Der Schatten auf dem Gebetshaus

Die Moschee in Plauen steht im Zentrum verdeckter Ermittlungen. Muslime sorgen sich um ihren Ruf in der Stadt. Einige sagen, sie meiden das Gebetshaus seit Jahren.

Plauen.

Seit ein junger Syrer in Plauen verhaftet wurde, weil er im Verdacht steht, Mitglieder für die Terrorverbindung "Islamischer Staat" (IS) anzuwerben, liegt ein Schatten auf dem Gebetshaus der Muslime in der Stadt. Seit zehn Jahren ist das unscheinbare Gebäude an der Dobenaustraße ein Anlaufpunkt für Gläubige. Auch für Ismail A., der über sein Handy in sozialen Gruppen Videos mit Hinrichtungsszenen verbreitet haben soll. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft. Der sächsische Verfassungsschutz ordnet der Moschee und dem dahinterstehenden Verein Vogtländisch-islamisches Zentrum Al-Muhadjirin eine salafistische Struktur zu. Seit Sommer 2017 sei die Entwicklung für die Ermittler auffällig. In Predigten und im Internet veröffentlichten Lehrvideos soll der Westen als Feindbild gezeichnet werden.

Inzwischen hat sich der Verein in einem offenen Schreiben von den Handlungen des verhafteten Syrers und sämtlichen Ideologien distanziert, die nicht im Einklang mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung in Deutschland stehen. Der Beschuldigte habe seit Bekanntwerden der Ermittlungsergebnisse Hausverbot in der Moschee. Es soll dort Konsequenzen geben, sagt ein führendes Mitglied des Vorstands im Gespräch mit der "Freien Presse". Ob diese den Imam, also den Vorbeter, betreffen, ist unklar. Auch dieser hatte sich direkt nach dem Vorfall öffentlich von einer Verbindung des Islams zum Terror distanziert. Bislang ist es aber nicht zu einer Zusammenkunft des für die Moschee verantwortlichen Gremiums gekommen - urlaubsbedingt, lautet die Begründung. Über getroffene Entscheidungen soll die Öffentlichkeit informiert werden. Bis dahin will der Vorstand das Thema nicht weiter kommentieren. Die Person bittet, namentlich nicht in der Zeitung zu stehen. Der Mann arbeitet am Plauener Helios-Klinikum. Dort ist die Sorge groß. Es geht um den Ruf des Hauses. Kollegen unterschiedlicher Herkunft, Glaubensrichtung und kultureller Prägung arbeiten in dem Krankenhaus. "Wir dulden keine Ideologien, die auf Ausgrenzung und die Einschränkung von Freiheitsrechten anderer Mitmenschen zielen", lautet auf Nachfrage die schriftliche Stellungnahme von Helios. "Uns liegen vonseiten der Behörden keine Hinweise vor, dass sich ein Mitarbeiter unseres Klinikums entsprechend schuldig gemacht hat." Der Fall wurde an die übergeordnete Regionalstelle nach Leipzig abgegeben. Das Unternehmen wolle seinen Mitarbeiter schützen, heißt es.

Christoph Ulrich

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Etwa 250 Muslime kommen jede Woche zum Freitagsgebet. Viele lassen sich einen Bart stehen - ein Zeichen des Glaubens. Andere bleiben seit einigen Jahren fern. Auch ein 24-Jähriger aus Syrien, der sich nach den jüngsten Entwicklungen um den Ruf seiner Landsleute in der Stadt sorgt. Sein Name ist der Redaktion bekannt, doch auch er will anonym bleiben. Dreimal habe er die Moschee besucht. Dreimal habe er festgestellt, dass er dort sein Verständnis von seiner Religion nicht wiederfindet. Er hält nichts von einer Unterordnung der Frau, Vorbehalten gegen den Westen oder gar vom Dschihad, von Gewalt gegen Ungläubige, zu dem sich laut Verfassungsschutz vereinzelt Muslime in Plauen bekennen sollen. "Das steht so nicht im Koran", betont er. In einer größeren Stadt würde er in eine andere Moschee gehen, in der es liberaler zugeht. Aber in Plauen gibt es keine Alternative. Nur die Möglichkeit des Abstands. "Wenn ich hier gut leben will, muss ich auch die Menschen und ihre Art, zu leben, respektieren", sagt er. Mögliche Verbindungen zum IS versetzen ihn in Angst. "Wegen solcher Leute bin ich aus meiner Heimat geflohen", sagt er. Er kann von Terroristen berichten, die im Dorf seiner Tante Kinder quälten, von Menschen, die so einfach töten, wie sie Wasser trinken. "Es gibt kein Leben dort." Hier in Deutschland für ihn schon. Er hofft, dass er bleiben darf, plant zu heiraten, hat eine Lehre begonnen. Er will nicht länger warten, ob sein Universitätszeugnis noch anerkannt wird. Er will eine Zukunft.

In Sachsen leben nach Angabe des Landeskriminalamts etwa ein Dutzend als Gefährder eingestufte Personen. Territoriale Zuordnungen werden nicht kommuniziert, um polizeiliche Maßnahmen nicht zu gefährden, sagt Kathlen Zink, die stellvertretende Pressesprecherin. Auch im Fall von Ismail A. halten sich die Beamten bedeckt. Die Ermittlungen dauern an, heißt es auf Nachfrage von der Pressestelle der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Der Mann sitzt weiter in Untersuchungshaft. Wann und ob es zu einer Verhandlung gegen ihn kommt, hänge davon ab, welche und wie viele Beweise gegen ihn erhoben werden können, sagt Oberstaatsanwältin Frauke Köhler. Ob im Umfeld in Plauen weitere Ermittlungen laufen, dazu gibt sie keine Auskunft. Veröffentlichungen könnten Einfluss auf den Verlauf nehmen.

Der aktuelle Verfassungsschutzbericht geht von insgesamt 390 Islamisten in Sachsen aus, 200 Personen werden dem salafistischen Milieu zugeordnet. Wie viele im Vogtland lebende Personen dieser Gruppe zugeordnet werden, gibt der Verfassungsschutz auf Nachfrage nicht heraus. Das berühre nachrichtendienstliche Mittel, erklärt Pressesprecherin Pamela Streiter. Klar ist, dass die Moschee in Plauen und der dahinterstehende Verein weiter im Fokus der Beobachtungen bleibt. "Der Verein weist sehr, sehr starke Tendenzen von salafistischen Bestrebungen auf", betont Streiter. "Die strahlen natürlich in die Moschee stark rein. Aber nicht jeder Moscheebesucher ist ein Salafist."

Dennoch meidet ein weiterer Gesprächspartner die Moschee ebenfalls. Auch er will nur mit Vertretern der Zeitung reden, wenn er völlig anonym bleiben kann. Der Mann stammt nicht aus Syrien. Befürchtet aber, dass Verbindungen bis in die Heimatländer des Terrors laufen - auch in sein Land, und ihn dort einholen könnten. Den Syrer, der verhaftet wurde, kannte er vom Sehen. "Er zeigte öffentlich, welchen Geist er vertritt", sagt er. "Der IS nutzt die Freiheiten in Deutschland und Anlaufpunkte wie eine Moschee gezielt aus, um Anhänger zu werben." In seinem Heimatland würden Menschen angesprochen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, die von allem wenig hätten, von Bildung, Geld und Glück. Hierzulande gehe es nicht vordergründig um Gewalt, aber um Macht und die Ausbreitung ihrer Lehren. Er kennt Leute in der Stadt, die den Dschihad für sich in der Form auslegen, dass sie stehlen, dass sie sich nicht integrieren wollen in diesem Land, das ihnen so fremd erscheint. Sie besuchen die Moschee. Er bleibt ihr fern. Zwei weitere Gläubige sagen im Gespräch mit der "Freien Presse", sie hätten nichts von vermeintlichen Hass-Predigten bemerkt, gehen gern und regelmäßig zum Beten dorthin.

Extremismus ist in Deutschland nicht strafbar. Der Verfassungsschutz verweist auf eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, diesen einzudämmen. Eine Möglichkeit für Plauen seien muslimische Vereine, die ein alternatives Angebot schaffen, heißt es aus Dresden. (fp)

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 4 Bewertungen
3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    2
    kgruenler
    04.08.2018

    Mal ehrlich, es ist vollkommen egal, welche Religion zum Krieg aufruft. Wenn man die ganzen Kreuzzüge der christlichen Kirche und Inquisitionen und Gewalt gegen Andersgläubige betrachtet, nimmt es sich gar nichts, im Vergleich zum Islam. Jegliche Art von Religionskrieg und Gewalt im Namen jedweder Religion muss aufs schärfste Verurteilt werden, auch gegen christliche und was weiß ich noch alles für Fundamentalisten.
    Wenn hier jemand behauptet, die Christen wären frei von Schuld, der möge sich wirklich mal genauer mit den Kriegen und deren Ursachen der letzten 2000 Jahre genauer beschäftigen!
    Und das keine Diskussionen aufkommen, ich bin Agnostiker und mir ist es völlig Wurst, wer welche Religion für sich zu Hause ausübt, das ist jeden seine Privatsache. Genauso finde ich, das Staat und Religion strikt getrennt gehören, nicht so, wie es derzeit hier in Schland praktiziert wird, wo der Staat Dienstleister für christliche Kirchen und Parteien ist. Sowas gehört konsequent abgeschafft!

  • 2
    2
    Jemand
    04.08.2018

    Der offensichtlich liberale 24-Jährige Syrier sagt bezüglich Gewalt gegen Ungläubige: "Das steht so nicht im Koran". Hier fängt das Problem an, denn das stimmt einfach nicht. Es gibt mehr als eine Sure, die zu Gewalt gegen Ungläubige aufruft und Mohammed hat das ja auch praktiziert. Es ist unredlich, den Koran retten zu wollen, indem man sagt, man müsse diese Suren im Kontext der Zeit sehen, dürfe sie nicht aus dem Zusammenhang reißen oder was weiß ich, was es da noch so für Verharmlosungsversuche seitens liberale Muslime gibt. Liberale Muslime wie dieser junge Mann werden dadurch immer gewollt oder ungewollt die Steigbügelhalter des problematischen Islams bleiben, denn sie sorgen damit dafür, dass der Koran - also das Fundament der Fundamentalisten - in der ganzen Gesellschaft geachtet und ihm weiterhin hofiert wird.
    Redlich wäre, sich nicht nur von den Fundamentalsiten zu distanzieren, sondern auch vom gemeinsamen Fundament, also dem Koran. Mir ist schon klar, dass das schwer ist für liberale Muslime, denn dadurch käme praktisch der eigene Glaube ins Schwanken und verlöre sein Fundament.

  • 9
    4
    voigtsberger
    03.08.2018

    Wenn sich da im Vorfeld, Einer kritische Frage gestellt hätte, wären aber die so Toleranten auf "die Barrikaden" gegangen und hätten alles bagatellisiert.
    Was haben da die Integrationshelfer alles gewusst und wer schaut da so alles weg und wird so je eine Integration gelingen, denn an Einzelfälle kann man nicht mehr glauben und was wäre da noch alles "abgegangen", wenn nicht die Ermittler in Wiesbaden die Ermittlungen an die sächsische Justiz weitergegeben hätte!
    Auch die Lippenbekenntnisse des Moscheevorstandes kann man nicht so richtig glauben, weil der Beschuldigte erst nach Bekanntgabe der Ermittlungen ein Hausverbot erhielt und wer ist da noch alles involviert und das nicht nur in Plauen!



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