Teppichen ist mit ganzseitigen Abbildungen vertreten. Die Bodentextilien stammen vor allem aus der Privatsammlung des Potsdamers Werner Middendorf und dem Bestand der Museen Schloss Voigtsberg.

Das Buch "Orientstickteppiche - Perser aus Deutschland" ist zum Preis von 10 Euro erhältlich - unter anderem nach Kontaktaufnahme unter Ruf 037421 729484 oder 20785.


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