Digitales Totenbuch als Mahnung für den Frieden

Der Hauptfriedhof ist 100 Jahre alt. "Freie Presse" berichtet über den Ort. Heute: Stadtarchiv-Leiterin Doris Meijler und Vize Clemens Uhlig

Doris Meijler mit einem Entwurf des Baumeisters Goette von 1912.
Clemens Uhlig - StellvertretenderLeiter des Stadtarchivs

Von Sabine Schott

Es klingelt in diesen Wochen häufig an der Tür des Stadtarchivs an der Herrenstraße in Plauens Zentrum. Auf den Knopf drücken ebenso zufällige Passanten wie Leute, die extra kommen, weil sie sich für die aktuelle Ausstellung "Trauer und Trost" interessieren. Diese beschäftigt sich mit dem 100 Jahre alten Plauener Hauptfriedhof.

Ende April unter großer Beachtung der Bevölkerung eröffnet, wird die Jubiläumsschau noch weitere achteinhalb Monate zu sehen sein - ein eindrucksvolles Erlebnis. Besucher erfahren zum Beispiel, was es bedeutet, jung zu sterben - ob als Opfer des Explosionsunglücks in der Plauener Kartuschieranstalt, das vorwiegend Frauen in den Tod riss, und an die eine Grab- und Gedenkstätte auf dem Friedhof erinnert.

Oder als Soldat im Ersten Weltkrieg. "Genau 3880 Gefallene hatte unsere Stadt zu beklagen", sagt Doris Meijler, seit 2016 Chefin des Archivs. All die Namen sind in einem digital präsentierten Gedenkbuch nach dem Alphabet geordnet. Fast jeder Plauener wird wohl anhand dieser Medienstation jemanden finden, mit dem er verwandt ist. "Es ist auch zu lesen, auf welchem Schlachtfeld und an welcher Verletzung jemand starb", so Meijler, die das Totenbuch als Friedensmahnung bezeichnet. Ihr aus Greiz stammender Stellvertreter Clemens Uhlig hat die Ausstellung realisiert. Gut ein Vierteljahr lang habe er seltene Exponate und 25 Ausstellungstafeln rund um den Hauptfriedhof zusammengestellt, berichtet der 32-jährige Archivar und Historiker. Darunter befindet sich ein handkolorierter Entwurf von Friedhofs-Architekt Wilhelm Goette aus dem Jahr 1912. Uhlig und Meijler fassen das gut erhaltene Dokument nur mit Samthandschuhen an. Dargestellt ist der Innenraum der großen Feierhalle des Krematoriums. "Ich halte Goettes Gestaltungsideen für äußerst gelungen", sagt die gebürtige Plauenerin Meijler, die in ihrer Freizeit ab und zu über den parkähnlichen Friedhof streift. Dazu soll auch die Exposition in ihrem Haus verleiten, wie sie verrät. Für Meijler sind Friedhöfe vor allem auch kulturhistorisch interessant, sagt die 52-Jährige. Seit 1989 arbeitet die studierte Museologin und Archivarin an der heutigen Wirkungsstätte. Die Plauener Frauengeschichte ist für die Mutter zweier erwachsener Kinder stets ein Thema.

Meijlers Kollege Clemens Uhlig hat bei der Umsetzung der Ausstellung Neuland erschlossen: "Die Beschäftigung mit dem Sterben mutet einiges zu, jedenfalls ging es mir so." Doch es sei spannend gewesen. Wer wisse schon, dass man die Gebeine des ältesten Plauener Friedhofes in einem sogenannten "Beinhaus" sammelte, wo auch ein "ewiges Licht" brannte? Uhlig betont, er habe die Schau bewusst nicht schwarz-weiß oder gar grau gestaltet, sondern farbenfroh. Denn er sieht den Friedhof als Ort mit vielen Facetten.

Zum Tag des offenen Denkmals am 9. September, einem Sonntag, hat die Schau im Stadtarchiv 10 bis 17 Uhr geöffnet. Außerdem soll ein Film über Plauen aus der MDR-Reihe "Die Spur der Ahnen" gezeigt werden.

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