"Die Bomben werden unberechenbarer"

Am Schlosshang gefundener Blindgänger nach 23 Stunden erfolgreich gesprengt - Kampfmittelexperten leiten in Zwoschwitzer Waldstück die Detonation ein - Polizei warnt vor tickenden Zeitbomben im Boden

Plauen.

Sprengmeister Robert Ludewig hatte in der Nacht zum Freitag gefährliche Ladung auf seinem Dienst-Transporter liegen. Er hat die scharfe Weltkriegsbombe aus der Innenstadt weggefahren. Der Blindgänger konnte nicht entschärft werden, weil sich der Zünder nicht entfernen ließ. Er war verrostet und verbogen. Roberto Ludewig und sein Team des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Sachsen entschieden sich für Plan B: Sie brachten die Bombe nach Zwoschwitz an einen sicheren Ort, um sie kontrolliert zu sprengen.

Jürgen Scherf, Pressesprecher des Polizeiverwaltungsamtes, erklärt die Checkliste, die seine Kollegen in solchen Fällen abarbeiten. "Zwei Sachen müssen sie abschätzen: Welche Auswirkungen hat es, wenn ich am Fundort sprenge? Und ist sie in einem Zustand, in dem ich sie an einen gefahrloseren Ort transportieren kann?" Die Entscheidung treffen Sprengmeister, die eine Karriere als Kampfmittelräumer und Hilfstruppführer hinter sich haben und rechte Hand eines Sprengmeisters waren, so Scherf.


Im Wald, der Zwoschwitz umgibt, existiert ein alter Truppenübungsplatz. Dorthin brachte Ludewig seine Ladung in der Nacht. Polizisten bewachten sie, als die Arbeiten wegen Dunkelheit und Lärmbelästigung unterbrochen werden mussten. Sprengmeister Ludewig war nach der langen Nacht selbst nicht erreichbar. Doch für ihn dürfte Plauen ein Einsatzort sein, den er nicht vergisst. Vergangenen Sommer hatte der 37-Jährige im Reusaer Wald seine erste Bombe entschärft. Nach seiner Nachtschicht lösten ihn Kollegen aus Dresden ab und führten die Arbeit in Plauen weiter.

23 Stunden hat es nach dem Fund gedauert, bis die Bombe gesprengt werden konnte. Freitagmittag um 12.52 Uhr meldete die Pressestelle des Rathauses Vollzug. Die Kampfmittelexperten gruben ein Loch in den Waldboden, legten den 50-Kilo-Blindgänger hinein und deckten ihn mit einem Wassertank ab. Dieser Wassertank ist eine XXL-Tüte und hat Platz für 23.000 Liter. Mit diesen Tüten wird eigentlich Fruchtsaft auf Lastern transportiert, dafür sind sie entwickelt worden, sagt Scherf. Als die Bombe explodierte, war über dem Wald eine rund 35 Meter hohe Wasserfontäne zu sehen.

Zuvor hatte ein Polizeihubschrauber das Sperrgebiet überflogen und es mit einer Wärmebildkamera nach Spaziergängern abgesucht. Für Plauen war es ein logistischer Kraftakt, die Fliegerbombe unschädlich zu machen. Mehr als 340 Einsatzkräfte waren gebunden, darunter Angehörige der Feuerwehren, Rettungsdienste und Angestellte der Stadtverwaltung. Fast fünf Stunden dauerte es, um am Donnerstag die Innenstadt zu evakuieren. Rund 4000 Menschen waren betroffen. Die meisten zeigten Verständnis, sagt Stadtsprecherin Silvia Weck. Da in Plauen in den vergangenen Jahrzehnten Dutzende Blindgänger gefunden wurden, sei den Menschen der Ablauf bekannt. In Ausnahmefällen, wenn die Betroffenen sich weigerten, greife die Polizei ein.

Es sei ihr ein Herzensbedürfnis, sagt die Stadtsprecherin, den von Evakuierung und Einschränkungen betroffenen Plauenern für ihre Geduld und den Einsatzkräften für ihre professionelle, ruhige Arbeit über einen mehrstündigen Zeitraum zu danken. Nur wenige Plauener stellten sich quer.

Zu den Evakuierten gehörte Heimatverleger Jean-Curt Röder. "Man sollte den Einsatzkräften Dank sagen, die sich selbstlos engagiert haben", sagt Röder und kündigt interessante Informationen zum Fundort der Bombe an. Er recherchiere bereits in seinem Fundus.

Jürgen Scherf vom Polizeiverwaltungsamt warnt vor sorglosem Umgang mit Weltkriegsbomben. 74 Jahre nach Kriegsende befänden sich im Boden tickende Zeitbomben: "Die werden immer unberechenbarer." Grund seien Korrosion und chemische Veränderungen an den Bomben und am Sprengstoff selbst.


Wer für die Kosten der Bombeneinsätze aufkommt

Kommunen müssen ran: Im Falle einer Kampfmittelsichtung - so wie am Donnerstag am Fuß des Schlosshangs in Plauen - muss die Stadt für die Kosten aufkommen, die zum Beispiel durch die Absperrung, Evakuierung und Hilfsmittel oder auch für notwendige Krankentransporte entstehen.

Woher stammt das Geld? "Die Mittel dafür werden aus dem laufenden Haushalt der Stadt Plauen bestritten", sagt Fachgebietsleiter Martin Gabriel aus dem Rathaus. Sondierungskosten nach Altmunition wie zuletzt im Reusaer Wald trägt der Freistaat. Wird eine Bombe gefunden, kommt fürs Entschärfen sowie das Beräumen ebenfalls das Land auf.

Häuslebauer aufgepasst: Auch auf privatem Grund sind Munitionsfunde möglich. Dort springt ebenfalls das Land ein. Wenn Häuslebauer indes Firmen mit der Bombensuche beauftragen, müssen sie selbst dafür zahlen. Wer bauen will, sollte besonders im an Blindgängern reichen Plauen Auskunft über sein Grundstück einholen. Verpflichtet ist man dazu nicht.

Meldepflicht: Nach Aussagen der Polizei stellt der Kampfmittelbeseitigungsdienst fest, dass Munitionsfunde oft erst nach langem Zögern zur Anzeige gebracht werden. "Mit diesem Verhalten verstößt der Grundstückseigentümer laut Paragraf 3 der sächsischen Kampfmittelverordnung gegen die Anzeigepflicht", heißt es seitens der Ordnungshüter. Was aber noch wichtiger ist: Wer einen Bomben- oder Munitionsfund nicht meldet, bringt sich und andere damit in Gefahr. (sasch)

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