Der Streiter aus Leidenschaft

Demokratie braucht Streit und Widerspruch, den Kampf der Argumente. Das wird jetzt gerade überall wiederentdeckt. Was passiert, wenn es in Plauen einer darauf ankommen lässt.

Plauen.

Dem umtriebigen Christian Pöllmann kann man eines nicht absprechen: Wenn er für eine Sache brennt, dann entwickelt der frühere Marketingchef des Vogtlandtheaters Plauen Ideen, sprüht vor Kreativität und macht bis dahin unmöglich Geglaubtes möglich. Dann wird der 64-Jährige zu einem leidenschaft- lichen Streiter für seine Sache. Und manchmal tut das der Sache dann gar nicht gut. So ist es jetzt wieder passiert.

"Ich habe mich nicht zu entschuldigen, allenfalls dafür, dass ich sehr wütend war", sagt Pöllmann, der als Mitinitiator und Vorsitzender des Komturhofvereins nach zehn Jahren in dem Ehrenamt seinen Rücktritt erklärt hat. Etwas "geraderücken" will er nun aber doch. Darum geht es:

Ein Antrag auf Zuschüsse zu Veranstaltungen im Komturhof ist zum wiederholten Mal in Gremien der Stadt abgelehnt worden, "während sonst alle Vereine etwas bekommen", wie Pöllmann sagt. Die schriftliche Absage aus dem Rathaus habe nichts als die "übliche Marmelade" enthalten, wie sehr man die im Ehrenamt geleistete Arbeit doch schätze: "Der Komturhof konnte mittlerweile, auch durch die Unterstützung der Stadt Plauen, zu einem überregional geschätzten Kulturangebot entwickelt werden", schrieb Bürgermeister Steffen Zenner (CDU) sich selbst ein Lob. In der darauffolgenden Sitzung des Kulturausschusses, die in dem denkmalgeschützten Gebäude stattfand, brannten Pöllmann dann die sprichwörtlichen Sicherungen durch - vielleicht auch, weil der Bürgermeister ihm zuvor den vermutlich freundschaftlich gemeinten Rat gegeben habe, "demütig" zu sein. Immerhin entscheidet der Kulturausschuss in letzter Instanz über städtische Zuschüsse an Vereine für kulturelle Projekte. Pöllmann: "Es wäre diplomatischer gewesen, hätte ich gebettelt und gebeten. Aber Demut kann ich nicht. Ich muss gerade laufen."

Pöllmann ließ sich also zu der Aussage hinreißen, der Verein werde die Türen des Komturhofes "wohl auch für Parteien, etwa für die AfD" öffnen müssen, wenn weitere Unterstützung der Stadt ausbleibe: "Wir werden schon lange vertröstet, irgendwann müssen wir Konsequenzen ziehen", machte Pöllmann auf die gebotene Wirtschaftlichkeit des Vereins aufmerksam. Bürgermeister Zenner quittierte die Kritik mit dem Satz "Das muss geäußert werden dürfen". Was als Argument gemeint war, stieß aber einigen wohl doch als Erpressungsversuch auf, ahnt Pöllmann, dass er in seiner Leidenschaft überzogen hat.

Keine drei Tage später folgte eine schriftliche Erklärung des Komturhofvereins: Pöllmann habe gegenüber Vorstandsmitgliedern seinen Rücktritt vom Amt des Vereinsvorsitzenden erklärt. Er ziehe damit die Konsequenz aus den Aussagen im Kulturausschuss, hieß es in der Erklärung. Seine Aussage sei nicht mit anderen Vorstandsmitgliedern abgestimmt gewesen. Er habe einen Fehler begangen, der "unentschuldbar" sei. Laut Satzung dürfe der Verein den Komturhof nicht "für parteipolitische Veranstaltungen jeder Art" zur Verfügung stellen.

Pöllmann bestätigt den Inhalt der Erklärung - mit Ausnahme eines Punktes: Er kennt die Vereinssatzung und die Nutzungsvereinbarung mit der Stadt. Letztere hat er mit Zuständigen der Stadtverwaltung vor nicht allzu langer Zeit über Monate hinweg mit ausgehandelt. Wenige Tage nach seinem Rücktritt, weiß er, richtete der Plauener CDU-Stadtverband sein Sommerfest im Komturhof aus. Und das darf sie, betont Pöllmann.

Was also will er "geraderücken"? Pöllmann behagt nicht, dass man ihm durch seine Äußerung Nähe zur AfD unterstellen könnte: "Mein Verhältnis zur AfD ist null", sagt er. Deren Umfragewerte halte er angesichts der Parallelen zur Weimarer Republik für gefährlich und brisant. Dass er 1990 die DSU-Ortsgruppe in Plauen mitgründete, die vorübergehend zur CSU wurde, sage vielleicht etwas über sein konservatives Weltbild aus. Mehr aber auch nicht. "Ich halte die AfD angesichts der sich zuspitzenden gesellschaftlichen Lage für gefährlich", sagt der Theaterwissenschaftler.

Eine weitere Erkenntnis nach dem Rücktritt: "Es ist mir bewusst geworden, dass die Ehre fürs Ehrenamt in Plauen überschaubar ist." Verbittert sei er deshalb nicht. Er kennt sich: "Ich werde mich umschauen und mir sicher bald für etwas anderes den A... aufreißen. Das ist in mir drin." Er wird wieder für Dinge streiten, die mehr als Mittelmaß sind. So kennt man ihn seit den Jahren, als er PR-Direktor am damals noch eigenständigen Vogtlandtheater war. Da war er an der Vermarktung von Inszenierungen beteiligt, von denen man in der Stadt noch heute spricht: Für "Titanic" ließ er das Publikum durch Kellerräume auf den Hof evakuieren und den unter Wasser setzen. Das Musical "Jesus Christ Superstar" konnte er in die Johanniskirche verlegen. Und dass die Open-Airs zum Saisonabschluss im Parktheater noch immer als Sommerspektakel gelten, ist ebenfalls das Verdienst Pöllmanns. Für "Aida" brachte er einen Elefanten an die Bühne und bei "Turandot" verglühten hunderte Papierlaternen als kleine Heißluftballons über dem Stadtpark. Nach 35Jahren verließ der emsige Öffentlichkeitsarbeiter zum Spielzeitende 2008/09 das Haus. Es hatte sich dort nicht mehr gut streiten lassen.

Nach dem Abschied aus dem Theater gründete Pöllmann mit Partnern eine eigene Firma, die Ausstellungen, Kulturprojekte und Events wie den Liberty Convoy 2010 anlässlich des Kriegsendes vor 65Jahren auf die Beine stellte. Er mischte in der Reichenbacher Bürgerinitiative Bitex mit, im Plauener Forum Zukunft Elsteraue und fand neue Leidenschaft schließlich in der Entwicklung des Komturhofs. Mehr als eine Million Euro wurden in das erstmals 1214 urkundlich erwähnte Gebäude aus Mitteln von Bund, Land und Stadt investiert, um aus der einstigen Ruine ein kulturelles Kleinod zu entwickeln.

Unzufrieden ist der 64-jährige trotz seines Rücktritts also nicht: "Wir haben mit einer kleinen Mannschaft ganz Großartiges erreicht." Die Dinge sind auf dem richtigen Gleis. Wenn er das Hindernis auf dem weiteren Weg war - auch gut. Der gebürtige Treuener ist im Reinen mit sich: "Wir haben gestritten bis aufs Messer, aber das Theater in eine neue Zeit geführt", sagt er über seinen Weg mit Theaterintendant Dieter Roth. Der bestätigt das: "Christian ist ein leidenschaftlicher Redner, der in seiner Spontanität manchmal übers Ziel hinausschießt. Aber er ist auch einer der ehrlichsten Menschen, die ich kenne", so der 77-Jährige.

Im Diskussionsforum Zukunft Elsteraue eckte Pöllmann vor Jahren mit dem Satz an, dass man die Stadt "vor sich hertreiben" werde. Inzwischen ist zwischen Weisbachschem Haus und Amtsberg vieles spruchreif geworden. Manchmal braucht es eben Streit statt satter Selbstgefälligkeit. Streit erzeugt Druck, und Druck sorgt für Bewegung. Pöllmann über Pöllmann: "Ich brauche das Brennen für eine Sache, die Leidenschaft." Seit wann braucht Plauen nicht mehr Leute wie ihn?

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