Ein Erbe aus Goethes Zeit

Private Gegenstände der Familie Vulpius werden am Samstag in Plauen versteigert. Führen sie bis zum Dichterfürsten?

Plauen.

Es ist ein kleiner privater Schatz: Silberne Kuchengabeln mit V-Monogramm, Biedermeiermöbel, Schauspielfotos, Briefe, Bilder, insgesamt 80 Positionen. Wertvoll für Sammler macht sie ein Detail. Es sind Teile des Erbes eines für die Literaturgeschichte entscheidenden Namens: Vulpius. Der Nachlass, der am Samstag im Auktionshaus Mehlis in Plauen versteigert wird, stammt von Nachfahren Christian August Vulpius', der durch die Heirat seiner Schwester Christiane zu Goethes Schwager wurde.

Über zwei Jahrhunderte hütete die Familie den überlieferten Besitz, bewahrte nach dem Tod des letzten Goethe-Enkels entscheidende Stücke - zuletzt in Plauen. Die geborene Plauenerin Waltraut Vulpius lebt seit dem Tod ihres Mannes, des Schauspielers Melchior Vulpius, in der Stadt. 1990 siedelte sie von Halle ins Vogtland über. Sie wollte wieder näher bei ihrer Tochter wohnen, die bei den Großeltern in Plauen aufgewachsen war. Zu DDR-Zeiten war sie als Kostümbildnerin fürs Fernsehen und Theaterinszenierungen viel unterwegs. Heute ist sie 98 Jahre alt, zog vor einiger Zeit ins Haus ihrer Tochter. Der Hausstand in der Zweizimmerwohnung im Wohngebiet Chrieschwitzer Hang ist aufgelöst. Mit dem Einverständnis der Familie fand das Sammelsurium den Weg ins Auktionshaus an der Hammerstraße. Nun liegt der Startpreis für Möbel, Fotos und Besteck bei 20 Euro. Für Chef Jens Mehlis war die Überraschung groß, als das Angebotene auf seinem Tisch lag. Er sichtete jeden Zettel. "Jetzt hat auch der kleine Goethe-Fan die Chance, sich ein Stück zu sichern", meint er.

Doch die wirklich wertvollen Gegenstände und Dokumente aus dem Familienbesitz sind längst im Besitz der Stiftung Weimarer Klassik und des Goethe-Nationalmuseums, vieles liegt im Depot. Goethes Wohnhaus soll ab 2021 saniert werden. Es wird sich zeigen, was aus dem Erbe Vulpius mit der Wiedereröffnung dort platziert werden könne, heißt es vom Freundeskreis des Museums. Der bernsteinfarbene Sekretär, an dem Christian August Vulpius bis in die Nacht am Manuskript seines Räuberromans "Rinaldo Rinaldini" arbeitete, steht schon seit mehr als 20 Jahren wieder in Weimar. Unter den Hammer kommt in Plauen nur ein ähnliches Stück. Auch die Originale der Porträts des berühmten Vulpius-Vorfahren und seiner Frau Helene gingen an die Sammlungen.

Drei Jahre hatte Waltraut Vulpius mit der damaligen Direktorin des Goethe-Nationalmuseums und einer Wissenschaftlerin des Schiller-Archivs Listen über die Bestände angefertigt, alles katalogisiert. Der wohl bedeutendste Fund war das Bild der Silhouette des jungen Goethe. Die Häuser in Frankfurt und Weimar besaßen zuvor nur Skizzen und Kopien des Originals von 1775. Insgesamt 130 Positionen mit kulturhistorischem Wert wurden 1996 über Stiftungsgelder erworben. Die "Freie Presse" hatte damals vom Ankauf berichtet, Waltraut Vulpius inmitten ihres Hausstands aus Erinnerungen besucht. Vor drei Jahren gingen dann letzte Puzzleteile nach Weimar. Waltraut Vulpius ist Ehrenmitglied im Freundeskreis des Goethe-Nationalmuseums. Dieter Höhnl, Vorstandsvorsitzender des Vereins, besuchte sie regelmäßig in ihrer Wohnung im Plattenbaugebiet. Draußen Beton, innen Goethezeit. "Es war, als betrete man eine andere Welt", erinnert er sich. Ihr Schwiegervater, Wolfgang Vulpius, hatte sich mit seiner Arbeit als Literaturwissenschaftler als erster für die Anerkennung Christiane Vulpius' eingesetzt. Sie war es, die im Haus am Frauenplan dafür sorgte, dass der Herr Geheimrat überhaupt Zeit zum Dichten fand.

Über die Biedermeiersessel in Waltraut Vulpius Wohnung hatten sich Freunde beschwert. Sie soll sich doch mal bequemere Möbel kaufen. Nun gehen sie in andere Hände.

Der Nachlass Vulpius wird Samstag ab 10 Uhr im Auktionshaus in Plauen aufgerufen. www.freiepresse.de/NachlassVulpius

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