"Der Sicherheitswunsch ist gewachsen "

Heimatverbundenheit und das Bedürfnis nach einem sicheren Job zeichnet die junge Generation aus - Geld ist weniger entscheidend

Marc Stoll, Abi-Jahrgang 1997, arbeitet an der TU Chemnitz an der Schnittstelle zwischen Campus und Unternehmen. Er soll den Job-Einstieg in der Region erleichtern. Mit ihm sprach Nicole Jähn.

"Freie Presse": Laut einer Umfrage beim Abi-Jahrgang 2018 kann sich jeder Zweite eine berufliche Zukunft im Vogtland vorstellen. Nur 20 Prozent schließen das für sich völlig aus. Lässt das die Wirtschaft jubeln?

Marc Stoll: Das ist zunächst ein gutes Signal für die Region, die Frage ist aber: Werden die Abiturienten auch Berufe anstreben, die künftig tatsächlich hier benötigt werden?

Zumindest geben viele an, in der Region bleiben zu wollen. Ist das nicht ein gutes Signal?

Ja, auch in unseren Gesprächen haben wir von zehn Leuten immer sechs bis sieben, die in der Region bleiben wollen. Das ist nicht unüblich. Das Problem ist, sie finden hier nichts, was ihrer Qualifikation beziehungsweise Ausbildung entspricht. Selbst im Großraum Chemnitz ist das ein Problem. Entweder scheitert es an der nicht passenden Aufgabe oder an der Bezahlung.

Die Bezahlung soll laut Umfrage aber weniger wichtig sein als ein gutes Arbeitsklima.

Das merken auch wir. Geld ist für viele nicht die ausschlaggebende Frage beim Berufseinstieg. Zumindest, wenn eine Summe erreicht ist, mit der sich gut leben lässt. Arbeiten, um zu leben, statt leben, um zu arbeiten - das ist das Credo der jungen Generation. Wir hören immer öfter den Wunsch nach reduzierter Arbeitszeit und 30-Stunden-Woche.

Schon Berufseinsteiger wollen nicht voll arbeiten?

Ja, das ist durchaus ein Thema der sogenannten Generation Z: Sie schaut weniger aufs Geld, sondern darauf, was sie unter einen Hut bringt - Familie, Freizeit, Ehrenamt. In dem Alter spielt der Blick auf die Eltern eine Rolle: Will ich mich so wie sie abrackern? Statussymbole und der Blick auf die Nachbarn sind ihnen nicht wichtig, das macht unabhängiger in finanziellen Fragen. Nur sehr wenige wollen der reichste Mann auf dem Friedhof sein.

Trotzdem verlassen viele die Region, weil das Geld nicht stimmt.

Nicht leichtfertig. Hier sind Freunde, Familie, wenn noch die Aufgabe stimmt, verzichten immer mehr auf den Betrag X, den sie im Jahr anderswo mehr verdienen könnten.

Sicherheit im Job scheint indes entscheidend für sie zu sein.

Das stimmt, der Sicherheitswunsch ist gewachsen, das merken auch wir in den Einzelgesprächen. Mittelständische Unternehmer irritiert das zuweilen, da der Gedanke für sie selbst nie ein Thema war. Aber immer mehr reagieren auf das Bedürfnis und bieten unbefristete Verträge an. Das nützt ihnen ja auch bei der Bindung von Mitarbeitern.

Überrascht es Sie, dass der Lehrerberuf hoch im Kurs steht?

Nein, denn der vereint alles: Sicherheit, gutes Auskommen, regionaler Einsatz. Beachtenswert ist eher, dass sich 75 Prozent der Befragten schon so konkrete Gedanken zu ihrer Zukunft gemacht haben.

Zeichnet das die Generation aus?

Wir wundern uns schon manchmal, wie groß der Wunsch nach Struktur und zielgerichteter Führung bei den Studierenden geworden ist. Frühere Generationen haben sich mehr selbstorganisiert, auch mal einen Umweg genommen oder die Fachrichtung gewechselt. Man muss aber auch sagen, dass das verschulte System an den Unis heute einfach wenig Platz für Findungsphasen lässt. Die Jungen sind gezwungen, sich früher Gedanken zu machen.

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