Federvieh-Verein steckt voller Geschichte und Geschichten

Vor 150 Jahren ist der Geflügelzüchterverein Mühltroff gegründet worden. Fast genauso lange schon gibt es den Taubenmarkt. Ein Porzellanmedaillon aus Mühltroff gehört zu den ältesten erhaltenen Ehrenpreisen in Deutschland. Und um ein Haar wäre es verschwunden gewesen.

Mühltroff.

Jubiläen kann man nicht verschieben, sie stehen und fallen mit den dazugehörigen Jahreszahlen. So verhält es sich auch beim Geflügelzüchterverein 1871 Mühltroff und Umgebung. Allerdings sind sowohl die Jubiläumsschau zum 150. Geburtstag wie auch der Taubenmarkt, der seit Jahren am Rosenmontag mit Musik stattfindet, bedingt durch Corona verschoben. Das soll nun am Rosenmontag 2022 nachgeholt werden. Die Jubiläumsschau ist nun für den 8.und 9. Januar 2022 geplant.

Der Geflügelzüchterverein zählt 41 Mitglieder, davon einige Kinder und Jugendliche. Die meiste Außenwirkung erfährt der Verein alljährlich durch den Taubenmarkt. Nur dieses Jahr eben nicht. "Wir wollen dafür aber ein Sommerfest feiern", blickt Ulrich Weiß voraus. Er war 32 Jahre Vereinsvorsitzender. Seit 2012 leitet Ralf Schinnerling den Verein. Carsten Weiß aus Mühltroff, Heiko Frisch aus Fröbersgrün, Maik Lorenz und Klaus Bauer aus Kornbach sind mit im Vorstand. Die Mitglieder kommen aus der gesamten Region. "Es haben sich ja viele Vereine aufgelöst", weiß Ulrich Weiß, der seit 50 Jahren im Mühltroffer Geflügelzüchterverein und seit 2016 Ehrenvorsitzender ist. Er hofft, dass der Mühltroffer Verein Corona überlebt und weiter besteht. "Wir arbeiten mit Rundschreiben, wollen zeigen, dass wir noch da sind."

Bedauerlich findet Weiß, dass die Züchter viele Tiere aufgezogen haben, um sie auf dem Taubenmarkt anbieten zu können. "Die gesamten Märkte und Ausstellungen fehlen." Und damit auch der Handel, die Fachsimpelei und Geselligkeit.

Der Rosenmontag ist von jeher ein großer Tag für den Mühltroffer Verein, der in 150 Jahren einiges er- und überlebt hat. Nach dem Sieg der deutschen Staaten im Deutsch-Französischen Krieg wurde am 18. Januar der preußische König Wilhelm I. zum ersten Kaiser des Deutschen Reiches ausgerufen. Reichskanzler wurde Otto von Bismarck. Fern der großen Politik trafen sich in Mühltroff wenige Wochen später Landwirt Friedrich Glück, Krankenkassenvorstand Franz Degenkolb, Sattlermeister Hermann Pippig, Tischlermeister Friedrich Nimitscheck, Kirchner Reinhard Frotscher, Gastwirt Friedrich Wunderlich, Kaufmann August Dennstädt, Gast- und Landwirt Eduard Glück sowie Hunde- und Taubenhändler Johann Flügel in der Gaststätte Wohlfahrt (später Emil Porst), um am Rosenmontag, dem 20. Februar 1871, den Geflügelzüchterverein zu gründen.

Mit Sicherheit weiß man, dass bereits 1874 eine Ausstellung in Mühltroff stattfand. Hiervon existiert ein Ehrenpreis in Form eines Medaillons aus Porzellan mit eingebrannter Inschrift: "In Anerkennung der Geflügelzucht. Geflügelausstellung Mühltroff 1874". Der heutige Vereinsvorsitzende Ralf Schinnerling sagt: "Er dürfte zu den ältesten noch vorhandenen Ehrenpreisen in Deutschland gehören."

Das Medaillon befindet sich im Besitz von Walter Schneider, dessen Vorfahren wahrscheinlich damit ausgezeichnet worden waren. Und es hat eine ganz eigene Geschichte: Das Porzellanmedaillon wurde, so wird angenommen, irgendwann beim "Großreinemachen" mit in den Aschekasten geworfen und gelangte so mit dem Dung auf das Feld. Erst 1948 hat es Ernst Schneider beim Ackern dort wiedergefunden.

Über schriftliche Aufzeichnungen verfügt der Verein erst seit 1902. "Was vorher war, ist alles bei einem Brand im Gasthof vernichtet worden", sagt Ulrich Weiß. Im Jahr 1912 wurde die Ausstellung erstmals mit einem Springbrunnen, erbaut von Wilhelm Stier, ausgestattet. Im Januar 1914 war die letzte Ausstellung und am 14. März 1914 die letzte Hauptversammlung vor dem Ersten Weltkrieg. Dann ruhte die Vereinstätigkeit bis 1920, als mit 20 Mitgliedern erneut begonnen wurde. Im Jahre 1921 wurde Curt Scholz zum Vorsitzenden gewählt, Vereinslokal wurde der Gasthof "Zum halben Mond". Dieser Gasthof, heute ein Wohnhaus am Markt in Mühltroff, war 70 Jahre ununterbrochen das Vereinslokal. Die Gaststube musste nach dem Zweiten Weltkrieg zweimal vergrößert werden, um der ständig wachsenden Mitgliederzahl Rechnung zu tragen.

1921 wurde der Taubenmarkt am Gründungstag, dem Rosenmontag, erstmals mit einem Konzert verbunden. Diese Tradition hat sich bis heute erhalten. Seit 1954 wird Blasmusik gespielt, und da die Räume im Vereinslokal wiederum zu klein wurden, findet der Taubenmarkt seit 1983 im und vor dem Schützenhaus und später in der Turnhalle statt.

Am Rosenmontag 1949 fand der erste Taubenmarkt nach dem Zweiten Weltkrieg statt, welchen Emil Krauß und Hermann Wunderlich aus Langenbach initiierten. Ernst Schneider, bis dahin Schriftführer, wurde zum Vorsitzenden gewählt. Die Mitgliederzahl erhöhte sich bis auf 180. Alle zwei Jahre fanden nun Geflügelausstellungen statt. Das gesellige Leben entwickelte sich mit dem "Gockelball", der ab 1954 in Mühltroff beliebt war. Ein Höhepunkt in der Geschichte war das 100. Vereinsjubiläum, das sich mit Jubiläumsausstellungen, Festen, Theatervorführungen und Taubenmarkt über mehrere Wochen erstreckte. 1983 wurde Ullrich Weiß zum Vorsitzenden gewählt.

"Nach der Wende erlebte der Verein einen Aufschwung, auch wenn die Mitgliederzahl auf rund 70 sank", erinnert sich Ulrich Weiß. "Die Futterkundschaft blieb weg." In der DDR war es so, dass aktive Vereinsmitglieder Futtermittel, die sonst rar waren, zugeteilt bekamen. Am 29. Juni 1990 ließ man sich als Geflügelzüchterverein 1871 und Umgebung gerichtlich eintragen. Der Verein trat dem Landesverband Sachsen und dem Kreisverband bei.

Die Zucht und Haltung von Rassegeflügel ist bis heute Grundanliegen des Vereins. Dazu gehören Fachvorträge und Tierbesprechungen in Vereinsversammlungen, Rassegeflügelausstellungen, der Taubenmarkt am Rosenmontag mit Frühschoppen und Musik, Hähnewettkrähen, Vereinsausfahrten und Grillfest. Höhepunkte sind die Ausstellungen, an denen man sich beteiligt. Besonders Heiko Frisch, Klaus Bauer und Ralf Schinnerling konnten schon Erfolge etwa als Sachsenmeister oder Europameister einheimsen.

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