"Geisterbahn" am Rathaus war Notlösung

Die ursprüngliche Gestaltung des Eingangs zum Plauener Rathaus wurde "Geisterbahn" genannt. Aber wer prägte den Begriff und warum? Darüber gibt es jetzt unterschiedliche Ansichten.

Plauen.

Wenn es um die frühere dekorative Gestaltung des Haupteingangs zum Neuen Rathaus in Plauen geht, ist immer schnell von der "Geisterbahn" die Rede. Woher der Begriff für das grellbunte Dekor von Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht, Vertretern der Konkreten Kunst, kommt, liegt ebenso auf der Hand wie der Umstand, dass den damals Verantwortlichen im Rathaus eine derartige Bezeichnung mit Sicherheit missfiel.

Aber ist es wirklich so gewesen, wie die CDU-Stadtratsfraktion zuletzt in einer Pressemitteilung erklärte? "Von den DDR-Machthabern wurde die Bezeichnung 'Geisterbahn' geprägt, die so Eingang in den Sprachgebrauch fand", heißt es darin. Und weiter: Da "der Künstler in der DDR zudem als systemkritisch galt, wurde das farbenfrohe expressionistische Kunstwerk für Jahrzehnte hinter Sandsteinplatten versteckt". Die Christdemokraten setzen sich gemeinsam mit dem ehemaligen Kulturamtsleiter Dietrich Kelterer für die Freilegung des alten Bildes ein und dafür, wenigstens Teile davon bei der bevorstehenden Sanierung des Rathausflügels zu erhalten - schon deshalb, weil der inzwischen 91-jährige Vogtländer Karl-Heinz Adler mit seinen Werken inzwischen Weltruhm erlangt hat.

Dietrich Kelterer hat indes eigene Erinnerungen an die Ereignisse: "Der Volksmund bezeichnete das Kunstwerk als ,Eingang zur Geisterbahn'", stellt der ehemalige Kulturamtsleiter klar. "Das hat die Machthaber gestört", ist sich der Plauener sicher. Und das sei seiner Ansicht nach auch Grund für die Sandsteinplatten gewesen, die die ursprüngliche Gestaltung abdeckten.

Kelterer zollt den Handwerkern Respekt, die 1987 die Platten montierten. "Die hatten Achtung davor", ergänzt er. Denn die Arbeiter hätten das Bild fachgerecht geschont und nicht zerstört. Das sieht auch Restauratorin Sonnhild Müller so: "Das ist Kalkputz und der lässt sich leicht abnehmen", sagt die Inhaberin der 1882 gegründeten Plauener Restaurierungswerkstatt über die aufgebrachte Schicht. Im Herbst vorigen Jahres seien drei Bohrkerne entnommen worden. Sie habe den Verantwortlichen im Rathaus vorgeschlagen, jetzt zunächst zwei Flächen zu je einem Quadratmeter freizulegen und dann weiterzusehen.

"Inzwischen sind die Sandsteinplatten abgenommen worden, nun muss der Putz vorsichtig entfernt werden", teilte die Stadtverwaltung in dieser Woche den aktuellen Stand mit. Das sei Ende August bei einer Begehung mit dem Gebietsreferenten des Landesamtes für Denkmalpflege, Thomas Noky, festgelegt worden. Derzeit bereiten die zuständigen Rathaus-Mitarbeiter die Ausschreibung der Arbeiten vor.

Es wird also noch eine Weile dauern, ehe die Arbeiten am Rathauseingang fortgesetzt werden können, informiert Projektleiter Axel Markert von der städtischen Gebäude- und Anlageverwaltung. Nach Entfernung des Putzes werde eine erneute Begehung mit dem Denkmalschutz erfolgen. Das Gerüst bleibt bis zum Beginn der Sanierungsarbeiten am Nord-West-Flügel Anfang kommenden Jahres stehen. Der Zugang zum Rathaus ist über den Haupteingang möglich.

Nach den Akten im Stadtarchiv war das Wandbild im Zuge des Rathausneubaus 1976 auf einer Fläche von 250 Quadratmetern geschaffen worden. Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht verwendeten Granulat und Kleber, die sie selbst entwickelt hatten. Die Denkmalschutzbehörde stufte das Werk der beiden vor fünf Jahren als "seltenes Beispiel abstrakter Wandgestaltung in der architekturbezogenen Kunst" ein.

Die Entfernung vor dem Ende der DDR sei möglicherweise Indiz dafür, "dass sich die Haltung zu dieser modernen, abstrakten Gestaltung später wieder geändert hat", schreibt die Behörde. In alten Akten wird ein anderer Grund genannt: Die Granulat-Beschichtung "weist umfangreiche Schäden auf", steht in einem Papier vom Juli 1987. Eine Instandsetzung sei nötig. Dabei orientiere man auf die "ursprünglich geplante Sandsteinverkleidung, die seinerzeit aus ökonomischen Gründen nicht realisiert werden konnte", schreibt der Rat der Stadt. Die Arbeiten zur Abdeckung des Kunstwerks begannen im Juli 1987. Die Gestaltung von Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht zierte also elf Jahre den Zugang. Die Einweihung des Rathausneubaus war am 28. Oktober 1976.

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