Ersthelfer sauer über Notarzt-Rechnung

Johannes Reißmann half nach einem schlimmen Unfall, dann bekam er Post von der AOK. Bezahlen muss er nun doch nicht.

Reichenbach.

Die Geschehnisse vom 11. September bekommt Landwirt Johannes Reißmann nicht mehr aus dem Kopf. Der Oberreichenbacher traf als einer der ersten am Ort eines schweren Verkehrsunfalls auf der Reichenbacher Ortsumgehung ein. Unweit des Ausflugslokals Schwarze Katz' sah Reißmann aufsteigenden Rauch, stoppte auf dem Landwirtschaftsweg seinen blauen Hundefänger, sprang heraus und rannte die Böschung herauf zur Staatsstraße 289. Während Gaffer aus sicherer Distanz das Trümmerfeld beäugten, während Fahrer ihre Autos wendeten und davoneilten, versuchte der Landwirt verzweifelt zu helfen. "Kein Schwein greift mit an", macht der Bauer seinem Unmut über manche Mitmenschen Luft. Doch die Hilfe war vergebens.

Beide Fahrer starben in den Wracks ihrer kollidierten Autos. Den Kindersitz auf der Rückbank des in Flammen stehenden Kombi bekam der Oberreichenbacher nicht heraus. Gott sei Dank war das Kleinkind nicht mit an Bord. Doch es hat an jenem Sonntagvormittag auf der S 289 einen wichtigen Menschen für immer verloren.

"Ich habe selbst ein sechsjähriges Enkelkind", fügt Johannes Reißmann an. Der Unfall, all die Umstände, "das macht einen fertig", erzählt der 64-Jährige und zieht nervös an seiner Zigarette. Und dann das: Die AOK Plus schickte Johannes Reißmann eine Rechnung zu. Zehn Euro Eigenanteil sollte er zahlen, weil eine Notärztin den erschöpften Ersthelfer untersucht hatte und ins Krankenhaus einweisen wollte. "Kommt nicht in Frage", lehnte Reißmann die Fahrt im Rettungswagen ab. Eine ärztliche Untersuchung mit Blutdruckmessung gestattete er und arbeitete danach normal weiter.

Eine Behandlungsrechnung an einen Ersthelfer zu schicken, das macht Johannes Reißmann sprachlos. Nicht aber seine Frau Renate: "Was denkt sich die AOK? Sollen die Leute bei Unfällen wegsehen?"

Genau das soll aber nicht passieren, beteuert AOK-Sprecherin Hannelore Strobel. Wer bei Unfällen Erste Hilfe leistet, ist über die gesetzliche Unfallversicherung abgesichert. Damit wird sichergestellt, "dass niemand durch das Engagement in Notsituationen persönliche Nachteile in Kauf nehmen muss", betont die AOK-Sprecherin. "Im Fall von Herrn Reißmann wurde die Abrechnung irrtümlich bei der AOK Plus eingereicht", erklärt Strobel. Dass er Ersthelfer war, sei nicht ersichtlich gewesen. Die Krankenkasse hat die Zahlungsaufforderung daher umgehend zurückgenommen. Auch um die Abstimmung mit dem Unfallversicherungsträger muss sich der Landwirt nicht mehr kümmern.


"Betroffene sollten sich an ihre Krankenkasse wenden"

Wer bezahlt nach Rettungsdienst-Einsätzen was? Jens Leistner, Geschäftsführer des Rettungszweckverbandes Südwestsachsen, erklärt das Prozedere.

Wer bezahlt Rettungseinsätze?

Rettungswagen und Krankentransport müssen bezahlt werden, wenn ein Patient tatsächlich transportiert wurde. Bei gesetzlich Krankenversicherten wird direkt mit der Krankenkasse abgerechnet. Sie stellt den gesetzlich vorgeschriebenen Zuzahlungsbetrag von 10 Euro in Rechnung. Privat Krankenversicherte erhalten einen Gebührenbescheid, der bei ihrer Kasse einzureichen ist. Ähnlich ist es bei Notarztfahrzeugen, wenn Patienten notärztlich behandelt wurden.

Und die Kosten für Notärzte?

Leistungen für gesetzlich Versicherte werden über die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen abgerechnet. Privat Versicherte erhalten vom Notarzt eine Rechnung, die bei ihrer Kasse einzureichen ist. Gesetzliche Krankenkassen können die Kosten an Berufsgenossenschaften, etwa bei Arbeitsunfällen, oder beispielsweise an Haftpflichtversicherungen weiterreichen.

Was raten Sie Ersthelfern, die zur Kasse gebeten werden?

Wir haben 60.000 Einsätze im Jahr abzurechnen, da können Fehler passieren. Betroffene sollten sich an ihre Krankenkasse wenden. Im Zweifelsfall helfen wir weiter und bescheinigen, dass jemand Ersthelfer war. Wir werden die Anregung aufgreifen und prüfen, ob sich bei der Abrechnung etwas besser regeln lässt.

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