Finaler Luftanschlag auf Plauen vor 75 Jahren: "Löscht die Stadt aus der Karte"

Bomben auf Plauen Heute vor 75 Jahren erlebt Plauen den 14., finalen Luftschlag. Danach ist die Stadt nicht wiederzuerkennen.

Die mit der Zielmarkierung über Plauen in der Nacht auf den 11. April 1945 betraute 156. Schwadron der britischen Royal Air Force benennt in ihren Aufzeichnungen der Operation die Intention des Angriffs ungeschminkt so, wie sie im Briefing bei den Fronteinheiten ankam: "...arase the town of the map" - die Stadt aus der Landkarte zu löschen. Liest man hingegen den offiziellen Bericht des Bomber-Kommandos, gewinnt man den Eindruck, es handele sich nicht um ein und denselben Angriff. Dort heißt es: "Absicht war die Zerstörung der Eisenbahnanlagen und das Blockieren der Gleise in den Verschiebebahnhöfen im Norden und Süden der Stadt."

Die Antwort auf die Frage nach der Intention des Angriffs fällt nach einem Blick auf verwendete Munition und die damit erzielte Wirkung eindeutig aus: Der Mix aus Luftminen (hiervon kamen 248 Exemplare á 1,8 Tonnen zum Abwurf), Spreng- und Brandbomben sind Hauptindiz dafür, dass mit diesem Angriff die Absicht des "Dehousing", des Ausbombens, verfolgt wird. Es gilt, größtmögliche Schäden herbeizuführen.

Am Nachmittag des 10. April 1945 steigen von Stützpunkten in Südostengland Geschwader der 1. und 8. Gruppe des britischen Bomberkommandos mit Ziel Plauen auf. Der Angriff ist sorgfältig vorbereitet: Bereits am 4. April, kurz nach Mitternacht, hatten acht per Leitstrahl geführte Mosquitos über Plauen 32 Bomben á 250 Kilogramm abgeworfen und "ein Experiment" durchgeführt, wie es in Aufzeichnungen heißt. In den Nachstunden des 9. April attackieren 36 Mosquitos mit 68 Tonnen Minen- und Sprengbomben erneut Plauen. Speziell ausgerüstete Flugzeuge markieren Ziele, die daraufhin "akkurat" und "konzentriert" bombardiert werden. Am Dienstag, 10. April, zeigen sich tagsüber Fotoaufklärer über Plauen. Sie verifizieren Ergebnisse des Nachtangriffes und versuchen, mögliche Anlagen der Luftverteidigung aufzuspüren. Dann wird es Nacht.

Zur Absicherung des Angriffs befinden sich neun "Halifax"-Bomber, zwei B-17 "Flying Fortress", ein B-24 "Liberator"-Bomber sowie ein "Mosquito" der Royal Air Force in der Luft. Sie werfen Staniolstreifen ab, um Reste der deutschen Luftraumüberwachung zu irritieren. Mosquitos fliegen gegen Dessau und Chemnitz Störangriffe, mit denen die Aufmerksamkeit der letzten deutschen Jäger von den Bomberströmen abgelenkt werden soll, die sich auf Leipzig und Plauen zubewegen.

Die Nacht ist sternenklar. Nur leichter Dunst bedeckt den Boden. Bei der Annäherung identifizieren die Crews mühelos die Weiße Elster und das dicht bebaute Siedlungsgebiet Plauens. Was folgt, ist für die Piloten Routine: Als Erster kurvt der Wetterbeobachter über der Stadt. Er funkt seine Windmessungen zur Justierung der Zieldaten. 22:55 Uhr erfolgt der Uhrenabgleich. Wenig später wird der Angriff eröffnet. Second Lieutenant Kenneth Harold Francis Letford obliegt die operative Führung des Angriffs. Präzise werfen "Pfadfinder" Zielmarkierungsbomben ab. Zwölf 1000 Pfund schwere Illuminationssätze sinken an Fallschirmen langsam zu Boden. Sie glühen nach dem Aufschlagen etwa 10 Minuten weiter und lösen Brände aus. Dann treten Nachmarkierer in Aktion, die das zu bombardierende Areal mit 756 grün leuchtenden "Christbäumen" kreuzweise abstecken. Die Schützen der Hauptangriffsmacht finden ein exakt markiertes und ausgeleuchtetes Zielgebiet vor. In zwei Wellen befördern 304 schwere Lancaster-Bomber und sechs Mosquito-Schnellbomber 1167,96 Tonnen Minen-, Spreng- und Brandbomben in das Ziel. Darunter befinden sich 248 Luftminen. Ihre Aufgabe ist es, Häuser für Abwürfe der Brandbomben zu öffnen und Umfassungsmauern einzudrücken. Die Crews registrieren schwere Explosionen und bald auch gewaltige Brände, deren schwarzer Rauch bis in eine Höhe von fast vier Kilometer aufsteigt und den Bombenschützen das Zielen zunehmend erschwert. Als gegen Ende der Attacke nahezu keine Leuchtmarkierungen mehr sichtbar sind, werden die Crews angewiesen, ihre Bomben auf das Gebiet mit der stärksten Rauchentwicklung abzuwerfen. Als sie den Rückflug antreten, ist Plauens "overbombed", wie es im Jargon der Militärs heißt. Noch in einer Entfernung von 100 Meilen (rund 161 Kilometer) sehen die Crews das Orangerot der in der Stadt wütenden Brände. Noch Tage nach dem Angriff bedecken Rauch und Staub die Stadt. 51 Prozent des dicht bebauten Siedlungsgebietes sind zerstört. Mindestens 890 Menschen sterben.

Der schwerste Angriff auf Plauen ist auch eine Schreckensnacht für das Dorf Kauschwitz. Dort sterben - offenkundig durch sogenannten "Notabwurf" von Bomben - sechs Menschen, darunter zwei Kinder. Sechs Häuser in der Dorfmitte werden völlig zerstört, weitere vier stark beschädigt.

"Am 10. April 1945", vermerkt das Tagebuch der Ortskreisgruppe des Reichsluftschutzbundes, "erlitt Plauen den letzten und schwersten Nachtangriff [...] überhaupt. Der Angriff [...] war so stark, dass er mehr Zerstörungen anrichtete als alle Angriffe vorher zusammen. [...] Überall sah man die Geschädigten, ihr Habe zu bergen. Das war allerdings nur in wenigen Fällen von Erfolg, weil die Brände das Betreten der Häuser unmöglich machten. [...] Mit diesem Tag hörte jede Tätigkeit, soweit sie nicht auf die Schadensbeseitigung gerichtet war, auf lange Zeit auf. Zehntausende von Einwohnern waren aufs Land geflüchtet, weil sie obdachlos waren, oder bei Bekannten und Verwandten dem Bombenkrieg entgehen wollten."

Weitere historische Aufnahmen aus Plauen gibt es hier: Plauens Trümmerfelder - eine Stadt in Schutt und Asche


Datenblatt: Die Zerstörung der Stadt am 10. April 1945

Wetter: unbewölkt.

Bomber: Die britische Royal Air Force schickt 304 Avro "Lancaster" und 6 De Havilland DH.98 Mosquitos im Pfadfinderverband. Die Verbände erreichen Plauen am 10. April. Das Bombardement dauert von 23.02 bis 23.24 Uhr. Abgeworfen wird eine Bombenlast von 1167,74 Tonnen: HC-Minenbomben, Sprengbomben, Leuchtbomben und 756 sogenannte "Christbäume" zur Zielmarkierung.

Abwurf- und Schadengebiete:Flächenhafte Zerstörungen und Großbrände besonders im Bärensteingebiet; in der westlichen und östlichen Bahnhofsvorstadt (Pauluskirchviertel); in Haselbrunn; im Innenstadtbereich; Neundorfer Vorstadt; nordöstliche Hammervorstadt; Ostvorstadt bis Reusa.

Todesopfer: mehr als 890 (identifiziert: 342 männlich, 496 weiblich). (gern)


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