Die rechte Ecke: Neonazis in Haselbrunn

Der "Dritte Weg" gilt laut Verfassungsschutz als rechtsextremistische Kleinstpartei. In Plauen betreibt sie offensiv Propaganda. Ihr Büro liegt 300 Meter neben der Rückert-Schule. Kinder können dort Hausaufgaben machen. Und kämpfen.

Plauen.

Zwischen den Schmierereien, wo "Nico ist schwul" steht und "C. liebt B.", sieht man ab und zu das: Hakenkreuze. Andreas Vödisch hat neulich ein kleines vor seiner Kirche entdeckt. Jemand hat es auf die Stufen der Markuskirche gekritzelt. Andreas Vödisch, der Pfarrer, hat einen schwarzen Edding genommen und gemalt.

Vier Striche musste er ziehen. Jetzt sieht es aus wie ein Fenster. Es war nicht das erste Hakenkreuz im Umfeld der Kirche in Haselbrunn. Das macht kreativ. "Verfassungswidrige Graffiti müssen weg, aber das ist teuer", sagt Vödisch.

Sascha Aurich

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In seinem Stadtteil ist der Rechtsextremismus präsenter als anderswo in Plauen. Vergangenen Mai hat jemand dort im Kaufland zwei Asylbewerber niedergeschlagen. Grundlos, aber aus ausländerfeindlicher Gesinnung, hieß es vor Gericht. Der Schläger war wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt.

In Haselbrunn liegt das bundesweit erste Bürgerbüro der Partei Der Dritte Weg, die der Verfassungsschutz als extrem rechts einstuft. Fünf Minuten läuft man von der Markuskirche dahin. Eingerichtet im Erdgeschoss eines Eckhauses an der Bundesstraße 92. Dort hat sich der Dritte Weg eingemietet. Der Eigentümer lebt in der Schweiz und sagt, er habe sich nicht um die Hintergründe seines Mieters gekümmert. Hinter dem Namen "Der Dritte Weg" habe er Bürgerproteste gegen Straßenbau vermutet. Lust auf einen Rechtsstreit habe er nicht.

Man sieht an den Schaufenstern, worum es geht. Sie sind mit Parteiwerbung beklebt. "Hilfe für Deutsche", steht da und "Multikulti tötet". Nebenan gibt es einen Bäcker und ein paar Meter weiter Bratwürste. Manchmal trifft man Männer mit grünen Partei-Shirts auf der Straße. Ein paar Häuser vom Büro entfernt wird gerade ein zweites Haus ausgebaut. Der Name des Führungskaders steht schon am Briefkasten.

Die Shirts mit dem Lorbeerkranz gibt es auch für Kinder: Man buhlt gezielt um Nachwuchs. Kinder können im Parteibüro Hausaufgaben machen, kämpfen lernen und einmal im Monat in der "Volksküche" essen. Soziale Aktivitäten in einem sozial schwachen Viertel. Das Anti-Neonazi-Bündnis "Nie wieder Faschismus" hatte vor Kurzem im Kreistag angesprochen, dass der Dritte Weg Kinder beeinflusse. Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (FDP) konterte damit, dass es viele Freizeiteinrichtungen in Plauen gibt. Man überlasse die Jugend nicht dem braunen Spektrum.

In Haselbrunn arbeiten Menschen wie Andreas Vödisch mit ihr. Die Markuskirchgemeinde hat einen Jugendkeller eingerichtet, in dem ein Sozialarbeiter die Kids betreut. Jeden Mittwochmittag tafeln Ehrenamtliche in den Gemeinderäumen warmes Essen für Arme auf. Vödischs Team hörte sich um, ob es Bedarf gibt, und dann entschied man sich für einen Tag pro Woche. Die Portionen liefert die Tafel.

"Ich will nicht, dass Haselbrunn in eine Ecke geschoben wird", sagt der Pfarrer. Ähnlich drückt es Silke Schwerdt aus, die die Rückert-Oberschule leitet: "Jede Schule hat sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen." Zwischen Schule und Parteibüro liegen dreihundert Meter. Silke Schwerdt kann nicht in die Köpfe ihrer Schüler schauen, aber sie stellt nicht in Frage, dass sie politisch aus allen Richtungen kommen. Es gebe niemanden mit der großen Klappe, die rassistisches Gedankengut wie ein Lautsprecher vor sich her plaudert. Parteisymbole sind auf dem Gelände verboten. Aber es passieren die Momente, in denen die Gesinnung aufblitzt, sagen die Lehrer. Dann geht es nicht gegen die ausländischen Mitschüler, die in jeder Klasse sitzen, sondern gegen Fremde. "Sobald sie Ausländer als Klassenkameraden wahrnehmen, meinen sie die nicht mehr", sagt Brit Leheis, stellvertretende Direktorin. Ihr Job sei es, Vorurteile abzubauen. "Eine andere Chance haben wir nicht." Die Rückert-Oberschule hat zwei Prädikate. "Schule gegen Gewalt", "Transferschule für Demokratie", initiiert vom Kultusministerium.

Weil sie Ganztagsschule ist, können sich die Kinder dort bis nachmittags aufhalten. Sie besuchen Keyboard-Kurse, filzen, töpfern, machen Fitness- und Sanitäterkurse. Im Hof hat der Schulverein einen Club eingerichtet, der sei gut besucht. Zweimal jede Woche kommt eine pensionierte Lehrerin vorbei und hilft bei den Hausaufgaben. Das läuft seit Jahren.

Lehrer müssen parteipolitisch neutral sein, Theaterintendant Roland May muss es nicht. Er hat die deutsche Geschichte in ein Stück gepackt. Es heißt "German History" und eignet sich für Schüler ab 14. May zeigt, wie sich die Menschen verführen ließen und Bestien wurden. Er hat mit dem Stück den sächsischen Theaterpreis gewonnen. In einer der Aufführungen zeigten Jungen im Publikum den Hitlergruß. Die Schauspieler unterbrachen das Stück, und einer der Hauptdarsteller trat vor und sagte, dass er das jetzt nicht als Sympathieerklärung für den Nationalsozialismus werte. Falls doch, müsse er die Polizei rufen. Dann war Ruhe. Wenn ein Schauspieler vortritt, macht das manchmal mehr Eindruck als beim Staatsanwalt, sagt May.

Die Jungen waren mit ihrer Klasse da, kamen aber nicht aus der Rückertschule. "Junge Leute suchen Orientierung", sagt May. Das Theater will ihnen die Werte vermitteln.

Ab und zu sieht Andreas Vödisch Kinder vor dem Büro des Dritten Wegs stehen, wenn er im Auto vorbeifährt. Er sah auch, dass die Leute als erste ihre Parteiwerbung für die Kommunalwahlen aufgehängt hatten. Dem Rathaus lag schon früh ein Antrag dazu vor, heißt es aus der Behörde. Der sächsische Verfassungsschutz schreibt in seinem Bericht den Akteuren im Vogtland eine große Rolle bei kommenden Parteiaktionen zu. "Die Funktionäre Tony Gentsch und Rico Döhler sind auch überregional maßgebliche Kader beim weiteren Aufbau der Partei", heißt es in dem Bericht. Von den bundesweit rund 500 Mitgliedern leben demnach 125 in Sachsen.

Viele ihrer Wahlplakate wurden von den Straßenlaternen gerissen. Auf ihrer Internetseite, die sie täglich bestücken, schreiben die neuen Rechten darüber. "Ob sich die linken Spinner über die Konsequenzen im Klaren sind, wird sich noch zeigen, keine kriminelle Aktion bleibt ohne einfallsreiche Reaktion", schreiben sie. Nach jedem Angriff wollen sie in die Öffentlichkeit schreiten.

"Die setzen Themen auf ihre Werbung, die gut wirken", sagt Pfarrer Vödisch, "Aber eine Lösung bieten sie nicht." Er wünscht sich Fitness-Geräte für den Kirchplatz. Silke Schwerdt hätte es gern, dass ihre Schule von außen Farbe bekommt.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 3 Bewertungen
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 11
    3
    MPvK87
    18.04.2019

    Leider beschreibt dieser Artikel sehr gut die Zustände in dieser Stadt.
    In dieser Problematik sind alle gefragt.
    Sowohl die Zivilgesellschaft als auch die Politik.
    Verallgemeinert ausgedrückt, „Organisationen“ wie der Markuskeller, die Mobile Beratung etc. benötigen für ihre immens wichtige Arbeit auch eine Planungssicherheit. Hier müssen langfristige Fördergelder gesichert werden.

    Und dieses Gerede von wegen „Neutral“ ist einer Demokratie unwürdig. Im Wissen dass der III. Weg sich programmatisch an der NSDAP orientiert.
    Niemand sollte Repressalien befürchten müssen, weil sie sich gegen Faschisten zur Wehr setzen.
    Eine „wehrhafte Demokratie“ muss die Möglichkeit haben, sich gegen Parteien stellen zu dürfen, diese auch zu benennen.

    Selbstverständlich sind auch die bisher durch wegschauen auffallende Behörden gefragt.
    Gefühlt vergehen keine 2 Wochen wo der III. Weg gegen irgendwelche Gesetze verstößt.
    Beispielhaft sei aktuell die Thematik „Wahlplakatte“ genannt.
    Offiziell durften diese ab dem 29.03. aufgehangen werden.
    Die Neonazis fingen früher damit an.
    Das ist noch nicht einmal alles, an Stellen wie der „Friedensbrücke“ war es 2014 verboten.
    Mindestens eine aktuelle Stadtratsfraktion musste damals eine hohe Geldstrafe bezahlen weil sie es am selben Ort aufhingen.

  • 14
    6
    DTRFC2005
    18.04.2019

    Kinder sind sehr leicht beeinflussbare kleine Wesen, die sich denjenigen zuwenden, die Ihnen zu hören, mit ihnen reden und sich mit ihnen beschäftigen. Dies sollten aber zu aller erst die Eltern sein. Offensichtlich ist es den Eltern aber nicht möglich, den nötigen Einfluss für ihre Kinder aufzubringen. Das ist natürlich für der dritte Weg und Co sehr einfach, hier beeinflussend einzuwirken. Das ist ekelhaft und niederträchtig. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Ich kann nicht verstehen, warum manche denken,. das diese Vereinigungen gutes im Sinne haben.



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