"Freie Presse"-Sommertour: Kleingeras Kleinod

Das idyllische Rittergut im Vogtland hat mit einem vernichtenden Großfeuer und der Vertreibung des letzten Gutsherrn eine hochdramatische Geschichte erlebt, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Und birgt aus dieser Zeit womöglich noch ein düsteres Geheimnis.

Kleingera.

Auf dem Balkon des Ritterguts Kleingera fühlt man sich wie Shakespeares Julia. Halt auf Vogtländisch. Und ohne Aussicht auf ein tragisches Ende mit Schrecken. Den haben in der Geschichte des Ritterguts andere erlebt - darunter ein Mädchen, nicht viel älter als Julia.

Von dem Schicksalsschlag im Sommer vor über 70 Jahren, der dieses Mädchen aus ihrem vertrauten Zuhause riss, ist heute auf dem Balkon nichts mehr zu spüren: Der Wind spielt auf dem Seerosenteich und in den Zweigen der mächtigen Weide. Wiesen und Felder strecken sich scheinbar bis in den Himmel hinein. Jetzt noch lautes Muhen aus dem Kuhstall mit Kreuzgewölbe, gackernde Hühner, Stimmen von Mägden und Knechten, Geschirrklappern ein Stockwerk tiefer im herrschaftlichen Frühstückszimmer mit dem türkisfarbenen Stuck an der Decke - und ein ganz normaler Tag auf dem Gut könnte anbrechen.So, wie er vielleicht in den 1920er- Jahren für Gutsherr Victor Karl Speck begonnen hat. Das Flair von damals herrscht noch vor. Selbst zwischen abblätternden Tapeten, Muffgeruch und knarrenden Türen im Herrenhaus, wo noch ein Rest farbklecksiger Stuck ans Frühstückszimmer erinnert. Doch Speck, seine Frau und die drei Töchter sind schon lange nicht mehr da. Die Älteste hieß Anita.

19 Jahre alt ist sie, als sie selbst, ihre Eltern und ihre beiden jüngeren Schwestern im August 1945 verhaftet werden. Ihr Verbrechen: Anitas Vater gehört das etwa 280 Hektar große Gut. Ihn trifft zur Zeit der sowjetischen Besetzer nach dem Zweiten Weltkrieg das gleiche Schicksal wie über 12.000 weitere landwirtschaftliche Betriebe: Im Zuge der Bodenreform werden auch Specks enteignet. Teich, Türkis-Stuck, Vieh und Land - alles weg. Die Familie soll deportiert werden. In Dresden fliehen sie aus dem Zug. Vom Harz aus gelangen Specks in die britische Besatzungszone. Anita wird das Gut fast 70 Jahre später wiedersehen. Kleingera sei immer noch ihre Heimat, sagte Anita Popp, als sie mit 86 Jahren noch einmal in ihrem einstigen Zuhause stand - oder vielmehr in dem, was davon erhalten ist.Denn das ist bis heute ein langer, zäher Kampf. Nach der Verhaftung der Specks war das Gut in fünf Bauernhöfe aufgeteilt worden. Das Haupthaus entging einem Abriss. Stattdessen entstanden dort elf Wohnungen. Im Erdgeschoss zogen Kindergarten und Hort ein, später kam noch das Gemeindeamt. Doch das Amt wurde nicht mehr gebraucht, als Kleingera 1994 in die Stadt Elsterberg eingemeindet wurde. 1998 schloss die Kita. Mieter verließen das nach und nach verfallende Haus. Heute wohnt dort nur noch eine alte Dame (89).

"Sie ist der gute Hausgeist", sagen Gabriele Hommel und Inge Petzold: Sie hat gegen den Mief angelüftet. Hat geheizt, damit keine Rohre einfrieren. Hat den kleinen Park am Teich angelegt und gepflegt. Hommel und Petzold wissen genau, was die 89-Jährige alles für das Haus getan hat. Sie sind nicht nur Mitglieder des Vereins, der sich 2010 gegründet hat, um "das Wahrzeichen und das Herz" Kleingeras nicht verfallen zu lassen. Petzold ist auch in diesem Wahrzeichen geboren worden, wie sie erzählt. Sie und Hommel sind dort zusammen aufgewachsen. "Das ist unser Elternhaus", sagt sie. "Es soll für die Nachwelt erhalten werden", ergänzt Hommel. Ein harter Job für die 18 Vereinsmitglieder, zu denen einige von Specks Nachfahren zählen, die in England leben. 2013 kaufte der Verein das Haupthaus für einen Euro, danach Teich und Stall. Mitglieder sanierten das Dach des Anbaus, Terrasse und Balkon. Als Nächstes soll das alte Gemeindeamt drankommen. Ob Spenden, Vereinsbeiträge oder Erlöse aus Ostermarkt und Apfelfest: Der Verein nutzt jeden Euro. Oben ist ein Museum eingerichtet: Dederon-Schürzen, Spielzeug, Seife, ein neckisches Höschen aus DDR-Zeiten. Vieles ist noch älter: ein rotes Badekostüm samt Kappe, Schulranzen und Brottasche aus Leder, ein Kinderwagen mit Porzellangriffen. "Viele Fremde kommen zu unseren Führungen", sagt Hommel. Obwohl Kleingeras Kleinod Besuchern offensteht, herrscht nicht viel Betrieb. Bis auf Treffs für Senioren und junge Naturforscher. Das Herz des Ortes schlägt nicht mehr laut. Aber es pocht fast bockig weiter. Weil der Verein es nicht verstummen lässt.

Vielleicht auch durch ein gutes Vorbild. "Zu Specks Zeiten war das ein sehr moderner Hof", erzählt Hommel, die in der Schule lernen sollte, wie böse der Gutsherr war. Ihre Familie ließ das nicht gelten: "Er war nett", erinnert sich Hommel an gegenteilige Berichte. "Er hat mit angepackt und Kartoffeln verteilt." Herrschaft und Gesinde hätten außerdem das gleiche Essen bekommen - damals äußerst unüblich.

Mit einem Rätsel im Keller, das aus einem weiteren Shakespeare-Stück stammen könnte, scheint Speck aber nichts zu tun zu haben. Das war lange vor seiner Zeit, vermutet Hommel. Ein Teil im mittelalterlichen Gewölbe ist zugemauert. Für Hommel ein Gänsehaut-Geheimnis, als sie grübelt: "Wessen Gebeine wohl dahinter versteckt sind?" Vielleicht ein Verbrecher - oder ein unglückliches Liebespaar.

Informationen zur gesamten Veranstaltungsreihe "Unentdeckte Orte" finden Sie im Internet unter www.freiepresse.de/ueo2018

Chronologie des Gutes

13. Jahrhundert: Der Rittergutshof Gora/Kleingera wird durch die Herren von Lobdeburg als Vorwerk errichtet.

1358: Die Fehde der Lobdeburger gegen die Geraer Vögte führt zum Verlust des Ritterguts.

15. Jahrhundert: Die Markgrafen von Meißen übergeben das Gut an Ritter Heinrich von Bünau.

1448: Die Anlage wird zum ersten Mal urkundlich als Rittergut erwähnt.

1632: Ein Großbrand vernichtet das Herrenhaus mit Gutsanlage bis auf die Grundmauern.

17. Jahrhundert: Das Herrenhaus in seiner heutigen Gestalt wird auf dem älteren Kellergewölbe errichtet, inklusive Wirtschaftsgebäude im barocken Stil.

1759: Das Gut geht an Heinrich Adolf von Beust, Kreiskommissar im Vogtland.

1786: Johann Gottfried Döhler kauft das Rittergut.

1869: Nach Döhlers Tod erwirbt der Kaufmann Victor Löbering das Gut.

1906: Kaufmann Paul Speck, der in Auerbach eine Tuchfabrik betreibt und aus England seine Familie mitbringt, ist der nächste Besitzer.

1914: Nach Paul Specks Tod übernimmt sein Sohn Victor Karl das Gut.

1945: Specks werden enteignet. Im Zuge der Bodenreform wird ihr Land aufgeteilt. Bis 1993 ist das Rittergut der gesellschaftlich-kulturelle Mittelpunkt des Orts: inklusive Kindergarten und Gemeindeamt.

1994: Kleingera wird nach Elsterberg eingemeindet.

1998: Der Kindergarten schließt. Mieter verlassen das marode Haus.

2010: Der Verein zur Erhaltung des Ritterguts Kleingera gründet sich und verhindert den Abriss des Anbaus. Seitdem kämpfen Mitglieder darum, das Herrenhaus samt Anbau, Teich und Stallungen zu bewahren.

Besondere Spuren der Vergangenheit

Deutlich hebt sich das Rittergut Kleingera laut Landesamt für Denkmalpflege in Sachsen von anderen vergleichbaren Rittergütern im Vogtland ab, weil es noch so gut erhalten ist: "Die Erhaltung und Instandsetzung der Anlage mit Herrenhaus samt Anbauten ist in seiner Originalität und baukünstlerisch erlesenen Schönheit aufgrund der denkmalpflegerisch überregionalen Bedeutsamkeit von besonderem Interesse", hieß es 2010 aus dem Amt. Einzelne Zeugnisse der Vergangenheit sind besonders bemerkenswert:

Sonnenuhr: Die Uhr mit den Tierkreiszeichen-Symbolen, die auf der Hauswand alle Blicke auf sich zieht, stammt aus dem Jahr 1859.

Treppenhaus: Die moderne Garderobe, die von der Gemeinde für Mieter eingebaut wurde, passt nicht so recht zum barocken Treppenhaus. "Das ist wunderbar erhalten", schwärmt Inge Petzold vom Verein zur Erhaltung des Ritterguts Kleingera. Die Mitglieder wollen den Störfaktor Garderobe deshalb gern wieder entfernen.

Ringwallanlage: Auf der Mini-Insel im Küchenteich behütet eine große Weide den Rest einer alten Wallanlage, wie sie als Befestigung für slawische Zufluchtsstätten mit Palisaden üblich waren.

Kellergewölbe: Zwischen mittelalterlichen Mauern ist noch Katzenkopfpflaster erhalten.

Vom Mittelalter-Keller bis zur DDR-Wohnung

Hinkommen, entdecken, staunen: So wird der Samstag im Rittergut Kleingera

Termin/Ort: Das Rittergut Kleingera, Am Gut 1, 07985 Elsterberg/OT Kleingera, ist am Samstag, 21. Juli, von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Programm: Bilderschau unter dem Motto "Unterwegs im Rittergut", Zeitzeugen-Berichte, mittelalterliche Kellergewölbe, Trödelmarkt, DDR-Museum, original erhaltene DDR-Wohnung, Ausstellung zur Geschichte des Ritterguts Kleingera und mehr.

Angebote: Erinnerungsfotos (mit Pressekarte kostenlos), Basteln, Lesezelt (analog/digital).

Eintritt: Tickets vor Ort für Erwachsene zu 5, Kinder zu 2,50 Euro, mit Pressekarte je 1 Euro Rabatt - für Besucher ohne Pressekarte in gleicher Höhe nach Registrierung unter www.freiepresse.de/ueo2018.

Parken: Dölauer Weg, Wiese an der Netzschkauer Straße (s. Ausschilderung) und Bauunternehmen Becker, Coschützer Str. 20, 07985 Elsterberg.

 

 

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